Von der Einsamkeit des Einem zur Gemeinschaft der Drei

Zuletzt schrieben wir, dass Gott ein Mysterium in sich selbst und für sich selbst ist. Für Christen geht es dabei um das Mysterium der Gemeinschaft, nicht der Einsamkeit. Dies ist die heiligste Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die offizielle Lehre besagt: Es gibt drei Personen und nur einen Gott. Ist dies möglich? Ist das nicht absurd: 3 = 1? Wir rühren hier an das, was Christen meinen, wenn sie „Gott“ sagen. Das unterscheidet sich vom absoluten Monotheismus im Judentum und im Islam. Wir sollten den Begriff der Dreifaltigkeit klären, ohne jedoch die Idee des Monotheismus aufzugeben.

Die Drei ist durchaus als Zahl zu verstehen, doch nicht als ein Ergebnis von 1+1+1=3. Wenn wir so mathematisch vorgehen, ist Gott nicht drei, sondern Einer und einzig. Die Zahl Drei dient als ein Symbol, das uns angibt, dass sich mit dem Namen Gott eher Gemeinschaft als Einsamkeit verbindet, Unterschiede, die nicht aus- sondern einschließen, die sich nicht gegenüberstehen, sondern einander ergänzen. Die Zahl Drei wäre dann wie der Heiligenschein, den wir symbolisch um den Kopf von Heiligen malen. Es ist nicht so, dass diese Personen mit ihrem Heiligenschein herumliefen, sondern er ist für uns ein Zeichen, das uns darauf hinweist, dass wir es mit Heiligen zu tun haben. Das Gleiche gilt für die Zahl Drei.

Mit der Zahl Drei machen wir deutlich, dass es innerhalb von Gott Unterschiedliches gibt. Gäbe es nichts Unterschiedliches, so würde die Einsamkeit des Einen herrschen. Das Word Dreifaltigkeit (Drei) steht für Liebe, Gemeinschaft und wechselseitige Beziehungen. Dreifaltigkeit bedeutet genau dies: Unterschiedlich-keiten in Gott, die zu wechselseitigem Austausch führen, und die gegenseitige Hingabe der göttlichen Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Streng genommen sollte man, laut dem Scharfsinn des Hl. Augustinus, nicht von drei Personen sprechen. Jede göttliche Person ist einzig und die Einzigen lassen sich nicht addieren, denn einzig ist keine Zahl. Wenn ich Eins als Zahl sage, geht es immer so weiter: zwei, drei, vier und so würde es unendlich weiter gehen. Immanuel Kant verstand es fälschlicherweise auf diese Art und lehnte aus diesem Grund die Vorstellung der Dreifaltigkeit ab. Folglich hat die Zahl Drei eher einen symbolischen als einen mathema-tischen Wert. Wofür steht die Drei?

Hier kommt uns C. G. Jung zu Hilfe. Er schrieb einen umfassenden Aufsatz über die archetypisch-symbolische Bedeutung der christlichen Dreifaltigkeitslehre. Die Drei drückt die innige und grenzenlose Beziehung zwischen den unterschiedlichen Personen aus, die sich miteinander vereinen, d. h. die gemeinsam den einen, einzigen Gott bilden.

Wenn es sich nun aber um drei Einzige handelt, resultiert das dann nicht in einen Tritheismus, d. h. haben wir dann nicht drei Götter anstelle von einem Gott im Monotheismus? Würden hier mathematische Regeln gelten, so wäre das die logische Schlussfolgerung. Wenn ich eine Jacke + eine Jacke + eine Jacke summiere, so habe ich drei Jacken. Doch so funktioniert es nicht bei der Dreifaltigkeit, denn hier haben wir es mit einer anderen Logik zu tun, der Logik der interpersonalen Beziehungen. Dieser Logik zufolge werden Beziehungen nicht summiert; sie sind miteinander verwoben und inklusiv und bilden eine Einheit. So stellen Vater, Mutter und Kinder ein einziges Beziehungsgeflecht dar, indem sie eine einzige Familie bilden. Die Familie ist das Resultat von inklusiven Beziehungen zwischen den Mitgliedern, aus denen sie besteht. Es gibt keinen Vater und keine Mutter ohne ein Kind, noch gibt es ein Kind ohne einen Vater und eine Mutter. Die drei sind geeint, sind eins, eine einzige Familie. Drei verschiedene Wesen, doch eine einzige Familie, die menschliche Dreifaltigkeit.

Wenn wir von der göttlichen Dreifaltigkeit reden, kommt die Logik der interpersonellen Beziehungen ins Spiel, nicht die Logik der Zahlen. In anderen Worten: das innerste Wesen Gottes ist nicht die Einsamkeit, sondern Gemeinschaft.

Gäbe es nur einen Gott allein, würde absolute Einsamkeit herrschen. Gäbe es zwei, einer dem anderen gegenüber gestellt, gäbe es Unterschiedlichkeit und sowohl Abgrenzung als auch Ausschluss (der Eine ist nicht der Andere) und gegenseitiges Betrachten. Wäre das nicht doppelter Egoismus? Bei Dreien wenden sich der Eine und die Beiden sich den Dreien zu und überwinden so die Trennung und finden sich gegenseitig in den Dreien. Eine kreisförmige Gemeinschaft und Inklusion der Einen in den Anderen, durch die Anderen und mit den Anderen; in einem Wort: die Dreifaltigkeit.

Was zuerst existiert ist die Gleichzeitigkeit der drei Einzigen. Niemand existiert davor oder danach. Sie entstehen gemeinsam und kommunizieren endlos gegenseitig miteinander. Aus diesem Grund sagen wir, dass am Anfang die Gemeinschaft war. Eine Konsequenz dieser grenzenlosen Gemeinschaft ist die Vereinigung und die Einheit in Gott. Also: drei Personen und nur eine Gott-Gemeinschaft.

Sagen uns nicht genau das die modernen Kosmologen? Das Universum ist nicht einfach die Summe aller Lebewesen. Es setzt sich zusammen aus Beziehungen, und nichts existiert außerhalb dieser Beziehungen. Das Universum eine große Metapher für die Dreifaltigkeit. Alles ist Beziehung aller mit allen und allem: ein Uni-versum. Und wir sind ein Teil davon.

Siehe auch mein Buch: „Kleine Trinitätslehre“, Matthias-Grünewald-Verlag, 2012

Übersetz von Bettina Gold-Hartnachk

Gott, das bekannte Unbekannte

Am 5. und 6. Oktober fand auf Initiative des Päpstlichen Kulturrats ein weiteres Treffen des „Vorhofs der Völker“ in Assisi statt, das der Frage nach Gott gewidmet war. Das italienische Staatsoberhaupt, Präsident Giorgio Napolitano, und Kardinal Gianfranco Ravasi, Ratsvorsitzender und berühmter Bibelexeget, hatten einen spannenden Dialog über „Gott, das Unbekannte“.

Mit dem „Vorhof der Völker“ war ein weiteres Bestreben, zu Gesprächen zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden aufzurufen. Der Vorhof war der Platz rund um den Tempel Jerusalems, der für die Ungläubigen (Heiden) zugänglich war, die ansonsten keinen Zutritt zum Tempel gehabt hätten. Nun gibt es ein Bestreben, die Verbote aufzuheben, um allen den Zugang zum Tempel zu ermöglichen.

Hierzu erlaube ich mir eine Überlegung anzumerken, die mich schon mein ganzes Leben als Theologe begleitet hat: Gott zu denken als jenseits der religiösen Objektivierungen (Metaphysik) und zu versuchen, Gott als ein stets unbekanntes und gleichzeitig bekanntes Mysterium zu interpretieren. Warum dieser Weg? Einstein gibt uns den Hinweis: „Derjenige, dessen Augen nicht für das Mysterium offen sind, wird auf seinem Lebensweg niemals etwas sehen.“

Tatsächlich finden wir überall, worauf wir schauen, auf das Größte oder Kleinste, nach außen oder nach innen, nach oben oder nach unten, das Mysterium. Das Mysterium ist nicht das Unbekannte; es ist das Bekannte, das uns fasziniert und anzieht, um immer mehr darüber zu erfahren. Bei dem Versuch, es besser kennenzulernen, spüren wir, dass unser Hunger und Durst nach mehr Wissen darüber nie gestillt werden kann. In dem Moment, in dem wir es zu fassen glauben, entgleitet es uns ins Unbekannte. Wir verfolgen es pausenlos, und doch bleibt es ein Mysterium, trotz allen Wissens, und ruft in uns eine grenzenlose Anziehung, tiefe Ehrfurcht und unleugbare Hochachtung hervor. Das Mysterium ist.

Meine Grundaussage lautet: Im Anfang war das Mysterium. Das Mysterium war Gott. Gott war das Mysterium. Gott ist Mysterium für uns und für Gott.

Gott ist in dem Maß ein Mysterium für uns, als wir niemals aufhören, danach zu forschen, sei es durch den Verstand oder durch die Liebe. Jedes Zusammentreffen hinterlässt in uns eine Leere, die zu einem neuen Treffen führt. Jede Erkenntnis öffnet ein weiteres Fenster zu einer neuen Erkenntnis. Das Mysterium Gottes ist nicht die Grenze der Erkenntnis, sondern die Grenzenlosigkeit der Erkenntnis. Es ist die Liebe, die keine Ruhe kennt. Das Mysterium lässt sich in kein Schema pressen und lässt sich schon gar nicht in den engmaschigen Religionen, Kirchen oder Doktrinen gefangen halten. Es wird immer zu erforschen bleiben.

Das Mysterium ist eine abwesende Anwesenheit. Und auch eine anwesende Abwesenheit. Das Mysterium manifestiert sich in unserem völligen Unbefriedigtsein, das unermüdlich und vergebens nach Befriedigung sucht. In diesem Hin und Her zwischen An- und Abwesenheit vollzieht sich das menschliche Sein, tragisch und glücklich, fertig und doch nicht abgeschlossen.

Gott ist Mysterium in sich selbst und für sich selbst. Gott ist Mysterium in sich selbst, denn seine Natur ist Mysterium. Das heißt, Gott als Mysterium erkennt sich selbst, und doch hat seine Selbsterkenntnis keine Grenzen. Das Wissen um Seine Natur als ein Mysterium ist jederzeit vollständig und reichhaltig und ist gleichzeitig immer offen auf eine neue Fülle hin, wobei es immer ewiges und unendliches Mysterium für sich selbst bleibt. Wenn dies nicht so wäre, dann wäre es nicht, was es ist: Mysterium. Folglich ist Er ein absoluter, grenzenloser Dynamismus.

Gott ist ein Mysterium für sich selbst, d. h. wie weit auch immer Er sich selbst erkennt, so ist seine Selbsterkenntnis doch niemals erschöpft. Gott bleibt einer Zukunft gegenüber aufgeschlossen, die eine wirkliche Zukunft ist. Folglich ist Gott aufgeschlossen gegenüber etwas, das noch nicht geschehen ist, doch das geschehen könnte und für Gott selbst neu wäre. Mit der Menschwerdung begann Gott etwas zu werden, das Gott nicht zuvor war. Daher findet in Gott ein Werden statt, ein Zu-etwas-Werden.

Doch das Mysterium offenbart sich selbst ständig und kommuniziert mit sich selbst durch einen inneren Dynamismus. Es geht aus sich selbst heraus, kennt und liebt das Neue, das sich durch Es zeigt. Was offenbart wird, ist keine Reproduktion, sondern immer etwas Anderes und Neues, auch für Gott. Im Gegensatz zu einem Rätsel, das sich selbst auflöst, indem man es löst, erscheint das Mysterium, je mehr es erkannt wird, als etwas immer Unbekannteres, d. h. als Mysterium, das zu mehr Erkenntnis und zu größerer Liebe führt.

Gott-Mysterium zu sagen, bedeutet einen Dynamismus ohne Rückstände auszudrücken, ein Leben ohne Entropie, ein Eindringen ohne Verlust, ein Weiterentwickeln ohne Unterbrechung, ein ewiges Ins-Sein-Kommen, das immer Sein ist. Eine Schönheit, die immer neu und anders ist und die nie verblasst. Mysterium ist Mysterium, jetzt und allezeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Im Angesicht des Mysteriums blockieren sich die Worte, erlöschen die Bilder und verschwinden die Bezugspunkte. Was uns zukommt sind Stille, Verehrung, Anbetung und Kontemplation. Darin zeigt sich die adäquate Haltung dem Mysterium gegenüber.

Mit einem solchen Verständnis werden alle Mauern fallen. Es wird keinen Vorhof für die Völker mehr geben, noch wird es einen Tempel geben, denn Gott hat keine Religion. Gott ist einfach das Mysterium, das alles und jeden und das ganze Universum verbindet und rückbindet. Das Mysterium durchdringt uns, und wir sind eingetaucht ins Mysterium.

Übersetzung: Bettina Gold-Hartnack

Welche Art von Kirche kann sich über die Zeit retten?

Der Kern der Botschaft des Jesus von Nazareth war nicht die Kirche, sondern das Reich Gottes: eine Utopie einer totalen Revolution/Versöhnung mit der gesamten Schöpfung. Das lässt sich daran ablesen, dass die Evangelien, mit der Ausnahme des Matthäus-Evangeliums, nie von Kirche sprechen, sondern immer vom Reich Gottes. Mit der Ablehnung der Person und der Botschaft Jesu wurde auch das Reich Gottes nicht verwirklicht. Stattdessen entstand die Kirche als eine Gemeinschaft derjenigen, die Jesu Auferstehung bezeugen und versuchen, dessen Vermächtnis in ihrer jeweiligen Zeit zu leben.

Seit den Anfängen stehen die Christen vor einem Dilemma: Das Gros der Gläubigen wählt das Christentum als einen spirituellen Weg im Dialog mit der Umgebungskultur; die andere, wesentlich kleinere Gruppe unter der Kontrolle des Kaisers beschließt, die Moralvorstellungen des wahrlich dekadenten Römischen Reichs zu übernehmen. Diese Glaubensgemeinschaft übernimmt für sich auch die juristischen und politischen Strukturen des Kaiserreichs. Diese Gruppe, d. h. die Hierarchie, strukturiert sich intern als „heilige Vollmacht“ (sacra potestas). Dies war ein hoch riskanter Weg, denn wenn es etwas gibt, das Jesus immer ablehnte, dann ist es die Macht. Für ihn gehören die drei Ausdrucksweisen der Macht, so wie sie in den Versuchungen in der Wüste auftreten – prophetisch, religiös und politisch -, und wenn sie sich eher im Beherrschen als im Dienen zeigen, in den Bereich des Diabolischen.

Dennoch war dies der Weg, den die Kirche wählte – eine hierarchische Institution, einer absolutistischen Monarchie nachempfunden, die den Laien, der großen Mehrheit der Gläubigen, eine Teilhabe an dieser Macht verweigert. Dieser Zustand währt bis zum heutigen Tag und steht im Zusammenhang mit einer der größten Vertrauenskrisen. Es ist nun einmal so, dass wenn die Macht vorherrscht, die Liebe in die Flucht geschlagen wird.

Tatsächlich ist das Organisationsprinzip der  Kirche bürokratisch, formell und nicht selten starr. Sie fordert alles, jedoch wird nichts weder vergeben noch vergessen. Es gibt praktisch keinen Raum für Barmherzigkeit oder für ein wirkliches Verständnis für die Geschiedenen und die Homosexuellen. Zölibatspflicht für die Priester, ein tief verwurzelter Antifeminismus, ein Misstrauen gegenüber allem, das mit Sexualität und Vergnügen zu tun hat, der Personenkult um den Papst und dessen Anspruch, die einzig wahre Kirche zu repräsentieren, der „einzigen Bewahrerin des ewigen, universellen und unveränderlichen  Naturgesetzes“. Und mehr noch: nach den Worten von Benedikt XVI. erfüllt sie eine Leitfunktion für die ganze Menschheit. Im Jahr 2000 wiederholte der damalige Kardinal Ratzinger im Dokument Dominus Jesus die mittelalterliche Doktrin, derzufolge es „außerhalb der Kirche kein Heil“ gibt und alle, die sich außerhalb ihrer befinden, Gefahr laufen, verdammt zu werden. Für diese Art von Kirche gibt es sicherlich keine Rettung. Allmählich verliert sie weltweit an Anhängern.

Wie sähe eine Kirche aus, die es wert wäre, gerettet zu werden? Es wäre eine Kirche, die demütig zur historischen Figur des Jesus von Nazareth umkehren würde, dem einfachen und prophetischen Arbeiter, dem Fleisch gewordenen Sohn, beauftragt zu verkünden, dass Gott gegenwärtig ist und Gnade und Barmherzigkeit für alle bereithält; eine Kirche, die die anderen Kirchen als unterschiedliche Ausdrucksweisen des heiligen Vermächtnisses Jesu anerkennt; eine Kirche, die offen ist für den Dialog mit allen Religionen und spirituellen Wegen, in denen sie das Handeln des Geistes erkennt, der immer schon vor dem Missionar an Ort und Stelle ist; eine Kirche, die bereit ist, von der angesammelten Weisheit der ganzen Menschheit zu lernen; eine Kirche, die auf jedwede Macht und Medienspektakel des Glaubens verzichtet, sodass sie nicht bloß die Fassade einer nicht-existierenden Lebendigkeit darstellt; eine Kirche, die sich zum Anwalt aller Unterdrückten macht, die bereit ist, Verfolgung und Martyrium zu erleiden wie ihr Begründer; eine Kirche, deren Papst mutig auf den Anspruch der Jurisdiktionsgewalt über alle verzichtet und stattdessen zum Zeichen und Bezugspunkt der Einigkeit des Christlichen Lebensentwurfs wird mit dem pastoralen Auftrag, alle in Glauben, Hoffnung und Liebe zu bestärken.

Eine solche Kirche ist für uns möglich, vorausgesetzt wir sind ist eingetaucht in den Geist des Nazareners. Nur dann würde sie eine Kirche der Frauen und Männer, eine Kirche Jesu, eine Kirche Gottes, der Beweis, dass Jesu Utopie vom Reich Gottes wahr ist. Sie würde zum Ort der Verwirklichung des Reiches der Befreiten werden, zu dem wir alle gerufen sind.

Übersetz von Bettina Gold-Hartnack

Die Ursprünge der monarchisch-absolutischen Macht des Papstes

Wir haben schon beschrieben, dass die Krise der institutionellen, hierarchischen Kirche ihre Wurzeln in der absoluten Machtkonzentration in der Person des Papstes hat, der die Macht in einer absolutistischen Form ohne Beteiligung der Christen ausübt. Dies stellt praktisch unüberwindbare Hindernisse für einen ökumenischen Dialog mit anderen Kirchen dar.

Dies war nicht von Anfang so. Zu Beginn war die Kirche eine geschwisterliche Gemeinschaft, und die Figur des Papstes existierte noch nicht. Die Kirche wurde eher vom Kaiser gelenkt als von den Bischöfen Roms oder Konstantinopels, den beiden Hauptstädten des Römischen Reichs, denn der Kaiser war der Oberhirte (Pontifex Maximus). Daher war es Kaiser Konstantin, der im Jahr 325 zum ersten ökumenischen Konzil von Nizäa aufrief, um die Frage nach der Göttlichkeit Christi zu klären. Im 6. Jh. wiederum beanspruchte Kaiser Justinian, der das Westliche und das Östliche Reich wiedervereinigte, für sich das Jurisdiktionsprimat und nicht den Titel des Bischofs von Rom. Da sich jedoch die Gräber von Petrus und Paulus in Rom befinden, hatte die Römische Kirche eine besondere Stellung. Ihr Bischof hatte vor allen anderen den „Vorsitz in der Liebe“ inne, übte „die Dienste Petri“ im Sinne einer „Bestärkung des Glaubens“ aus, nicht aber als leitende Vormachtstellung.

Mit Papst Leo I. (440-461), einem großen Juristen und Staatsmann, wurde alles anders. Er  machte sich das Machtmodell Roms zu eigen, das sich im kaiserlichen Absolutismus und Autoritarismus ausdrückte, und begann, die drei Texte des Neuen Testaments, die sich auf Petrus beziehen, rein juristisch zu interpretieren: Petrus als der Fels, auf dem die Kirche errichtet würde (Mt 16,18), Petrus als derjenige, der die anderen im Glauben bestärkt (Lk 22,32), und Petrus als der Hirte, der sich um seine Herde zu kümmern hat (Joh 21,15). Die biblische und jesuanische Bedeutung geht in eine ganz andere Richtung: die der Liebe, des Dienens und des Verzichts auf jegliche Ehrentitel. Doch die absolutistische Lesart des Römischen Gesetzes gewann die Überhand. Folglich übernahm Leo I. den Titel des Pontifex Maximus und des Papstes im eigentlichen Sinne. Von da an beanspruchten die nachfolgenden Päpste für sich die kaiserlichen Insignien und Gewänder, Purpur, Mitra, einen goldenen Thron, Hirtenstab, Stola, Pallium und Umhang. Es wurden Paläste mit dazugehörigen Höfen errichtet und Hofsitten eingeführt, die die Kardinäle und Bischöfe bis heute beibehalten haben. Darüber empören sich nicht wenige Christen, die in den Evangelien lesen, dass Jesus von Nazareth ein armer Arbeiter war und ohne Pomp lebte. So kam es dazu, dass die kirchliche Hierarchie mehr dem Palast des Herodes glich als dem Stall von Bethlehem.

Es gibt aber noch ein schwer nachvollziehbares Phänomen: in der Eile, diese Strukturwandlung zu legitimieren, um die absolute Macht des Papstes zu garantieren, wurde eine Reihe von Dokumenten gefälscht. Zuerst ein angeblicher Brief des Papstes Clemens (+96), Petri Nachfolger in Rom, adressiert an Jakobus, den Bruder des Herrn, den großen Hirten von Jerusalem, der besagt, dass Petrus vor seinem Tode bestimmt hätte, dass er, Clemens, und folglich alle, die nach diesem kämen, seine einzigen rechtmäßigen Nachfolger wären. Eine noch größere Fälschung war die berühmte Konstantinische Schenkung, ein Dokument, das zur Zeit Leo I. erstellt wurde und demzufolge Konstantin dem Papst von Rom die Oberherrschaft über das gesamte Römische Reich geschenkt hätte. In der Folge, während der Streitigkeiten mit den französischen Königen, gab es ein anderes großes Machwerk, die pseudoisidorischen Dekretalen, eine Sammlung falscher Dokumente und Briefe, die das Jurisdiktionsprimat des Papstes von Rom bestärken und angeblich aus den ersten Jahrhunderten stammen sollten. All dies kulminierte im 13. Jh. im Decretum Gratiani, das man für die Grundlage des kanonischen Rechts hält, das allerdings auf Fälschungen und Regeln beruht, die weit mehr als die wahren Kanones, die unter den Kirchen Gültigkeit hatten, die zentrale Macht Roms bestärkten. Natürlich wurde dies alles im Laufe der Zeit aufgedeckt, doch hatte dies nicht den geringsten Einfluss auf die absolutistische Stellung der Päpste. Dies ist allerdings erbärmlich, und ein mündiger Christ sollte wissen, welche Tricks benutzt und angewandt wurden, um eine Machtstellung zu errichten, die den Idealen Jesu diametral entgegengesetzt ist und die faszinierende christliche Botschaft verdunkelt, welche Träger einer neuen Art der Machtausübung ist, nämlich einer dienstbaren und partizipativen.
 
In der Folgezeit nahm die Macht der Päpste immer weiter zu: Gregor VII. (+1085) ernannte sich selbst in seinem Dictatus Papae zum absoluten Herrscher über Kirche und Welt; Innozenz III. (+1216) bezeichnete sich als Stellvertreter und Repräsentant Christi, und Innozenz IV. (+1254) schließlich erhob sich selbst zum Repräsentanten Gottes. Als solcher wurde der Papst unter Pius IX. im Jahr 1870 als unfehlbar in Fragen der Lehre und Moral proklamiert.

Kurioserweise wurde keiner dieser Exzesse jemals durch die Kirchenhierarchie widerrufen oder korrigiert, denn diese profitiert schließlich davon. Sie sind nach wie vor ein Skandal in den Augen derjenigen, die noch an den Nazarener als einen armen, demütigen Handwerker und mediterranen Bauern glauben, der verfolgt, gekreuzigt und auferweckt wurde, um gegen jede Form von Streben nach Macht und immer mehr Macht aufzustehen, selbst innerhalb der Kirche.

Diese Selbstverständnis begeht ein unverzeihliches Versäumnis: die wahren Stellvertreter und Repräsentanten Christi sind laut dem Evangelium Jesu von Nazareth (Mt 25,45) die Armen, die Dürstenden und die Hungernden. Und die Hierarchie der römisch-katholischen Kirche existiert, um diesen zu dienen, nicht um deren Platz einzunehmen.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack