Der ethische und humanistische Kommunismus Oscar Niemeyers

Ich hatte zwar nicht viele Begegnungen mit Oscar Niemeyer, doch wenn wir uns trafen, waren diese lang und intensiv. Worüber sonst sollten ein Architekt und ein Theologe miteinander reden, wenn nicht über Gott, Religion, Ungerechtigkeit den Armen gegenüber und über den Sinn des Lebens? In unseren Gesprächen spürte ich, dass ich es mit jemandem zu tun hatte, der eine starke Sehnsucht nach Gott verspürte. Er beneidete mich, denn als intelligenter Mensch (für den er mich hielt) glaubte ich doch an Gott, wozu er nicht in der Lage war. Ich beruhigte ihm, indem ich sagte: Was zählt, ist nicht so sehr, an Gott zu glauben oder nicht zu glauben, sondern ethisch zu leben, in Liebe, Solidarität und Mitgefühl für diejenigen, die am meisten zu leiden haben. Denn das ist, was zählt, wenn sich unser Leben dem Ende zuneigt. Und dies traf durchaus auf ihn zu. Sein Blick verlor sich in der Weite, mit einem sanften Schimmern in den Augen.

Er war einmal sehr beeindruckt, als ich ihm diesen Satz eines mittelalterlichen Theologen zitierte: „Würde Gott so existieren, wie Dinge existieren, dann existierte er nicht.“ Woraufhin er fragte: „Was bedeutet das?“ Ich antwortete: „Gott ist kein Objekt, das man irgendwo finden kann. Wäre es so, dann wäre Gott ein Teil der Welt und nicht Gott.“ Auf seine Frage: „Was für ein Gott ist das?“, antwortete ich, nahezu flüsternd: „Gott ist eine Art kraftvolle und liebende Energie, die solche Bedingungen schafft, dass Dinge existieren können. Gott ist in etwa wie das Auge: es sieht, doch es kann sich selbst nicht sehen. Oder wie der Gedanke: die Kraft, mithilfe derer er denkt, kann nicht gedacht werden.“ Er blieb nachdenklich, doch fragte weiter: „Und das besagt die christliche Theologie?“ Und ich gab zur Antwort: „Das tut sie, doch sie schämt sich, es zu sagen, denn dann müsste sie schweigen anstatt zu reden. Doch sie redet ständig, vor allem die Päpste.“ Doch zum Trost fiel mir der Satz des großen Argentiniers Jorge Luis Borges ein: „Die Theologie ist eine kuriose Wissenschaft: in ihr ist alles wahr, denn alles ist erfunden.“ Dieser Satz gefiel Niemeyer gut. Und noch mehr gefiel ihm das Bonmot des berühmten Straßenkehrers Gari Sorriso aus Rio de Janeiro: „Gott ist der Wind und der Mond; er ist die Dynamik des Wachsens. Er besteht im Applaudieren für den, der hinaufsteigt, und in der Hilfe für den, der herabsteigt.“ Ich vermute, Oscar hatte kein Problem damit, sich einen solchen Gott vorzustellen, der sich so menschlich und so nah zeigt. Er lächelte sanft, und bei der Gelegenheit sagte ich: „Ist es in deiner Architektur nicht genauso? In der Architektur ist alles einfach und schön, nicht weil es rationell ist, sondern weil alles erfunden ist und Frucht der Vorstellungskraft.“ Er war der gleichen Meinung und fügte hinzu, dass er mehr Inspiration für Architektur in der Lektüre von Gedichten, Romanen und Science Fiction findet als in der Hingabe an intellektuelle Tüftelei. Ich sagte: „In der Religion ist es mehr oder weniger so: Die Größe der Religion ist die Fantasie und die utopische Fähigkeit, Reiche der Gerechtigkeit und Himmel des Glücks zu projizieren. Und große moderne Denker wie Bloch, Goldman, Durkheim, Michael Löwy, Rubem Alves u. a. sagen nichts anderes: Unser Fehler war, die Religion in der Vernunft zu verankern, während sich ihr natürliches Umfeld im Imaginären und im Prinzip Hoffnung befindet. Dort offenbart die Religion ihre Wahrheiten und kann uns auf der Suche nach dem Sinn des Lebens inspirieren.“

Für mich besteht Oscar Niemeyers Größe nicht nur in seiner Genialität, die weltweit anerkannt und geschätzt wird, sondern auch in seinem Lebenskonzept und in der Tiefe seines Kommunismus’. Für ihn war „das Leben eine Windböe“, hell und flüchtig, doch in aller seiner Fülle zu leben. Vor allem bestand das Leben für ihn nicht nur aus reiner Freude, sondern aus Kreativität und Arbeit. Er arbeitete bis an sein Lebensende, wie Picasso, und schuf mehr als 600 Werke. Und als authentische Persönlichkeit interessierte er sich für Kunst, Literatur und Wissenschaft. Noch im hohen Alter begann er, Kosmologie und Quantenphysik zu studieren. Die unermessliche Größe des Universums erfüllte ihn mit Bewunderung und Staunen.

Doch über alles kultivierte er Freundschaften, Solidarität und den Respekt vor jeder Person. „Architektur ist nicht das Wichtigste,“ wiederholte er immer wieder. „Was zählt, ist das Leben.“ Doch nicht irgendein Leben; ein Leben gelebt in der Suche nach den notwendigen Veränderungen, um die Ungerechtigkeit gegenüber den Armen zu überwinden, ein Leben, das diese verdrehte Welt verbessert, ein Leben, das zu Solidarität und Freundschaft führt. In der Zeitung „Jornal do Brasil“ vom 21.04.2007 bekannte er: „Es ist von grundlegender Wichtigkeit zu erkennen, dass das Leben ungerecht ist und dass wir das Leben nur dann besser leben können, wenn wir einander als Brüder und Schwestern helfend die Hände reichen.“

Sein Kommunismus ähnelt stark dem Kommunismus der frühen Christen, wie er in der Apostelgeschichte in den Kapiteln 2 und 4 beschrieben wird. Dort heißt es, dass die Christen alles miteinander teilten und es keine Armen unter ihnen gab. Folglich war es kein ideologischer Kommunismus, sondern ein ethischer Kommunismus mit menschlichem Antlitz: zu teilen, in Bescheidenheit zu leben. Dies pflegte Oscar immer zu tun und schenkte denen von seinem Geld, die es brauchten. Alles sollte allen gehören. Einem Journalisten, der ihn befragte, ob er eine Tablette nehmen würde, die ihm ewige Jugendlichkeit verleihen könnte, antwortete er: „Ich würde sie nehmen, wenn es für jeden in der Welt eine gäbe; Unsterblichkeit für mich allein möchte ich nicht.“

Eine Begebenheit, die mir unvergesslich ist, trug sich zu Beginn der 1980er Jahre zu. Oscar war in Petropolis, wo ich wohne und lud mich zum Essen ein. An diesem Tag kam ich gerade aus Kuba zurück, wo ich seit mehreren Jahren, gemeinsam mit Frei Betto, auf Wunsch Fidel Castros mit Regierungsvertretern unterschiedlicher Ranghöhe im Dialog stand (stets unter Beobachtung durch den Geheimdienst), um zu versuchen, sie von ihren dogmatischen und strengen Konzepten zu lösen, die dem sowjetischen Marxismus eigen waren. Dies waren ruhige Zeiten in Kuba. Mit der Unterstützung durch die Sowjetunion konnte das Land großartige Projekte für Gesundheit, Bildung und Kultur durchführen. Ich teilte Oscar mit, dass wohin auch immer ich in Kuba gegangen war, ich niemals Slums gesehen hätte, sondern eine würdevolle Armut. Ich erzählte ihm tausend Dinge über Kuba, das laut Frei Betto zu diesem Zeitpunkt wie “der zchwartze Budestaat Bahia war“. Seine Augen glänzten. Er aß fast nichts. Er war so begeistert zu erfahren, dass irgendwo in dieser Welt sein Traum von Kommunismus zumindest teilweise Wirklichkeit geworden war und der Mehrheit der Bevölkerung diente.

Mein Erstaunen war groß, als ich zwei Tage später einen Artikel von ihm in der Folha de São Paulo mit einem hübschen Bild der drei Berge mit Gipfelkreuz sah. An einer Stelle im Artikel hieß es: „Als ich vom Hochland von Petropolis nach Rio de Janeiro herunterkam, betete ich, der ich Atheist bin, zum Gott von Bruder Boff, dass die Lebenssituation des kubanischen Volkes einst Realität in Brasilien werden.“ Das war die warme, sanfte und radikal menschliche Güte Oscar Niemeyers.

Mir bleibt eine immerwährende Erinnerung an ihn. Von Darcy Ribeiro, der ihm ein brüderlicher Freund war, erwarb ich ein kleines Appartment nahe des Alto de Boa-Vista im Vale Encantado. Von dort aus kann man die ganze Barra de Tijuca sehen bis zum Ende des Recreio de los Bandeirantes. Oscar hatte dieses Appartment für seinen Freund umgebaut, sodass Darcy (der von kleiner Statur war) immer das Meer sehen konnte. Er baute eine Plattform von ca. 50 cm Höhe und, anders konnte es ja nicht sein, eine schöne Kurve über der Ecke wie eine Meereswelle auf dem Körper einer geliebten Frau. Dorthin ziehe ich mich zurück, wenn ich schreiben oder ein bisschen meditieren möchte, denn auch ein Theologe muss sich um sein Seelenheil kümmern.

Zweimal bot er an, für das Grundstück in Araras in Petropolis, auf dem ich lebe, das Modell einer kleinen Kirche zu entwerfen. Ich lehnte dies ab, denn es erschien mir ungerecht, meinen Besitz mit dem Werk eines Genies wie Niemeyer aufzuwerten. Letztlich ist Gott weder im Himmel noch auf der Erde zu finden, sondern dort, wo offene Türen einladen.

Das Leben ist nicht dazu bestimmt, mit dem Tod zu verschwinden, sondern um durch den Tod alchimistisch verwandelt zu werden. Oscar Niemeyer ist nur auf die andere Seite des Lebens gegangen, auf die unsichtbare Seite. Doch die unsichtbare Seite ist ein Teil der sichtbaren. Aus diesem Grund ist er nicht abwesend, sondern anwesend, er ist nur unsichtbar. Doch stets mit derselben Milde, Sanftheit, Solidarität und Liebe, die ihn immer gekennzeichnet haben. Und wo auch immer er jetzt ist, so wird er sich Welten ausdenken, projizieren und erschaffen, die schön sind, kurvenreich und von Leichtigkeit erfüllt.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Entrevista no Spiegel: Ein Würgeengel der Kirche?

No número 50 do dia 10.12.2012 saiu uma entrevista minha na revista semanal alemã DER SPIEGEl sobre a situção atual da Igreja Católica e sobre a Teologia da Libertação. Não há tradução em portugues porque a entrevista foi dada diretamente em alemão.Lboff

SPIEGEL-GESPRÄCH
RAFAEL SANCHEZ FABRÉS / DER SPIEGEL

„Ein Würgeengel der Kirche“

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff über das Zerwürfnis mit Joseph Ratzinger und ein Gebet mit Kubas Revolutionär Fidel Castro
Es ist fast ein Garten Eden, den der weißhaarige Alte, für viele ein Hei- liger, mit seiner Familie bewohnt: Bambussträucher und Papyrusbäume, ein Teich mit Karpfen, eine wilde Wiese, auf der Hühner gackern. Das Haus aus Na- turstein nahe Petrópolis, zwei Fahrstun- den von Rio de Janeiro entfernt, ist voll- gestopft mit Büchern, mehr als 80 hat er selbst geschrieben oder herausgegeben.

Leonardo Boff, 73, wurde als eines von elf Kindern im südbrasilianischen Con- córdia geboren, seine Vorfahren stammen aus Norditalien. Er trat 1958 dem Fran- ziskaner-Orden bei, studierte in Brasilien Philosophie und Theologie und promo- vierte 1970 in München. Zurückgekehrt nach Brasilien, geriet Boff bald in Streit mit der Amtskirche, weil er sich – auch mit marxistischen Thesen – an der Seite der Armen gegen die Ausbeutung durch Südamerikas Militärdiktaturen engagier- te. 1992 gab er, vom Vatikan gedrängt, sein Priesteramt auf. Gastprofessuren führten ihn nach Lissabon, Salamanca, Basel, Harvard und Heidelberg, zuletzt lehrte er Ethik in Rio de Janeiro. Heute engagiert sich Boff hauptsächlich für Sozialarbeit und Umweltschutz. Als in- offizieller Berater der Regierung ist er einflussreich geblieben.

„Mit dem SPIEGEL muss ich aufpassen, nach meinem letzten Interview mit Ihnen vor zwei Jahrzehnten reagierte der da- malige Kardinal Ratzinger sehr gereizt“, sagt Boff in seinem immer noch fließen- den Deutsch. „Aber andererseits: Ich habe nichts mehr zu verlieren.“

SPIEGEL: Herr Professor, im nächsten Jahr wird Papst Benedikt XVI. Brasilien besu- chen. Wenn er Sie einlädt, gehen Sie hin – und was werden Sie ihm sagen?
Boff: Das wird er nicht tun, aber käme es dazu, würde ich mich einer Diskussion natürlich nicht entziehen. Meine Bot- schaft wäre klar: Hören Sie auf, Angst unter den Gläubigen zu verbreiten, stop- pen Sie Ihre fundamentalistische Rigoro- sität! Begreifen Sie sich nicht als doktri- närer Lehrer, sondern endlich als Hirte, als Mutmacher der Gläubigen, denn das ist Ihre Hauptaufgabe als Papst! Aber ich habe wenig Hoffnung, dass er mich ver- stünde. Als er Pontifex maximus wurde, habe ich gesagt: Es wird schwer werden, diesen Papst zu lieben. In den sieben Jahren, die er jetzt sein Amt ausübt, habe ich nichts gefunden, was mich ermutigen würde. Es ist alles noch schlimmer ge- kommen.

SPIEGEL: Was werfen Sie ihm vor?
Boff: Er verbreitet keine Aufbruchstim- mung in der Weltkirche, er ist ein Brem- ser, der nur Disziplin einfordert, Gehor- sam und nichts als Gehorsam. Es geht ihm primär darum, den Machtapparat des Vatikans zu festigen. Fast melancholisch wiederholt er auf seinen Reisen die alte Leier, predigt sein Nein zu Verhütungs- mitteln, sein Nein zu Frauen im Priester- amt, sein Nein zur Homosexualität. An den wahren theologischen Problemen geht er vorbei.

SPIEGEL: Und die wären?
Boff: Die zentrale Frage lautet doch: Wie kann man einem Gott glauben, der in ei- ner Welt voller Elend ein gütiger Vater sein soll – und was lehrt uns Jesus? Sollen wir die Ver- hältnisse einfach nur ertragen oder sie positiv verändern? Schauen Sie, ich lebe in Latein- amerika, ich kenne die Not der Menschen. Eine Kirche, die sich als Erbe von Jesus Christus versteht, der ja selbst ein Armer war und nicht an Altersschwäche ge- storben ist, sondern für uns alle am Kreuz – sie muss die natür- liche Alliierte einer Bewegung von unten sein. Die Kirche von heute hat den Menschen in ih- rem Alltagsleben nichts mehr zu sagen. Dieser Papst wird zum Würgeengel der Kirche.

SPIEGEL: Benedikt versteht sich doch primär als Seelsorger.
Boff: Es ist eine Illusion zu glauben, durch doktrinäre Dokumente und durch doktrinäres Verhalten das Leben der Gläubigen bestimmen zu können. Benedikt fehlt es an Charisma, er ist ein eher schüchterner und hochintelligenter Professor, der unter seinem öffentlichen Amt zu leiden scheint und Schwierigkeiten hat, auf Menschen zuzugehen; der sich lieber in wissenschaft- liche Arbeiten vertiefen würde, als hinaus in die Welt zu gehen, wo er sich unwohl fühlt. Er strahlt Tristesse aus.

SPIEGEL: Dafür kommt er er- staunlich gut an. Ob beim Welt- jugendtag in Deutschland und in Spanien oder bei seinem Besuch in Brasilien 2007: Viele Men- schen, gerade Jugendliche, ju- beln ihm zu.
Boff: Es gibt eine spirituelle Sehn- sucht. Aber ich glaube, die Be- geisterung bleibt oberflächlich, sie ist eine Art Pop-Phänomen ohne Substanz. Benedikt und die Kirche, wie er sie versteht, haben den Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags sehr wenig zu bieten.

SPIEGEL: Anlässlich des Zweiten Vatikani- schen Konzils 1962 fragte ein junger Mann provozierend: „Soll die antimodernisti- sche Geisteshaltung der Defensive fort- gesetzt werden, oder will die Kirche ein neues Blatt aufschlagen und in eine posi- tive Begegnung mit der Welt von heute treten?“ Wissen Sie, wer das war?
Boff: Das könnte ich gewesen sein. Aber ich weiß, dass es Joseph Ratzinger war, ich kenne jede seiner Äußerungen. Entschuldigung, wenn ich Ihnen jetzt eine Pointe verdorben habe.

SPIEGEL: Warum tickte Ratzinger als Kon- ferenzteilnehmer vor einem halben Jahr- hundert so ganz anders? Warum hat er damals vehement Reformen eingefordert,
mit einem Aufbruch der Kirche sympathisiert und unterdrückt ihn heute? Was ist mit diesem Mann passiert?
Boff: Damals war das eine Mehrheitsmei- nung unter den deutschen Bischöfen. Ich kenne ihn seit nunmehr vier Jahrzehnten, und glauben Sie mir, er war früher an- ders, zumindest intellektuell offener, zugänglicher, gar nicht doktrinär. Aber ich weiß nicht, ob Ratzinger wirklich ein Re- former war oder sich aus eher taktischen Gründen auf diese Seite schlug.

SPIEGEL: Sie haben in München bei dem Theologen Karl Rahner studiert. Profes- sor Ratzinger hat Sie bei der Veröffentlichung Ihrer Doktorarbeit unterstützt – er war ein wichtiger Mann in Ihrem Leben.
Boff: Ja, und ich habe ihm viel zu verdan- ken. Er hat meine Dissertation damals
sehr gelobt und sich dafür ein- gesetzt, dass sie gedruckt werden konnte. Ich weiß noch genau, 14 000 Mark Zuschuss, die hatte ich ihm zu verdanken. Daraus ist eine Art Kameradschaft entstan- den, wir haben uns jedes Jahr an Pfingsten getroffen.

SPIEGEL: Ist Ihr persönlicher Kon- takt dann abgebrochen, als er nach Rom ging? Boff: Nein. Als Papst Johannes Paul II. ihn 1981 zum Präfekten der Glaubenskongregation im Vatikan machte, habe ich ihm noch gratuliert und ihm geschrie- ben, wie froh ich über diese Er- nennung war: „Glückwunsch, endlich ein bedeutender Theolo- ge im Vatikan“. Ich setzte wirk- lich Hoffnungen in ihn.

SPIEGEL: Und dann?
Boff: Ich habe Schwierigkeiten, mir zu erklären, was am Heiligen Stuhl mit ihm passiert ist. Aber ich habe vergleichbare Rückent- wicklungen auch bei anderen be- obachtet, die nach Rom gegan- gen sind – es muss so etwas wie ein vatikanisches Virus geben, das die Leute da befällt. Ratzin- ger jedenfalls hat es zerfressen.

SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie etwas verbittert sind?
Boff: Ach, lassen wir diese psy- chologische Ebene. Ich habe gute Gründe für meine Kritik an Rat- zinger. Er hat mich bald nicht mehr eingeladen nach Rom, son- dern mich vorgeladen.

SPIEGEL: Sie hatten den Vatikan herausgefordert und eine radikal andere Kirche verlangt. Gemeinsam mit dem peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez entwi- ckelten Sie die „Theologie der Befreiung“ und veröffentlichten als leitender Mitarbeiter des größten katholischen Verlags Lateinamerikas provozierende Artikel und Bücher.Ist die Befreiungstheologie nicht viel mehr eine sozialrevolutionäre Bewe- gung als eine christlich-katho- lische?
Boff: Die katholische Kirche hat sich in ihrer Geschichte prak- tisch immer sehr gut mit den Reichen verstanden, sie konnte mit der Mittelschicht noch ei- nigermaßen, doch mit den Un- terprivilegierten fand sie kaum Gemeinsamkeiten. Sie hat zu lange zu real existierenden Phänomenen wie Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrü- ckung geschwiegen – und sich zum Komplizen der Herrschen- den gemacht. Unser Konzept der Befreiungstheologie ent- stand durch die Arbeit mit den Ärmsten auf dem Land, durch die Selbstorganisation katholi- scher Basisgemeinden. Sie müssen den Kontext sehen: Nach dem Militärputsch in Brasilien 1964 wa- ren, von den USA militärisch und öko- nomisch gestützt, fast überall in Latein- amerika Militärdiktatoren an die Macht gekommen. Wir Befreiungstheologen verstanden uns als Sprachrohr der Unterdrückten, ganz im Einklang mit dem, was in der Bibel steht.

SPIEGEL: Worauf genau beziehen Sie sich?
Boff: Gott hat das Elend seines Volkes ge- sehen und „das Geschrei über ihre Be- dränger gehört“, heißt es in der Bibel. Und bei Lukas im Neuen Testament: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Ich habe die Erlösung als Zentralbegriff der biblischen Heilsbotschaft auch als eine sozialpolitische und ökonomisch revolu- tionäre Veränderung verstanden.

SPIEGEL: So interpretiert, wird Jesus zum Sozialrevolutionär. Man hat Ihnen immer vorgeworfen, Marxist zu sein.
Boff: Natürlich habe ich Karl Marx gelesen, diese Lektüre hätte auch keinem Papst geschadet. Von Marx stammen allenfalls die theoretischen Kriterien für unsere Sicht, wie es um die Gesellschaft wirklich bestellt war. Er hat uns gezeigt, dass die Armen nicht von Natur aus arm sind, sondern un- terdrückt werden. Aber natürlich sahen wir auch die Unvollkommenheit des real existierenden Sozialismus.

SPIEGEL: Sie haben nach einer Reise in die Sowjetunion anerkennende Worte über das politische System dort gefunden.
Boff: Sie müssen den Kontext sehen. Ich fand nicht die Verhältnisse im Ostblock gut, aber ich fand wichtig, dass es neben dem kapitalistischen Modell auch noch ein Gegenmodell gab. In El Salvador wurde 1980 der katholische Erzbischof und Be- freiungstheologe Oscar Romero von Schergen des Militärregimes erschossen, viele Priester und Gläubige in anderen la- teinamerikanischen Staaten starben unter Folter. Für mich war der Marxismus in der Befreiungstheologie immer eine Nebensache, Marx stand nicht Pate für unsere Sozialarbeit. Allerdings sah ich auch die praktizierte katholische Soziallehre als we- nig hilfreich an, da sie sich vor der Kon- frontation mit der Realität gedrückt hat.

SPIEGEL: Sie gerieten damit in scharfen Gegensatz zu Ratzinger und auch zu Papst Johannes Paul II., der in Polen mit dem real existierenden Sozialismus und dessen Unmenschlichkeit konfrontiert worden war. Kann es sein, dass da auch ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen eine Rolle spielten?
Boff: Möglich. Johannes Paul sagte immer: Lasst mich in Ruhe mit Marxismus, ich weiß, was Marxismus bedeutet. Für mich gab es diese Berührungsängste nicht. SPIEGEL: Für Ihre ketzerischen Thesen hat der Vatikan Sie dann abgestraft.
Boff: Anfang 1984 hat mir Ratzinger einen persönlichen Brief geschickt, mit kriti- schen Anfragen zu meinem Buch „Kirche: Charisma und Macht“. Im Septem- ber wurde ich offiziell zu einem Gespräch in den Vatikan vorgeladen. Ich musste in demselben dunklen und hässlichen „Befragungszimmer“ im Vatikan auf dem- selben Stuhl Platz nehmen wie einst Galileo Galilei.

SPIEGEL: Illustre Gesellschaft.
Boff: Ich hatte mir gar nicht träumen lassen, dass ein so unbedeutender Theologe aus der Peripherie dasselbe Geschick er- leiden würde wie der berühmte Galilei. Ich war auf eine intellektuelle Auseinan- dersetzung vorbereitet. Aber es gab dann unmittelbar vor der Befragung Streit, Rat- zinger war außer sich vor Empörung. Zwei brasilianische Kardinäle, Anhänger der Befreiungstheologie, hatten darauf bestanden, mich nach Rom zu begleiten, und wollten auch mitdiskutieren.

SPIEGEL: Wie wurde das gelöst?
Boff: Mit einem typisch vatikanischen Kompromiss. Ratzinger erlaubte eine ge- meinsame Gesprächsrunde. Aber in dem Inquisitionszimmer wollte er sich mich allein vorknöpfen. Es war eine sehr höf- liche, aber auch unversöhnliche Diskus- sion. Am Ende blieb der Vorwurf, meine Gedanken würden „zur Zerstörung des authentischen Sinns der Sakramente“ führen. Mir wurde ein unbefristetes „Bußschweigen“ auferlegt und der Lehrstuhl für Theologie entzogen.

SPIEGEL: Warum haben Sie das akzeptiert?
Boff: Ich wollte weiter helfen, die Kirche von innen heraus zu reformieren. Aber ich habe die Vorschrift flexibel ausgelegt: Ich habe selten so viel kommuniziert wie gerade in jenem Jahr. Ich wurde dann noch mehrfach vom Vatikan gemaßregelt, meine Bücher sollten vorzensiert werden. Mir wurde die Leitung der katholischen Zeitung „Revista Vozes“ entzogen, ich musste das von mir geführte Theologie- seminar in Petrópolis verlassen.

SPIEGEL: Der Kardinalstaatssekretär des Vatikans, Angelo Sodano, verglich Sie mit Judas, dem Verräter.
Boff: Was der Tiefpunkt war. 1992 habe ich dann die Konsequenzen gezogen. Ich trat aus dem Franziskaner-Orden aus und legte mein Priesteramt nieder. Aber na- türlich blieb ich meinen Themen treu. Ich habe die Schützengräben gewechselt, nicht die Schlacht.

SPIEGEL: Mit Papst Johannes Paul II. kam es dann noch zu einer Art Versöhnung. Boff: Er war anders als Ratzinger ein Ch rismatiker, allerdings ein schwacher Theo- loge. Er konnte auf Menschen zugehen und sich ihrer Probleme annehmen. Er hatte eben nur diese Marxismus-Phobie die er mit sich herumschleppte. Aber spä- testens nach dem Fall der Berliner Mauer spielte nicht einmal für die radikalsten der Befreiungstheologen der real existie- rende Sozialismus eine Rolle mehr. Auch Johannes Paul konnte sich eine unver- stelltere Sicht der Dinge aneignen. Bei einem Besuch brasilianischer Bischöfe in Rom sagte er dann wenige Jahre vor sei- nem Tod, er verstehe uns endlich. Und er bestätigte das gegenüber dem Kardinal Evaristo Arns: „Unter den Umständen von Unterdrückung kann die Befreiungs- theologie nicht nur nützlich, sondern so- gar notwendig sein.“
SPIEGEL: Sie wurden für die Linke weltweit zum Helden. Hatten Sie nie Angst, in- strumentalisiert zu werden? Fidel Castro beispielsweise …
Boff: : … hat mich nach Havanna eingela- den, eine ganze Woche lang begleitete er mich durchs Land, fast immer waren wir dabei allein. Ich habe ihm meine Meinung über die Unfreiheit in Kuba gesagt. Und ich habe mit ihm auf seinen Wunsch hin unter vier Augen gebetet.

SPIEGEL: Dieser Fidel Castro, der sogar Weihnachten auf der Insel verbieten ließ?
Boff: Er ist von Jesuiten erzogen worden, die Beschäftigung mit dem Glauben hat ihn nie losgelassen.

SPIEGEL: Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben beide Kuba besucht.
Boff: Fidel hat mir gesagt, er finde es verblüffend, wie gut er mit den Päpsten auskomme. Ich antwortete ihm: Warum sollten sich Vertreter autoritärer Regime nicht blendend verstehen?

SPIEGEL: Nach Ihrem Abschied aus dem Amt ging es mit der Befreiungstheologie abwärts.
Boff: Während seiner Zeit als Leiter der Glaubenskongregation hat Ratzinger mehr als hundert Theologen verurteilt. Und als Papst wurde die Bewegung für ihn erst recht eine Obsession. Er hat fast alle Bastionen der Befreiungstheologie geschleift und nur Konservative seiner Denkschule in wichtigen Positionen ver- ankert. Aber wir Befreiungstheologen haben eher gewonnen als verloren.”Ich wünsche der Kirche nur das Beste“

SPIEGEL: Wieso?
Boff: Die Befreiungstheologie hat tief in die Politik und das Leben der Menschen hineingewirkt. 2003 ist der Gewerk- schaftsführer Lula da Silva Präsident un- seres Landes geworden, seit 2011 ist die Ex-Guerillera Dilma Rousseff seine Nach- folgerin. Beide sind von unserer Art des christlichen Denkens beeinflusst, ich habe gute Kontakte in Brasília.

SPIEGEL: Sie haben den Kapitalismus immer als ein System des Bösen an- geprangert, das zwangsläufig zur Aus- beutung führen müsse, zur Akkumulation des Superreichtums, zur Verar- mung der Massen. Lula und Rousseff be- treiben eine industriefreundliche Politik und sind nur dadurch in der Lage, ein- drucksvolle Sozialprogramme zu finan- zieren.
Boff: Ja, das stimmt. Ihr sozialdemokratischer Weg zeigt sich als der richtige, wenngleich noch viel zu tun ist. Vor allem in den Favelas. Und eines hat sich nicht verbessert, in Brasilien nicht, im Rest der Welt womöglich noch weniger: der Raub- bau an der Natur. Für mich ist die Öko- logie zum Hauptthema der Menschheit geworden.

SPIEGEL: Ihre neuen Bücher handeln vor allem von ökologischer Spiritualität. Bleiben Sie da nicht notwendigerweise – ähn- lich wie der Dalai Lama – oft im Unge- fähren, im Esoterischen?
Boff: Nein, das glaube ich nicht. Ich ver- suche, konkrete Anleitungen zu geben. Wir brauchen eine neue Ethik, die den verzweifelten Schrei der Erde hört.

SPIEGEL: Sie haben den organisierten Katholizismus hinter sich gelassen. Erfüllt es Sie manchmal nicht mit klammheim- licher Freude, wenn Sie von den Schwie- rigkeiten des Vatikans hören, etwa von den offensichtlich nicht zu bewältigenden Missbrauchsskandalen?
Boff: Ich bitte Sie. Die katholische Kirche ist meine spirituelle Heimat. Ich wünsche ihr nur das Beste. Aber was die zahlrei- chen Fälle von Pädophilie angeht: Ich denke, das hat mit unterdrückter Sexua- lität zu tun.

SPIEGEL: Sie sehen einen Zusammenhang von Zölibat und Pädophilie?
Boff: Ja. Und ich finde es beschämend, wie halbherzig der Vatikan mit der Auf- arbeitung dieses Skandals umgeht.

SPIEGEL: Wie sähe Ihre ideale Kirche aus?
Boff: Der Papst betrachtet die Kirche wie ein Schiff, das fest verankert im Hafen liegt, das kontrolliert werden muss. Er ist besessen von Kontinuität und sucht nicht die Wahrheit, sondern nur die Si- cherheit. Für mich ist die Kirche ein Schiff, das gebaut ist, um es draußen auf dem Meer mit den Wellen aufzunehmen und sich, wenn nötig, einen neuen Kurs zu suchen.

SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 50/2012 155
RAFAEL SANCHEZ FABRÉS / DER SPIEGEL

Der Weg als Archetyp der menschlichen Existenz

Wege faszinieren mich ganz besonders, vor allem Landstraßen, die beschwerlich den Berg hinaufführen und in den bewaldeten Kurven verschwinden. Und die von buntem Herbstlaub bedeckten Wege in den süddeutschen Alpen, auf denen ich als Student an grauen Herbstnachmittagen spazieren ging.

Tatsächlich tragen wir diese Wege in unserem Innern. Wir müssen die Wege befragen, warum es solche Entfernungen gibt, warum sie manchmal so gewunden, so mühsam und schwierig zu begehen sind. Sie hüten das Geheimnis der Füße derer, die auf ihnen gingen, das Gewicht ihrer Traurigkeit oder die Leichtigkeit ihrer Freude über das Wiedersehen mit einem geliebten Menschen.

Der Weg stellt einen der ursprünglichsten Archetypen der menschlichen Psyche dar. Der Mensch bewahrt in sich die Erinnerung an alle während der 13,7 Milliarden Jahre des evolutionären Prozesses begangenen Wege. Insbesondere trägt er die Erinnerung an das erste Auftauchen unserer Vorfahren in sich: der Zweig der „Wirbeltiere“, die Klasse der Säugetiere, die Kategorie der Primaten, die Familie der Hominiden, das Genre Homo, die aktuelle Spezies sapiens/demens.

Angesichts dieses unermesslichen Gedächtnisses erscheint der Weg des Menschen sehr komplex und oftmals unbegreiflich. Auf dem Weg jedes Einzelnen sind die Millionen und Abermillionen Erfahrungen, die zahllose Generationen vor ihm auf dem langen Weg gemacht haben, noch immer am Werk. Jeder Mensch hat die Aufgabe, diesen Weg zu erweitern, sodass er den ihm überlassenen Weg dadurch verbessert und vertieft, begradigt, was gewunden war, und den künftigen Reisenden einen Weg hinterlässt, der durch seine Fußspuren bereichert ist.

Der Weg war schon immer und ist immer noch eine richtungweisende Erfahrung, die gleichzeitig das Ziel angibt und den Weg, über den dieses Ziel erreicht wird. Ohne einen Weg fühlen wir uns sowohl innerlich als auch äußerlich verloren. Dunkelheit und Verwirrung breiten sich in uns aus. So wie heute, da die Menschheit sich ziellos und im Blindflug bewegt, ohne Kompass oder Sterne als Orientierungshilfe in finsterer Nacht.

Jedes menschliche Wesen ist ein Homo viator, ein Wanderer auf den Pfaden des Lebens. Wie der argentinische indigene Poet und Sänger Atahualpa Yupanqui sagt: „Der Mensch ist die wandernde Erde“. Wir empfangen keine perfekte Existenz. Wir müssen sie selbst errichten. Und dazu müssen wir aus unseren Wegen ausbrechen, die Wege, die vor uns gegangen wurden, verlassen und neue Wege gehen. Aber auch damit wird unser persönlicher Weg nie komplett abgeschlossen. Er muss mit Kreativität und frei von Angst erschlossen werden. Wie der spanische Poet Antonio Machado sagt: „Wanderer, es gibt keinen Weg; der Weg entsteht beim Wandern“.

In der Tat sind wir stets auf dem Weg zu uns selbst. Im Grunde genommen verwirklichen oder verlieren wir uns selbst darauf. Daher gibt es auch zwei Wege, wie es im ersten Psalm der Bibel heißt: den Weg des Gerechten oder den Weg des Gottlosen, den Weg des Lichts oder den Weg der Dunkelheit, den Weg des Egoismus’ oder den Weg der Solidarität, den Weg der Liebe oder den Weg der Gleichgültigkeit, den Weg des Friedens oder den Weg des Konflikts. Kurz gefasst: den Weg, der zu einem guten Ausgang führt, oder den Weg, der zum Abgrund führt.

Doch Vorsicht: in der konkreten Conditio Humana existieren immer beide Wege, und manchmal kreuzen sie sich. Innerhalb des guten Wegs versteckt sich auch der schlechte, und im schlechten der gute. Beide durchqueren unser Herz. Darin besteht unser Drama, das zu einer Krise und sogar zu einer Tragödie werden kann.

Da es schwierig ist, die Spreu vom Weizen zu trennen, d. h. den guten Weg vom schlechten, sind wir gezwungen, eine grundlegende Entscheidung für einen der beiden zu treffen: für den guten Weg, selbst wenn dies für uns Verzicht bedeuten oder Nachteile mit sich bringen kann. Zumindest verschafft uns das ein gutes Gewissen und das Gefühl, das Richtige zu tun. Und dann gibt es Menschen, die sich für den schlechten Weg entscheiden: Dies ist der leichtere Weg; er engt nicht ein, denn alles ist recht, solange es Vorteile bringt. Doch dies hat seinen Preis: ein bohrendes Gewissen und das Risiko, bestraft oder gar vernichtet zu werden.

Diese fundamentale Entscheidung verleiht dem Weg des Menschen eine ethische Qualität. Entscheiden wir uns für den guten Weg, werden kleine Fehlschritte oder ein Stolpern nicht den ganzen Weg und seine Richtung zerstören. Was für das Gewissen und für Den, Der in Gerechtigkeit richtet, wirklich zählt, ist die fundamentale Entscheidung, die wir treffen.

Aus diesem Grund muss in der vorherrschenden christlichen Morallehre die Rede von lässlichen Sünden oder Todsünden ersetzt werden durch eine Ausdrucksweise, die eher in Einklang mit dem Konzept vom Weg des Menschen steht: Treue oder Untreue zur fundamentalen Entscheidung. Die Taten des Einzelnen dürfen nicht isoliert und losgelöst von seiner fundamentalen Entscheidung beurteilt werden. Es geht vielmehr darum, die grundlegende Haltung und das fundamentale Projekt, das sich in seinen Handlungen widerspiegelt und die Gesamtrichtung seines Lebens bestimmt, zu erkennen und anzuerkennen.

Entscheidet sich jemand in Beständigkeit und Treue für das Gute, so wird dies seinen Handlungen mehr oder weniger Güte verleihen trotz der Schwankungen, die immer wieder einmal auftreten, ohne jedoch einen guten Weg zu zerstören. Solche Menschen leben im Zustand der Gnade. Doch da gibt es noch diejenigen, die sich für den Weg des Bösen entschieden haben. Sie werden den strengen Blick Gottes aushalten müssen, wenn es darum gehen wird, ob sie Seine Barmherzigkeit finden.

Wir kommen nicht darum herum: Wir müssen uns entscheiden, welchen Weg wir erschließen und gehen wollen, wissend, dass „es gefährlich ist zu leben“ (Guimarães Rosa). Doch wir sind nie allein. Viele sind mit uns auf dem Weg und teilen solidarisch unser gemeinsames Schicksal in Begleitung von Jemandem namens „Emmanuel, Gott mit uns“.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Der Sinn des Blickes auf die Erde vom Weltall

Die letzten Jahrhunderte sind charakterisiert von zahllosen Entdeckungen: Kontinente, indigene Völker, Arten von Lebewesen, Galaxien, Sterne, die subatomare Welt, Energiequellen und vor kurzem das Higgs-Teilchen, eine Art subtiles Feld, das das Universum ausfüllt und virtuellen Teilchen durch Kontakt ihre Masse gibt, sodass sie stabil werden. Doch noch hatten wir nicht die Erde als Planeten entdeckt, als unser gemeinsames Zuhause. Wir mussten über die Erde hinaus gehen, um sie von außen zu betrachten, sie zu entdecken und um zu erkennen, dass sie aus einer Einheit von Erde und Menschheit besteht.

Dies ist das große Vermächtnis der Astronauten, die als Erstes in der Lage waren, die Erde von außen zu betrachten. Ihnen haben wir den Overview Effect zu verdanken, d. h. den Effekt, der entsteht, wenn man etwas von außerhalb betrachtet. Die schönsten Beschreibungen durch die Astronauten finden sich im Buch „Overview Effect“ von Frank White (Houghton Mifflin Company, Boston, 1987). Diese Beschreibungen zu lesen, berüht zutiefst und führt zu einem Gefühl großer Ehrfurcht, einer wahren spirituellen Erfahrung. Hier sind einige Auszüge:

Der Astronaut James Irwin sagte: „Die Erde gleicht einem Weihnachtsbaum, der vor dem schwarzen Hintergrund des Universums aufgehängt ist; je mehr wir uns von ihr entfernen, umso kleiner erscheint sie, bis sie nur noch ein kleiner Ball zu sein scheint, schöner als man sich je vorstellen könnte. Das ein lebendes, so schönes und so warmes Objekt so zerbrechlich und zart erscheint verändert diejenigen, die diese Schönheit erblicken, denn man beginnt, Gottes Schöpfung zu schätzen und Gottes Liebe zu entdecken.“ Ein anderer Astronaut, Eugene Cernan, gestand: „Ich war der letzte Mensch, der im Dezember 1972 seinen Fuß auf den Mond setzte. Von der Mondoberfläche aus schaute ich ehrfürchtig zur Erde gegen einen sehr dunklen Hintergrund. Was ich sah, war zu schön, als dass ich es hätte fassen können, zu geordnet und zweckerfüllt, um nur Ergebnis eines bloßen kosmischen Zufalls zu sein; man fühlte ganz tief im Inneren das Bedürfnis, Gott zu loben. Es muss einen Gott geben, um das geschaffen zu haben, was anzuschauen ich das Privileg hatte; spontan stellte sich Verehrung und Dankbarkeit für die Existenz des Universums ein.“

Mit Feingefühl beobachtete Joseph P. Allen, ein weiterer Astronaut: „Es gab viele Diskussionen über das Für und Wider der Mondraumfahrt, doch ich habe niemanden sagen hören, dass wir zum Mond fliegen sollten, um die Erde von dort aus, also von außerhalb, zu betrachten. Doch letztlich hätte genau das der wahre Grund für den Flug zum Mond sein müssen.“

Durch diese einzigartige Erfahrung erwacht im Menschen das Verständnis dafür, dass der Mensch und die Erde eine Einheit bilden und dass diese Einheit ein Teil von etwas Größerem ist, der solaren Einheit, und diese Teil einer noch größeren, nämlich einer galaktischen Einheit. Dies führt uns zum ganzen Universum, und das ganze Universum führt uns zum Mysterium, und vom Mysterium kommen wir zum Schöpfer.

„Von oben“, beobachtete Cernan, „kann man solche Barrieren wie Hautfarbe, Religion und politische Einstellungen, die die Welt hier unten trennen, nicht sehen.“ Alles ist ein einem einzigen Planeten vereint, der Erde. Der Astronaut Salman al-Saud sagte dazu: „Am ersten und zweiten Tag machten wir unsere Länder ausfindig, am dritten und vierten Tag unsere Kontinente, und ab dem fünften Tag wurde uns die Erde nur noch als ein Ganzes bewusst.“

Diese Beschreibungen überzeugen uns davon, dass Erde und Menschheit in Wirklichkeit ein untrennbares Ganzes bilden. Das ist genau das, was Isaac Asimov in seinem Artikel in der New York Times vom 9. Oktober 1982, dem 25. Jahrestag des Sputnik-Abflugs, schrieb, der als erstes die Erde umkreiste. Der Artikel trug den Titel: „Sputnik’s Legacy: Globalism“ (Sputniks Vermächtnis: die Globalisierung). Und Asimov sagte: „Unserem Widerspruchsgeist wird die Sichtweise auferlegt, dass Erde und Menschheit eine einzige Einheit bilden.“ Der Russe Anatoly Berezovoy, der 211 Tage im Weltraum verbrachte, bestätigte dies. Ganz offensichtlich können wir nicht die Erde auf der einen Seite und die Menschheit auf der anderen Seite betrachten. Wir bilden ein organisches und lebendiges Ganzes. Wir Menschen sind der fühlende, denkende, liebende, sorgende und Respekt erweisende Teil der Erde.

Von fast jedem Blickwinkel aus auf die Erde kommt uns ganz spontan der Gedanke, dass trotz all der Zerstörung, durch die wir Gaia bedrohen, eine gute und heilbringende Zukunft gewissermaßen garantiert ist. So viel Schönheit und Pracht kann nicht zerstört werden. Wie Christen es ausdrücken würden: Die Erde ist vom Geist und vom kosmischen Christus durchdrungen. Ein Teil der Menschheit wurde bereits durch Jesus verewigt und befindet sich im Herzen der Dreifaltigkeit. Es kann nicht sein, dass Gott sein Werk auf den Ruinen der Erde vollendet. Der Auferstandene und Sein Geist führen die Evolution zu ihrem Kulminationspunkt.

Eine moderne Legende untermauert diesen Glauben: „Es war einmal ein christliches Greenpeace-Mitglied, dem in seinen Träumen der auferstandene Jesus begegnete und ihn zu einem Spaziergang im Garten einlud. Das Greenpeace-Mitglied akzeptierte die Einladung mit Begeisterung. Nachdem sie eine Weile gelaufen waren und die Artenvielfalt an diesem kleinen Ort bewundert hatten, fragte der Mann: „Herr, als du auf den Wegen Palästinas liefst, sagtest du einmal, du würdest eines Tages in großem Ruhm und Herrlichkeit wiederkommen. Deine Wiederkunft zögert sich schon so lange hinaus! Wann wirst du denn endlich kommen, Herr?“ Nach einer kurzen Pause des Schweigens, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, antwortete der Herr: „Mein lieber Bruder, wenn meine Anwesenheit im Universum und in der Natur so offensichtlich ist wie das Licht, das diesen Garten erhellt; wenn meine Gegenwart unter deiner Haut und in deinem Herzen so wirklich ist wie meine Gegenwart hier und jetzt, wenn diese meine Gegenwart so sehr zu Fleisch und Blut in dir selbst wird, dass du nicht mehr darüber nachzudenken brauchst, wenn du so in diese Wahrheit eingetaucht sein wirst, dass du nicht so nachdrücklich zu fragen brauchst, wir du es jetzt tust … dann, lieber Bruder, werden dies die Zeichen sein, dass ich in allem Ruhm und Herrlichkeit zurückgekehrt bin.“

Siehe vom Verfasser “Die Erde ist uns anvertraut”Butzon & Bercker,Kevelaer 2010.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack