Jahresbilanz des Mikrosystems: Knospen in der Wüste

Vom Hl. Augustinus („In jedem Menschen finden sich gleichzeitig ein Adam und ein Christus“) über Abaelard („Sic et non“), Hegel und Marx bis hin zu Leandro Konder wissen wir, dass die Wirklichkeit dialektisch aufgebaut sein muss. Das heißt, sie ist widersprüchlich, denn die Gegensätze heben sich nicht gegenseitig auf, sondern befinden in ständiger Spannung, existieren nebeneinander und erzeugen so eine Dynamik in der Geschichte. Dies ist kein Baufehler, sondern ein Markenzeichen unserer Wirklichkeit. Keiner hat es besser ausgedrückt als der Poverello von Assisi, als er betete: „Wo Hass ist, lass mich Liebe säen, wo Dunkelheit ist, lass mich Licht säen, wo Irrtum herrscht, lass mich die Wahrheit bringen…“ Es geht nicht darum, einen der Pole zu leugnen oder zu annullieren, sondern sich für den einen zu entscheiden, der lichtvoll ist und diesen zu stärken, sodass er den anderen, den negativen, davor bewahren kann, so destruktiv zu sein.

Wozu diese Überlegung? Sie ist ein Versuch, aufzuzeigen, dass das Böse nie so böse ist, als dass es die Gegenwart des Guten verhindern könne; noch ist das Gute jemals so gut, als dass es die Kraft des Bösen bezwinge. Wir müssen lernen, mit diesen Gegensätzen umzugehen. In einem vorigen Artikel versuchte ich, eine globale, negative Jahresbilanz des Makrosystems zu ziehen, die zum Ausdruck brachte, dass alles immer schlimmer wird. Doch dialektisch gesehen gibt es hier auch eine positive Seite, auf die hinzuweisen wichtig ist. Werfen wir voll Hoffnung einen Blick auf die Bilanz des Mikrosystems, so erkennen wir, dass in der Wüste Blumen blühen. Und dies geschieht überall auf der Erde. Man muss nur an den Weltsozialforen teilnehmen und an Volksbewegungen, die vielerorts stattfinden, um zu erkennen, dass neues Leben erblüht: unter den Opfern des Systems, sogar in Unternehmen und unter Führungskräften, die dem alten Paradigma den Rücken gekehrt und begonnen haben, eine rettende Arche Noah zu bauen.

Wir wollen Anmerkungen zu einigen Punkten dieser Veränderungen machen, welche die Lebensfähigkeit der Erde und unsere Zivilisation bewahren könnten:

Der erste Punkt besteht in der Überwindung der Diktatur der instrumentellen analytischen Vernunft, die die Hauptverantwortung für die Zerstörung der Natur trägt. Dazu muss die emotionelle Logik oder die Logik des Herzens eingebunden werden, die uns in das Geschick des Lebens und der Erde involviert, sodass wir uns um Achtsamkeit und Liebe bemühen und nach dem guten Leben suchen.

Als zweites ist die weltweite Erstarkung der Solidarwirtschaft zu nennen, die der Agro-ökologie, der organischen Landwirtschaft, der Bio-Wirtschaft und der Bio-Entwicklung als Alternativen zum materiellen Wachstum durch das BIP.

Beim dritten Punkt handelt es sich um einen demokratischen Öko-Sozialismus, der neue Produktionsformen vorschlägt, und zwar mit der Natur statt gegen die Natur, und damit einhergehend die notwendige globale Kontrolle.

Der vierte Punkt ist der Bioregionalismus, der sich als Alternative zur vereinheitlichenden Globalisierung anbietet und die Güter und Dienstleistungen jeder einzelnen Region mit ihrer Bevölkerung und ihrer Kultur wertschätzt.

Fünftens haben wir das gute Leben der Ureinwohner der Anden. Es verlangt die Schaffung eines Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur durch eine Gemeinschaftsdemokratie und durch den Respekt für die Rechte der Natur und von Mutter Erde. Hier ist auch der Index für das Bruttonationalglück zu nennen, den die Regierung Bhutans eingeführt hat.

Der sechste Punkt ist die gemeinsame Genügsamkeit oder die freiwillige Einfachheit, die die Nahrungssouveränität aller stärkt, das rechte Maß und die Selbstkontrolle über den zwanghaften Wunsch nach Konsum.

Der siebte Punkt ist die sichtbare Führungsrolle der Frauen und der Urvölker, die der Natur ein neues Wohlwollen entgegenbringt und solidarische Produktions- und Konsumweisen fördert.

Der achte Punkt steht für die langsame, aber wachsende Akzeptanz der Kategorien von Achtsamkeit als Voraussetzungen für wahre Nachhaltigkeit. Das bedeutet eine Trennung von der Kategorie der Entwicklung und wird als eine Logik des Lebensnetzes verstanden, das die Verflochtenheit aller mit allen sicherstellt und so das Leben auf Erden erhält.

Der neunte Punkt ist das Durchdringen der Ethik der universellen Verantwortung, denn wir sind alle verantwortlich für unser gemeinsames Geschick, das Unsere und das der Mutter Erde.

Der zehnte Punkt steht für die Wiederaufnahme der spirituellen Dimension, die die Religionen übersteigt und uns erlaubt, uns als ein Teil des Ganzen zu fühlen, die universelle Energie wahrzunehmen, die alles durchdringt und erhält und uns zu Pflegern und Hütern des heiligen Erbes macht, das wir durch das Universum und von Gott erhalten haben.

All diese Initiativen sind mehr als nur Samenkörner. Sie sind schon Triebe, die das mögliche Aufblühen einer neuen Erde erkennen lassen, bewohnt von einer Menschheit, die lernt, Verantwortung zu übernehmen, achtsam zu sein und zu lieben und so die Nachhaltigkeit dieses unseres kleinen Planeten zu stärken.

Siehe auch: Leonardo Boff: „Zukunft für Mutter Erde. Warum wir als Krone der Schöpfung abdanken müssen München, Claudius Verlag 2012

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die Jahresbilanz von 2013: alles wird schlimmer

Die Welt ist komplex. Es ist unmöglich, eine einheitliche Bilanz zu ziehen. Ich werde den Versuch wagen, eine Bilanz von der Makroökonomie zu ziehen, von der unsere Zivilisation bestimmt wird, und eine andere in Bezug auf die Mikroökonomie. Bedenken wir die Art und Weise bedenken, wie die Machthaber der aktuellen Krise begegnen, welche herrührt vom grenzenlosen Raubbau an der Natur sowie der grenzenlosen materiellen Bereicherung, ferner die daraus entstehende doppelte Ungerechtigkeit: die soziale Ungerechtigkeit mit ihren perversen weltweiten Ungleichheiten und die ökologische Ungerechtigkeit mit der Zerstörung der Lebensnetzwerke, die unser Überleben garantieren sollen. Und wenn wir uns des weiteren auf die UN-Klimakonferenz „COP 18“ beziehen, die Ende des Jahres über die Erderwärmung in Doha (Katar) stattfand, können wir ohne Übertreibung behaupten, dass sich alles nur weiter verschlimmert. Wenn wir so weitermachen, werden wir womöglich schon bald in einen ökologischen Abgrund stürzen.

Die notwendigen Maßnahmen für einen Richtungswechsel wurden immer noch nicht ergriffen. Die spekulative Wirtschaft blüht weiterhin, die Märkte sind mehr denn je vom Konkurrenzdenken geprägt – d. h. weniger reguliert denn je -, und der ökologische Alarm, der sich in der Erderwärmung Gehör verschafft, wird praktisch ignoriert. Man könnte sagen, dem Kyoto-Abkommen wurde in Doha die Letzte Ölung erteilt. Ironischerweise wird auf der ersten Seite des Abschlussberichts zugegeben, dass kein Problem gelöst, sondern auf 2015 verschoben wurde: „Der Klimawandel stellt eine akute und möglicherweise irreversible Bedrohung für die Menschheitsgesellschaft und für den Planeten dar, und dieses Problem muss dringend von allen Ländern angegangen werden.“ Es wurde jedoch noch nicht angegangen. Wie zu Noahs Zeiten essen und trinken wir seelenruhig weiter, wischen die Tische der sinkenden Titanic und hören dabei Musik. Das Haus steht in Flammen, und wir belügen einander, indem wir sagen, alles ist gut.

Für diese anscheinend pessimistische realistische Schlussfolgerung sehe ich zwei Gründe. Mit José Saramago würde ich sagen: „Ich bin nicht pessimistisch; die Wirklichkeit ist furchtbar; ich bin realistisch.“ Der erste Grund ergibt sich aus der falschen Prämisse, die die Krise aufrechterhält und nährt: das Ziel ist grenzenloses materielles Wachstum (Wachstum des BIP), das durch Ausbeutung fossiler Energien erreicht wird und durch einen völlig freien Kapitalfluss, vor allem spekulativen Kapitals. Diese Vorstellung zieht sich durch die Pläne aller Länder einschließlich Brasiliens. Der Irrtum dieser Prämisse liegt in der völligen Nichtbeachtung der Grenzen des Erdsystems. Ein begrenzter Planet kann kein grenzenloses Projekt unterstützen. Das ist nicht nachhaltig. Darüber hinaus wird der Begriff Nachhaltigkeit vermieden, der sich von den Lebenswissenschaften ableitet; Nachhaltigkeit ist nicht linear; sie wird durch wechselseitig voneinander abhängige Netzwerke aller mit allen organisiert, die das Funktionieren aller Faktoren sichert, die den Fortbestand des Lebens und unserer Zivilisation garantieren. Eher bevorzugt man den Begriff nachhaltiges Wachstum und ignoriert die Tatsache, dass dies ein innerlich sich selbst widersprechendes Konzept ist, denn es ist linear, stets wachsend und setzt die Beherrschung der Natur voraus und nimmt die Zerstörung des Gleichgewichts des Ökosystems in Kauf. Man wird niemals eine Übereinkunft zum Klima finden, denn das machtvolle Ölkonsortium beeinflusst die Regierungspolitik und bekämpft alle Maßnahmen, die Profiteinbußen für sie zur Folge hätten. Daher unterstützen sie nicht die alternativen Energien. Sie suchen nur das ständige Wachstum des PIB.

Dieses Modell wird durch die Fakten widerlegt: es funktioniert nicht einmal mehr in den  Kernländern der Weltwirtschaft, wie die aktuelle Krise zeigt, und schon gar nicht in den peripheren Ländern. Entweder muss man eine andere Art von Wachstum finden, was essentiell für das Lebenssystem ist, – doch muss dies in einer Weise geschehen, die die Kapazität der Erde und die Rhythmen der Natur respektiert, – oder wir werden uns auf das Unaussprechliche gefasst machen müssen.

Der zweite Grund ist von eher philosophischen Größenordnung und ist etwas, wofür ich seit mehr als 30 Jahren kämpfe: Er beinhaltet paradigmatische Konsequenzen: die  Entfesselung der Intelligenz des Herzens oder der emotionalen Intelligenz, um die destruktive Gewalt der instrumentellen Vernunft auszugleichen, die seit Jahrhunderten durch den akkumulativen Produktionsprozess in Geiselhaft genommen wurde. Wie der französische Philosoph Patrick Viveret uns sagt: Instrumentelle Vernunft ohne emotionelle Intelligenz kann uns leicht zur schlimmsten Barbarei führen.“ („Vers une sobriété heureuse“, Patrick Viveret); denken wir nur an den neuen Plan für die Menschheit, den Himmler in seinem Projekt ausgearbeitet hatte und der in der Shoah kulminierte sowie in der Ermordung der Sinti und Roma und der geistig behinderten Menschen.

Wenn wir die emotionale Intelligenz nicht in die instrumental-analytische Vernunft einbinden, werden wir nie in der Lage sein, die Schreie von Mutter Erde zu vernehmen, nicht den Schmerz der vernichteten Wälder und Urwälder, noch die gegenwärtige Ausrottung der Artenvielfalt in einer Größenordnung von fast 100 000 Spezies pro Jahr (E. Wilson). Und neben der Nachhaltigkeit bedarf es der Achtsamkeit, des Respekts und der Liebe für alles, was existiert und lebt. Ohne diese Revolution des Geistes und des Herzens werden wir tatsächlich alles nur noch verschlimmern.

(Siehe mein Buch: „Die Erde ist uns anvertraut: Eine ökologische Spiritualität,“Butzon&Bercker, 2010)

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Weihnachten: die Verwirklichung der PUER AETERNUS, des Ewigen Kindes

Weihnachten gibt uns immer wieder die Gelegenheit, zum ursprünglichen Christentum zurückzufinden. Zuerst haben wir da die Botschaft Jesu: Gott zu erfahren als einen Vater mit mütterlichen Eigenschaften; bedingungslose Liebe, Gnade und völlige Hingabe an einen Traum: den Traum vom Reich Gottes. Zweitens haben wir die Jesus-Bewegung: diejenigen, die sich, ohne einer Konfession oder einem Dogma anzuhängen, von Seiner großzügigen und radikal menschlichen Saga begeistern lassen und Ihn als gültiges Leitbild wählen. Drittens gibt es die Theologien über Jesus, die sich in den Evangelien finden, die 40-50 Jahre nach Seiner Hinrichtung am Kreuz niedergeschrieben wurden. Die Gemeinden, die jedem dieser Evangelien zugrunde liegen, erarbeiteten ihre Interpretationen über das Leben Jesu, Seine Praktiken, Seine Konflikte mit den Autoritäten, Seine Gotteserfahrung und über die Bedeutung Seines Todes und  Auferstehung. Jedoch verdunkelten sie seine Person mit so vielen Doktrinen, dass es schwierig ist zu wissen, wer der historische Jesus, der unter uns lebte, wirklich war.  Und letztlich gibt es da Kirchen, die versuchen, das Vermächtnis Jesu fortzuführen. Eine dieser Kirchen, die katholische Kirche, beansprucht, die einzig wahre Hüterin Seiner Botschaft und deren ausschließliche Auslegerin zu sein. Ein solcher Anspruch macht einen ökumenischen Dialog und eine Einheit der Kirchen, die nicht  durch Beckehrung zustande käme, praktisch unmöglich.

Wir neigen heute dazu zu behaupten, dass keine der Kirchen Jesus für sich allein beanspruchen kann. Er gehört der ganzen Menschheit und ist ein Geschenk Gottes für alle aus allen Teilen der Erde.

Nimmt man die katholische Kirche als Bezugsgröße, so lässt sich feststellen, dass sich in ihrer jahrtausendealten Geschichte zwei Tendenzen – neben anderen weniger ausgeprägten – lange durchgehalten und entwickelt haben. Die erste beruht sehr stark auf den Begriffen von Schuld, Sünde und Buße. In der katholischen Kirche schwebt über diesen Wirklichkeiten das Schreckgespenst der Hölle, des Fegefeuers und der Angst.

Grundsätzlich können wir sagen, dass Angst einer der fundamentalen Faktoren im Vordringen des Christentums war, wie Jean Delumeau in seinem Klassiker „Die Angst im Abendland“ (La peur en occident, 1978) aufzeigte. Die Vorgehensweise zur Zeit Karls des Großen war: Entweder du bekehrst dich zum Christentum, oder wir helfen mit dem Schwert nach. Liest man die ersten Katechismen Lateinamerikas, wie z. B. den ersten von Fray Pedro de Cordoba, Doctrina cristiana (Christliche Doktrin) von 1510 und 1544, kommt diese Tendenz klar zum Vorschein. Er beginnt mit einer idyllischen Beschreibung des Himmels, gefolgt von einer schrecklichen Schilderung der Hölle, „wo sich all eure Vorfahren, Väter, Mütter, Großeltern, Verwandte befinden … und wohin auch ihr kommt, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ In manchen Teilen der Kirche bedient man sich noch heute dieser Kategorien von Angst und Hölle.

Eine andere, zeitgemäßere Tendenz, die meiner Meinung nach Jesu Botschaft näher kommt, legt den Schwerpunkt auf Mitgefühl und Liebe, die ursprüngliche Gerechtigkeit  und auf ein gutes Ende für die Schöpfung. Sie versteht die Heilsgeschichte so, dass sie innerhalb der Geschichte der Menschheit aufkommt und nicht alternativ zur Menschheitsgeschichte. Diese Tendenz beschreibt ein fröhlicheres Christentum, das im Dialog mit den modernen Kulturen und Werten steht.

Das Weihnachtsfest steht in Verbindung zu dieser letzteren Tendenz des Christentums. Was gefeiert wird, ist das Gott-Kind, das weinend zwischen Ochs und Esel liegt und das weder Angst auslöst noch irgendjemanden richtet. Es ist gut, das sich das Christentum auf dieses Kind besinnt. Es repräsentiert den archetypischen Puer aeternus, das ewige Kind, das wir im Grunde unseres Herzens immer selbst geblieben sind.

Eine der besten Schülerinnen C. G. Jungs, Marie-Louise von Franz, analysierte diesen Archetypus ausführlich in ihrem Buch, Puer Aeternus, 1987. Es beschreibt einen gewissen Zwiespalt. Lassen wir das Kind hinter uns, so wird eine regressive Energie frei, die bestimmt ist von Sehnsüchten nach einer Welt, die es nicht mehr gibt und die niemals ganz überwunden und verinnerlicht worden war. Wir bleiben dann weiterhin kindlich.

Doch wenn wir das Ewige Kind vor uns stellen, lässt es in uns eine Erneuerung des Lebens aufstrahlen, eine Unschuld, und neue, auf die Zukunft hin ausgerichtete Handlungsmöglichkeiten.

Dies sind nun die Gefühle, die wir an diesem Weihnachtsfest nähren wollen, inmitten einer düsteren Situation für die Erde und die Menschheit: das Gefühl, dass wir immer noch eine Zukunft haben und uns retten können, da der Stern großmütig und das Kind ewig ist, denn Er nahm in ihm Gestalt in dieser Welt an und wird nicht zulassen, dass alles untergeht. Die Menschlichkeit und Fröhlichkeit des Gottes aller Nationen hat sich in ihm manifestiert. Alles andere ist sinnlos.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Weihnachten: ein wahrer christlicher Mythos

Vor einigen Wochen hat sich der Papst nach ausführlicher Vorbereitung und Betrachtung der Umstände erneut als Theologe präsentiert und ein Buch über die Kindheit Jesu veröffentlicht. In diesem stellt er die klassische und traditionelle Vision dar, die in diesen idyllischen Bildern eine historische Begebenheit sieht. Dieses Buch hat so manchen Theologen perplex gemacht, hat doch die biblische Exegese über diese Texte bereits seit über 50 Jahren gezeigt, dass es sich hier nicht um historische Sachverhalte handelt, sondern um wohldurchdachte Theologie auf hohem Niveau, die von Matthäus und Lukas erarbeitet wurde (bei Markus und Johannes wird nichts über die Kindheit Jesu gesagt), um den Beleg zu erbringen, dass Jesus der Messias gewesen sein muss, der Sohn Davids und Sohn Gottes.

Aus diesem Grund haben wir es hier mit einer literarischen Gattung zu tun, die zwar einen historischen Aspekt besitzt, aber tatsächlich literarische Ausdrucksformen beinhaltet, wie zum Beispiel die Weisen aus dem Morgenland (um die Heiden zu benennen), die Hirten (die Ärmsten, die als Sünder erachtet wurden, denn sie befanden sich immer im Umfeld der Tiere), der Stern und die Engel (um die Göttlichkeit Jesu zu zeigen), Bethlehem – was nicht als geografischer Hinweis gedacht ist, sondern als ein theologischer Ort: der Ort, von dem der Messias kommen sollte – und nicht aus Nazareth, das völlig unbekannt war, wo aber Jesus vermutlich tatsächlich geboren wurde. Doch dies ist nicht wichtig, denn dieses Thema verlangt nach einer außergewöhnlichen Nachforschung.

Wichtig ist, dass wir sagen können, dass wir angesichts der rührenden Weihnachtsgeschichte vor einem grandiosen Mythos stehen – im positiven Sinne, so wie es in der Anthropologie verwendet wird: der Mythos als eine Übermittlung einer so tiefen Wahrheit, dass sie sich nur in einer mythischen, figurativen und symbolischen Sprache adäquat ausdrücken lässt. Dies ist die Aufgabe des Mythos. Er ist wahr, wenn der Sinn, den er vermitteln möchte, wahr ist und die ganze Gemeinde erleuchtet. Daher ist Weihnachten ein christlicher Mythos, voller Wahrheit über die Nähe Gottes und seine Gnade.

Wir benutzen heutzutage andere Mythen, um die Wichtigkeit Jesu auszudrücken. Für mich ist ein antiker Mythos von großer Bedeutung, den die Kirche benutzt hat, um die kosmische Erschütterung vor Jesu Geburt zu beschreiben. Dort heißt es: „Als die Nacht ihren Höhepunkt erreichte, breitete sich eine tiefe Stille aus, das Laub hörte auf zu rascheln, als wäre es erstorben; der Wind, der zuvor noch flüsterte, blieb still in der Luft stehen; der Hahn verstummt mitten in seinem Gesang; das Wasser des Flüsschens unterbrach seinen Lauf; die Schafe hörten auf, umherzulaufen; der Schäfer, der seinen Hirtenstab erhob, blieb wie versteinert. Nun war alles erstarrt, alles verharrte in Stille, alles blieb in der Schwebe, denn Jesus war geboren, der Retter der Menschheit und der Welt.“

Weihnachten will uns hier die Vorstellung von einem Gott mitteilen, der nicht die strenge Person ist, die mit durchdringendem Blick unser Leben kontrolliert. Er erscheint als Kind. Kinder richten nicht. Sie wollen nur geliebt werden und spielen können.

Hier kommt von der Krippe eine Stimme, die mir zuflüstert: „Oh, menschliche Kreatur, warum hast du Angst vor Gott? Siehst du nicht, dass seine Mutter seinen kleinen zerbrechlichen Körper in Windeln gewickelt hat? Merkst du nicht, dass er niemanden bedroht noch richtet? Hörst du nicht sein leises Wimmern? Mehr als dass er helfen könnte, benötigt er selbst der Hilfe und Zärtlichkeit. Weißt du nicht, dass er der Gott-mit-uns wie-wir ist? An dieser Stelle hören wir auf zu denken und öffnen unser Herz, damit es fühlt, mitfühlt und liebt. Wie sonst könnten wir reagieren angesichts des Kindes, von dem wir wissen, dass in ihm Gott Mensch geworden ist?

Vielleicht hat niemand besser als der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa Weihnachten und das Jesuskind beschrieben, der sagt: „Er ist das ewige Kind, der Gott, der uns fehlte. Er ist der lachende und spielende Gott. Er ist ein so menschliches Kind, dass er göttlich ist.“

Später wurde aus dem Jesuskind der Heilige Nikolaus und schließlich der Weihnachtsmann gemacht. Das ist nicht so schlimm, denn im Grunde geht es auch hier um den Geist der Güte und der Nähe und des göttlichen Geschenks.

Der Leitartikelschreiber der „New York Sun“ Francis Church hat dies geahnt, als er 1897 auf den Brief der 8-jährigen Virginia antwortete, die ihn fragte: „Lieber berühmter Journalist, sage mir die Wahrheit: Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?“ Weise antwortete er:

„Ja, Virginia, gewiss gibt es den Weihnachtsmann, genauso sicher, wie es die Liebe, Großzügigkeit und Zuneigung gibt. Und du weißt, dass es dies alles wirklich gibt und es mehr Schönheit und Freude in unser Leben bringt. Wie schade wäre es, wenn es den Weihnachtsmann nicht gäbe! Das wäre so traurig, als gäbe es keine Kinder wie dich. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die unser Leben leichter und erträglicher machen. Aber dafür müssen wir lernen, mit den Augen des Herzens und der Liebe zu sehen. Ob es den Weihnachtsmann gibt? Gott sei Dank gibt es ihn, und es wird ihn geben, solange es große und kleine Kinder gibt, die gelernt haben, mit den Augen des Herzens zu sehen.“

Versuchen wir, an diesem Fest mit den Augen des Herzens zu sehen, so wie wir alle gelernt haben, mit den Augen der Vernunft zu sehen. Darum sind wir sonst so kalt. Heute wollen wir dem Herzen sein Recht zuteil werden lassen: Wir wollen uns erlauben, uns mit unseren Kindern ergreifen lassen, erlauben, dass sie träumen und vor Zärtlichkeit erzittern angesichts des göttlichen Kindes, das Freude und Glück empfand, als es beschloss, durch die Menschwerdung einer von uns zu werden.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack