Die Wüste: ökologische Realität und existenzielle Metapher

Die Wüste ist sowohl eine mysteriöse Wirklichkeit als auch eine tiefe Metapher für die Widersprüche im Leben der Menschen.

40 % der Erdoberfläche befinden sich zurzeit im fortgeschrittenen Stadium der Versteppung. Die Wüste wächst in einer Größenordnung von 60.000 Quadratkilometern pro Jahr, das entspricht 12 Hektar pro Minute. In Brasilien befinden sich eine Million Quadratkilometer im Prozess der Versteppung, einschließlich 180.000 Quadratkilometern allein im Nordosten und in Minas. Dieses Phänomen, das die Ernte bedroht und somit Hunger und Emigration ganzer Bevölkerungsstriche hervorruft, ist das Ergebnis von Entwaldung, geringer Bodennutzung, Klimawandel und der Winde.

Bedenken wir, dass vor 10 000 Jahren die größte Wüste der Welt, die Sahara, mit 9.065.000 km² größer als Brasilien, von dichten tropischen Wäldern bedeckt war und sich dort Fossilien von Dinosauriern und Ruinen einstiger Zivilisationen befinden, da damals der Nil in den Atlantik mündete. Dann wandelte sich jedoch das Klima auf drastische Weise und verwandelte dieses Gebiet in eine immense Savanne und später in eine dürre und extrem trockene Wüste. Ist dies kein Warnzeichen für den Amazonas-Urwald?

Doch das Leben ist immer stärker. Es widersteht, passt sich an und am Ende triumphiert es. Immer noch keimt das Leben in den Wüsten mit mehr als 800 Pflanzenarten, winzigen Insekten und Tieren. Es reicht, dass ein feuchterer Wind geht oder ein paar Tropfen Wasser fallen, und das unsichtbare Leben bricht in ganzer Pracht wieder auf.

Innerhalb von acht Tagen keimt Samen, blüht auf, reift und bringt Früchte hervor, die zu Boden fallen. Der Samen hält sich im Boden. Er wartet über ein Jahr in der Hitze der Sonne und der Peitsche des Windes, bis er wieder keimen und den ununterbrochenen und triumphierenden Lebenszyklus fortsetzen kann. Andere Sträucher wiederum rollen sich ein und krümmen sich, um sich vor dem Wind zu schützen und zu überleben.

Ebenso ernähren sich kleine Tiere von Insekten, Schmetterlingen, Libellen und vom durch den Wind gebrachten Samen.

Doch wo es eine Oase gibt, scheint die Natur alles wettzumachen: das Grün ist grüner, die Atmosphäre vergnügter, und die Früchte sind farbenfroher. Sie alle verkünden den Sieg des Lebens.

Mit Hilfe von Technologie eröffnet sich der Mensch die Wüsten, baut lange Autobahnen und gewinnt die Wüste für die Zivilisation zurück, so wie es in den Vereinigten Staaten geschieht, in China und in Chile. Dies ist die Wirklichkeit der Ökologie der äußerlichen Wüste.

Es gibt aber auch innere Wüsten, die ebenfalls eine tiefe Ökologie besitzen. Jeder Mensch hat eine Wüste, durch die er hindurch wandern muss auf der Suche nach dem „gelobten Land“. Dies ist eine schmerzvolle Reise, angefüllt mit Luftspiegelungen. Doch es wartet immer auch eine Oase, um diesen Menschen wieder aufzubauen.

Es gibt solche und solche Wüsten: Wüsten der Sinne, des Geistes, des Glaubens. Die Wüste der Sinne tritt vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Nach einigen Jahren erfährt die Beziehung eines Paares die Wüste der täglichen Monotonie und der Verblassung der gegenseitigen Bezauberung. Wenn es keine Kreativität oder gegenseitige Akzeptanz der Schwächen des anderen gibt, kann die Beziehung sterben. Wird die Wüste nicht durchquert, so bleibt man darin stecken.

Es gibt auch eine Wüste des Geistes. Als das Christentum im 4. Jahrhundert begann, bürgerlich zu werden, beschlossen einige Laienchristen, den Traum des Jesus von Nazareth lebendig zu halten. Sie gingen in die Wüste, um das gelobte Land in ihren eigenen Seelen zu finden und um den unverhüllten und lebendigen Gott anzutreffen. Und sie trafen auf Gott. Es geht dabei um eine gefährliche Durchquerung der Wüste. Der heilige Johannes vom Kreuz spricht von der „schrecklichen und Furcht erregenden“ Nacht des Geistes. Doch diese führt zu einer radikalen Vereinigung. Dann wird aus der Dürre das verlorene Paradies geboren. Die Wüste ist eine Metapher für diese Suche und diese Begegnung.

Schließlich gibt es noch eine Wüste des Glaubens. Zurzeit erlebt die katholische Kirche eine karge Wüste, denn der Frühling, der durch das 2. Vatikanische Konzil erwachte, wurde in einen strengen Winter verwandelt durch die Maßnahmen, die das Zentralorgan des Vatikans unternahm in seiner Bemühung, Traditionen und Frömmigkeitsübungen zu erhalten, die dem mittelalterlichen Modell von Machtkirche entsprechen. Die Kirche reagiert auf die Rufe des Volkes wie eine belagerte und verschlossene Festung, die für die Klagen und Hoffnungen des Volkes verschlossen bleibt. Dies ist ein Modell einer Kirche der Angst, des Misstrauens und der Armut an Kreativität, was Unzulänglichkeit des Glaubens und des Vertrauens in den Geist des Jesus von Nazareth aufdeckt. Das Gegenteil von Glauben ist nicht Atheismus, sondern Angst. Eine ängstliche Kirche verliert ihre wichtigste Substanz, d. h. den lebendigen Glauben. Die pädophilen Verbrechen vieler Geistlicher und die Finanzskandale der Vatikanbank führten viele Gläubigen zu einer Erfahrung der Wüste und dazu, aus der Institution auszutreten, selbst wenn sie am Traum Jesu und an den Evangelien festhalten. Wir leben in einer kirchlichen Wüste ohne das geringste Anzeichen einer Oase am Horizont. Dies ist unsere Herausforderung: die Durchquerung der Wüste trotz allem zu unternehmen, in der Gewissheit, dass der Geist erscheint und Blumen in der Wüste erblühen lassen wird. Doch wie schmerzhaft ist die Reise!

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Hungersnot: eine ethische und politische Herausforderung

Aufgrund des wirtschaftlichen Rückgangs, der durch die aktuelle Finanzkrise bedingt ist, sprang die Anzahl der Hungernden, laut Angaben Welternährungsorganisation, von 860 Millionen auf 1,2 Milliarden. Dieser perverse Tatbestand birgt eine ethische und politische Herausforderung. Wie können wir die lebensnotwendigen Bedürfnisse dieser Millionen und Abermillionen Menschen stillen?

In der Vergangenheit war dies schon eine großen Herausforderung, denn es war noch nie möglich, die Nachfrage nach Nahrung völlig zu befriedigen, sei es aus Gründen des Wetters, der Fruchtbarkeit des Bodens, des Mangels an sozialer Organisation. Abgesehen vom ersten Paläolithikum, als die Bevölkerung zahlenmäßig klein war und Lebensmittel in Fülle vorhanden waren, hat es Hungersnöte schon immer im Lauf der Geschichte gegeben. Die Nahrungsverteilung war fast immer ungerecht.

Die Hungerkatastrophe ist nicht wirklich ein technisches Problem. Es existieren Techniken, um mit außerordentlicher Effizienz zu produzieren. Die Produktion der Nahrung übersteigt das Wachstum der Weltbevölkerung, doch sie wird schlecht verteilt. 20 % der Menschheit verbrauchen 80 % der Lebensmittel, während 80 % der Menschheit mit 20 % der Lebensmittel auskommen müssen. Genau dort findet sich die Ungerechtigkeit.

Diese anormale Situation rührt daher, dass es der Menschheit an ethischer Empfind-samkeit gegenüber den Mitmenschen mangelt. Es scheint, als hätten wir völlig unsere althergebrachten Ursprünge vergessen und damit die einstige Kooperation, die uns ermöglichte, Mensch zu sein.

Dieses Defizit der Menschheit beruht auf einem Gesellschaftstypus, der das Individuum über die Gemeinschaft stellt, der Privateigentum höher schätzt als solidarische Mitbeteiligung, Wettbewerb über Zusammenarbeit stellt: eine Gesellschaft, die die sogenannten männlichen Werte (in Männern wie in Frauen zu finden) wie Vernunft, Macht und Gewaltausübung höher schätzt als Werte, die als weiblich gelten (und ebenfalls sowohl bei Männern als auch bei Frauen zu finden sind) wie Sensibilität gegenüber den Vorgängen des Lebens, Achtsamkeit und eine Neigung zur Kooperation.

Davon lässt sich ableiten, dass die heutige Ethik eine egoistische und ausgrenzende ist. Sie steht nicht im Dienste des Lebens aller Menschen und ihrer Bedürfnisse, sondern nutzt gewissen Individuen oder Gruppen unter Ausschluss anderer.

Die Wurzel dieser Hungerkatastrophe ist eine grundlegende Unmenschlichkeit. Wenn wir die Ethik der Solidarität nicht bestärken, d. h. die Achtsamkeit der Einen für die Anderen, wird es nicht möglich sein, dieses Übel zu überwinden.

Es ist wichtig zu bedenken, dass die Katastrophe der Hungersnot der Menschen auch eine politische Katastrophe ist. Politik hat mit Organisation der Gesellschaft, mit Machtaus-übung und mit Gemeinwohl zu tun. Die politische Macht wurde im Westen bereits seit mehreren Jahrhunderten durch die Wirtschaftsmacht, die sich in der kapitalistischen Produktionsweise ausdrückt, in Geiselhaft genommen, und nun geschieht dies auch auf globaler Ebene. Gewinne werden nicht demokratisch verteilt, sodass alle davon profitieren könnten, sondern von denjenigen, die über Eigentum, Macht und Wissen verfügen, privatisiert. Nur in zweiter Linie profitieren davon auch andere. Daran zeigt sich, dass die politische Macht nicht dem Gemeinwohl dient, sondern Ungleichheiten schafft, die wirkliche soziale Ungerechtigkeit repräsentieren, und das nun in globalem Umfang. Infolgedessen bleiben für Abermillionen Menschen nur die Brotkrumen übrig, die nicht ausreichen, um lebensnotwendige Bedürfnisse zu stillen. Oder sie sterben an Krankheiten, die durch den Hunger ausgelöst wurden; zumeist trifft dies unschuldige Kinder.

Wenn sich eine Wertumkehrung nicht ereignet, wenn Wirtschaft nicht durch die Politik geleitet wird, Politik nicht durch Ethik und Ethik nicht durch eine grundlegende Solidarität inspiriert ist, wird es nicht möglich sein, die Probleme des Welthungers und der Unterernährung zu lösen. Die durchdringenden Schreie der Millionen Hungernden steigen beständig zum Himmel, bleiben jedoch ohne wirkungsvolle Antwort, woher auch immer, die diese Schreie zum Verstummen bringen könnte.

Schlussendlich muss auch zugegeben werden, dass sich die Hungersnot ebenso aus der Unkenntnis der Funktion der Frauen in der Landwirtschaft ergibt. Nach Schätzung der FAO sind sie es, die einen Großteil dessen erzeugen, was in der Welt verbraucht wird: 80 % – 98 % im subsaharischen Afrika, 50 % – 80 % in Asien und 30 % in Mitteleuropa. Es wird keine Nahrungssicherheit geben, wenn den Frauen in der Landwirtschaft nicht mehr Entscheidungsgewalt über das Geschick des Lebens auf der Erde gegeben wird. Frauen stellen 60 % der Menschheit dar. Es liegt in ihrer Natur, dass sie stärker mit dem Leben und der Fortpflanzung verbunden sind. Es ist völlig unakzeptabel, dass man ihnen den Bodenbesitz, Kredite und Zugang zu anderen kulturellen Gütern verweigert, nur weil sie Frauen sind. Ebenso wenig werden ihre reproduktiven Rechte anerkannt, und es mangelt ihnen am Zugang zu technischem Know-how, das notwendig ist, um die Lebensmittel-herstellung zu verbessern.

Solange diese Maßnahmen nicht ergriffen werden, erklingen immer noch Gandhis kritische Worte: „Hunger ist eine Beleidigung; er degradiert, entmenschlicht und zerstört Körper und Geist … wenn nicht sogar die Seele; er ist die tödlichste Form von Gewalt, die es gibt.“

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Von der Einsamkeit des Einem zur Gemeinschaft der Drei

Zuletzt schrieben wir, dass Gott ein Mysterium in sich selbst und für sich selbst ist. Für Christen geht es dabei um das Mysterium der Gemeinschaft, nicht der Einsamkeit. Dies ist die heiligste Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die offizielle Lehre besagt: Es gibt drei Personen und nur einen Gott. Ist dies möglich? Ist das nicht absurd: 3 = 1? Wir rühren hier an das, was Christen meinen, wenn sie „Gott“ sagen. Das unterscheidet sich vom absoluten Monotheismus im Judentum und im Islam. Wir sollten den Begriff der Dreifaltigkeit klären, ohne jedoch die Idee des Monotheismus aufzugeben.

Die Drei ist durchaus als Zahl zu verstehen, doch nicht als ein Ergebnis von 1+1+1=3. Wenn wir so mathematisch vorgehen, ist Gott nicht drei, sondern Einer und einzig. Die Zahl Drei dient als ein Symbol, das uns angibt, dass sich mit dem Namen Gott eher Gemeinschaft als Einsamkeit verbindet, Unterschiede, die nicht aus- sondern einschließen, die sich nicht gegenüberstehen, sondern einander ergänzen. Die Zahl Drei wäre dann wie der Heiligenschein, den wir symbolisch um den Kopf von Heiligen malen. Es ist nicht so, dass diese Personen mit ihrem Heiligenschein herumliefen, sondern er ist für uns ein Zeichen, das uns darauf hinweist, dass wir es mit Heiligen zu tun haben. Das Gleiche gilt für die Zahl Drei.

Mit der Zahl Drei machen wir deutlich, dass es innerhalb von Gott Unterschiedliches gibt. Gäbe es nichts Unterschiedliches, so würde die Einsamkeit des Einen herrschen. Das Word Dreifaltigkeit (Drei) steht für Liebe, Gemeinschaft und wechselseitige Beziehungen. Dreifaltigkeit bedeutet genau dies: Unterschiedlich-keiten in Gott, die zu wechselseitigem Austausch führen, und die gegenseitige Hingabe der göttlichen Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Streng genommen sollte man, laut dem Scharfsinn des Hl. Augustinus, nicht von drei Personen sprechen. Jede göttliche Person ist einzig und die Einzigen lassen sich nicht addieren, denn einzig ist keine Zahl. Wenn ich Eins als Zahl sage, geht es immer so weiter: zwei, drei, vier und so würde es unendlich weiter gehen. Immanuel Kant verstand es fälschlicherweise auf diese Art und lehnte aus diesem Grund die Vorstellung der Dreifaltigkeit ab. Folglich hat die Zahl Drei eher einen symbolischen als einen mathema-tischen Wert. Wofür steht die Drei?

Hier kommt uns C. G. Jung zu Hilfe. Er schrieb einen umfassenden Aufsatz über die archetypisch-symbolische Bedeutung der christlichen Dreifaltigkeitslehre. Die Drei drückt die innige und grenzenlose Beziehung zwischen den unterschiedlichen Personen aus, die sich miteinander vereinen, d. h. die gemeinsam den einen, einzigen Gott bilden.

Wenn es sich nun aber um drei Einzige handelt, resultiert das dann nicht in einen Tritheismus, d. h. haben wir dann nicht drei Götter anstelle von einem Gott im Monotheismus? Würden hier mathematische Regeln gelten, so wäre das die logische Schlussfolgerung. Wenn ich eine Jacke + eine Jacke + eine Jacke summiere, so habe ich drei Jacken. Doch so funktioniert es nicht bei der Dreifaltigkeit, denn hier haben wir es mit einer anderen Logik zu tun, der Logik der interpersonalen Beziehungen. Dieser Logik zufolge werden Beziehungen nicht summiert; sie sind miteinander verwoben und inklusiv und bilden eine Einheit. So stellen Vater, Mutter und Kinder ein einziges Beziehungsgeflecht dar, indem sie eine einzige Familie bilden. Die Familie ist das Resultat von inklusiven Beziehungen zwischen den Mitgliedern, aus denen sie besteht. Es gibt keinen Vater und keine Mutter ohne ein Kind, noch gibt es ein Kind ohne einen Vater und eine Mutter. Die drei sind geeint, sind eins, eine einzige Familie. Drei verschiedene Wesen, doch eine einzige Familie, die menschliche Dreifaltigkeit.

Wenn wir von der göttlichen Dreifaltigkeit reden, kommt die Logik der interpersonellen Beziehungen ins Spiel, nicht die Logik der Zahlen. In anderen Worten: das innerste Wesen Gottes ist nicht die Einsamkeit, sondern Gemeinschaft.

Gäbe es nur einen Gott allein, würde absolute Einsamkeit herrschen. Gäbe es zwei, einer dem anderen gegenüber gestellt, gäbe es Unterschiedlichkeit und sowohl Abgrenzung als auch Ausschluss (der Eine ist nicht der Andere) und gegenseitiges Betrachten. Wäre das nicht doppelter Egoismus? Bei Dreien wenden sich der Eine und die Beiden sich den Dreien zu und überwinden so die Trennung und finden sich gegenseitig in den Dreien. Eine kreisförmige Gemeinschaft und Inklusion der Einen in den Anderen, durch die Anderen und mit den Anderen; in einem Wort: die Dreifaltigkeit.

Was zuerst existiert ist die Gleichzeitigkeit der drei Einzigen. Niemand existiert davor oder danach. Sie entstehen gemeinsam und kommunizieren endlos gegenseitig miteinander. Aus diesem Grund sagen wir, dass am Anfang die Gemeinschaft war. Eine Konsequenz dieser grenzenlosen Gemeinschaft ist die Vereinigung und die Einheit in Gott. Also: drei Personen und nur eine Gott-Gemeinschaft.

Sagen uns nicht genau das die modernen Kosmologen? Das Universum ist nicht einfach die Summe aller Lebewesen. Es setzt sich zusammen aus Beziehungen, und nichts existiert außerhalb dieser Beziehungen. Das Universum eine große Metapher für die Dreifaltigkeit. Alles ist Beziehung aller mit allen und allem: ein Uni-versum. Und wir sind ein Teil davon.

Siehe auch mein Buch: „Kleine Trinitätslehre“, Matthias-Grünewald-Verlag, 2012

Übersetz von Bettina Gold-Hartnachk

Gott, das bekannte Unbekannte

Am 5. und 6. Oktober fand auf Initiative des Päpstlichen Kulturrats ein weiteres Treffen des „Vorhofs der Völker“ in Assisi statt, das der Frage nach Gott gewidmet war. Das italienische Staatsoberhaupt, Präsident Giorgio Napolitano, und Kardinal Gianfranco Ravasi, Ratsvorsitzender und berühmter Bibelexeget, hatten einen spannenden Dialog über „Gott, das Unbekannte“.

Mit dem „Vorhof der Völker“ war ein weiteres Bestreben, zu Gesprächen zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden aufzurufen. Der Vorhof war der Platz rund um den Tempel Jerusalems, der für die Ungläubigen (Heiden) zugänglich war, die ansonsten keinen Zutritt zum Tempel gehabt hätten. Nun gibt es ein Bestreben, die Verbote aufzuheben, um allen den Zugang zum Tempel zu ermöglichen.

Hierzu erlaube ich mir eine Überlegung anzumerken, die mich schon mein ganzes Leben als Theologe begleitet hat: Gott zu denken als jenseits der religiösen Objektivierungen (Metaphysik) und zu versuchen, Gott als ein stets unbekanntes und gleichzeitig bekanntes Mysterium zu interpretieren. Warum dieser Weg? Einstein gibt uns den Hinweis: „Derjenige, dessen Augen nicht für das Mysterium offen sind, wird auf seinem Lebensweg niemals etwas sehen.“

Tatsächlich finden wir überall, worauf wir schauen, auf das Größte oder Kleinste, nach außen oder nach innen, nach oben oder nach unten, das Mysterium. Das Mysterium ist nicht das Unbekannte; es ist das Bekannte, das uns fasziniert und anzieht, um immer mehr darüber zu erfahren. Bei dem Versuch, es besser kennenzulernen, spüren wir, dass unser Hunger und Durst nach mehr Wissen darüber nie gestillt werden kann. In dem Moment, in dem wir es zu fassen glauben, entgleitet es uns ins Unbekannte. Wir verfolgen es pausenlos, und doch bleibt es ein Mysterium, trotz allen Wissens, und ruft in uns eine grenzenlose Anziehung, tiefe Ehrfurcht und unleugbare Hochachtung hervor. Das Mysterium ist.

Meine Grundaussage lautet: Im Anfang war das Mysterium. Das Mysterium war Gott. Gott war das Mysterium. Gott ist Mysterium für uns und für Gott.

Gott ist in dem Maß ein Mysterium für uns, als wir niemals aufhören, danach zu forschen, sei es durch den Verstand oder durch die Liebe. Jedes Zusammentreffen hinterlässt in uns eine Leere, die zu einem neuen Treffen führt. Jede Erkenntnis öffnet ein weiteres Fenster zu einer neuen Erkenntnis. Das Mysterium Gottes ist nicht die Grenze der Erkenntnis, sondern die Grenzenlosigkeit der Erkenntnis. Es ist die Liebe, die keine Ruhe kennt. Das Mysterium lässt sich in kein Schema pressen und lässt sich schon gar nicht in den engmaschigen Religionen, Kirchen oder Doktrinen gefangen halten. Es wird immer zu erforschen bleiben.

Das Mysterium ist eine abwesende Anwesenheit. Und auch eine anwesende Abwesenheit. Das Mysterium manifestiert sich in unserem völligen Unbefriedigtsein, das unermüdlich und vergebens nach Befriedigung sucht. In diesem Hin und Her zwischen An- und Abwesenheit vollzieht sich das menschliche Sein, tragisch und glücklich, fertig und doch nicht abgeschlossen.

Gott ist Mysterium in sich selbst und für sich selbst. Gott ist Mysterium in sich selbst, denn seine Natur ist Mysterium. Das heißt, Gott als Mysterium erkennt sich selbst, und doch hat seine Selbsterkenntnis keine Grenzen. Das Wissen um Seine Natur als ein Mysterium ist jederzeit vollständig und reichhaltig und ist gleichzeitig immer offen auf eine neue Fülle hin, wobei es immer ewiges und unendliches Mysterium für sich selbst bleibt. Wenn dies nicht so wäre, dann wäre es nicht, was es ist: Mysterium. Folglich ist Er ein absoluter, grenzenloser Dynamismus.

Gott ist ein Mysterium für sich selbst, d. h. wie weit auch immer Er sich selbst erkennt, so ist seine Selbsterkenntnis doch niemals erschöpft. Gott bleibt einer Zukunft gegenüber aufgeschlossen, die eine wirkliche Zukunft ist. Folglich ist Gott aufgeschlossen gegenüber etwas, das noch nicht geschehen ist, doch das geschehen könnte und für Gott selbst neu wäre. Mit der Menschwerdung begann Gott etwas zu werden, das Gott nicht zuvor war. Daher findet in Gott ein Werden statt, ein Zu-etwas-Werden.

Doch das Mysterium offenbart sich selbst ständig und kommuniziert mit sich selbst durch einen inneren Dynamismus. Es geht aus sich selbst heraus, kennt und liebt das Neue, das sich durch Es zeigt. Was offenbart wird, ist keine Reproduktion, sondern immer etwas Anderes und Neues, auch für Gott. Im Gegensatz zu einem Rätsel, das sich selbst auflöst, indem man es löst, erscheint das Mysterium, je mehr es erkannt wird, als etwas immer Unbekannteres, d. h. als Mysterium, das zu mehr Erkenntnis und zu größerer Liebe führt.

Gott-Mysterium zu sagen, bedeutet einen Dynamismus ohne Rückstände auszudrücken, ein Leben ohne Entropie, ein Eindringen ohne Verlust, ein Weiterentwickeln ohne Unterbrechung, ein ewiges Ins-Sein-Kommen, das immer Sein ist. Eine Schönheit, die immer neu und anders ist und die nie verblasst. Mysterium ist Mysterium, jetzt und allezeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Im Angesicht des Mysteriums blockieren sich die Worte, erlöschen die Bilder und verschwinden die Bezugspunkte. Was uns zukommt sind Stille, Verehrung, Anbetung und Kontemplation. Darin zeigt sich die adäquate Haltung dem Mysterium gegenüber.

Mit einem solchen Verständnis werden alle Mauern fallen. Es wird keinen Vorhof für die Völker mehr geben, noch wird es einen Tempel geben, denn Gott hat keine Religion. Gott ist einfach das Mysterium, das alles und jeden und das ganze Universum verbindet und rückbindet. Das Mysterium durchdringt uns, und wir sind eingetaucht ins Mysterium.

Übersetzung: Bettina Gold-Hartnack