Die Herausforderungen der neuen Formen von Lebensgemeinschaften

Die Beweglichkeit der Gesellschaft von heute lässt Raum für diverse Formen des Zusammenlebens. Neben der traditionellen Ehe, die innerhalb eines gesellschaftlichen, juristischen und sakramentalen Rahmens geschlossen wird, bilden sich heute immer häufiger Paare (als Lebensgemeinschaft und als offene Beziehung), die außerhalb des institutionellen Rahmens in gegenseitigem Einverständnis geschlossen werden und solange halten wie die Paar-Beziehung bestehen bleibt und die zu nichtehelichen Familien werden können. Mit der Einführung der Scheidung kam es zur Bildung von Familien, die aus nur einem Elternteil bestehen (Mutter oder Vater mit Kind/ern); zu Familien mit mehreren Elternteilen (mit Kind/ern aus vorigen Ehen) als auch zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen (bestehend aus Männern oder Frauen), die in einigen Ländern einen legalen Status erhielten, der ihnen Stabilität und gesellschaftliche Anerkennung verleiht.

Wir wollen versuchen, diese neuen Formen von Lebensgemeinschaften besser zu verstehen. Der brasilianische Spezialist, Marco Antonio Fetter (erster Begründer einer Universität der Familie in Rio Grande do Sul, Brasilien, mit allen akademischen Titeln), definiert Familie als „eine Gruppe von Personen mit gemeinsamen Zielen und starken affektiven Bindungen, innerhalb derer jede/r eine bestimmte Stellung inne hat und wo die Rollen von Vater, Mutter, Kindern und Geschwistern sich ganz natürlich ergeben.“ (www.unifan.com.br)

Die Institution Familie hat sich seit Einführung der Geburtenkontrolle und der Verhütungsmittel, die inzwischen trotz ihrer Ablehnung durch diverse Kirchen einen selbstverständlichen Platz in unserer Kultur einnehmen, stark verändert. Das eheliche Sexualleben hat an Intimität und Spontaneität gewonnen, denn mit diesen Mitteln der Familienplanung hat es sich von unvorhergesehenen und ungewollten Schwangerschaften befreien können. Kinder sind nicht länger das unvermeidliche Resultat sexueller Beziehungen, sondern werden in gegenseitigem Einverständnis der Eltern geplant.

Die Betonung der Sexualität als persönliche Verwirklichung hat das Aufkommen von Formen des Zusammenlebens erleichtert, die nicht unbedingt in eine Ehe münden. Dies drückt sich in der Entstehung von freien und einvernehmlichen Beziehungen aus ohne andere Verpflichtung als die der gegenseitigen Verwirklichung der Paarbeziehung oder der Lebensgemeinschaft von gleichgeschlechtlichen Paaren.

Solche Praktiken, so neu sie auch sein mögen, müssen auch eine ethische und spirituelle Perspektive beinhalten. Es ist wichtig, sich zu vergewissern, dass sie Ausdrucksweisen der gegenseitigen Liebe und des gegenseitigen Vertrauens sind. Wo Liebe ist, so besteht aus christlicher Sichtweise etwas, das mit Gott zu tun hat, denn Gott ist die Liebe (1 Joh 4,12-16). Daher sind hier Vorurteile und Diskriminierung fehl am Platz. Stattdessen braucht es Respekt und Offenheit, um diese Fakten zu verstehen und um sie vor Gott zu tragen. Wenn diese Personen ihre Beziehung in Verantwortung leben, sollte ihnen eine spirituelle Relevanz nicht abgesprochen werden.

Es verbreitet sich eine Atmosphäre, die dazu beiträgt, den Versuchungen der Promiskuität zu widerstehen und Treue und Stabilität, die Frucht aller Beziehungen, zu bestärken. Der unveränderliche Kern der Familie ist die Zuneigung, Achtsamkeit füreinander und der Wunsch, zusammen zu bleiben, ebenso wie die Offenheit für die Möglichkeit der Zeugung neuen Lebens.

Unter diesen Umständen ist es erforderlich, über den institutionellen Charakter der Familie hinaus insbesondere den relationellen Charakter zu beachten. Es ist wichtig, hier das komplexe Zusammenspiel der Beziehungen zu sehen, das innerhalb des Paares auftritt. In diesen Beziehungen existieren Lebendigkeit, Ausdrucksweisen von Liebe und Treue, von Begegnungen und Glück. In einem Wort: der Aspekt der Dauerhaftigkeit der Beziehung tritt auf den Plan. Die institutionelle Seite ist gesellschaftlich legitimiert und nimmt, je nach kulturellem Hintergrund (römisch, keltisch, chinesisch, indianisch etc.) sehr unterschiedliche Formen ein.

Interkulturelle Studien haben gezeigt, dass dort, wo ein starker und gesunder sozialer und familiärer Hintergrund herrscht, die Basis für ein großes Vertrauen in den anderen entsteht und es weniger Gewalttätigkeit und mehr soziale Teilnahme gibt. Wird dieses soziale Kapital aufgelöst, erwächst daraus eine Krise und die emotionale Beziehung wird aufgelöst.

Es geht nun darum, gewisse Moralvorstellungen zu überwinden, mit denen niemandem geholfen ist. Diese schaden verschiedenen Formen von Familie oder Lebensgemeinschaft aufgrund eines Details und lassen uns die Werte abhanden kommen, die ganz sicher bestehen und ernsthaft vor Gottes Angesicht gelebt werden.

Die Hauptbedeutung der kirchlichen Lehre über die Familie besteht darin, die menschlichen und moralischen Werte zu unterstreichen, die gelebt werden sollen. So lässt es sich im Apostolischen Schreiben Familiaris Consortio (1981) und im Brief an die Familien (1994) von Papst Johannes Paul II. lesen. Beide Dokumente bestätigen ausdrücklich, dass „die Familie aus einer Gemeinschaft von Personen besteht, die auf Liebe begründet und durch Liebe belebt ist, deren Herkunft und Ziel das göttliche Wir ist.“

Interessanterweise wird im Dokument „Familiaris Consortio“ der relationellen Dimension eine größere Wichtigkeit verliehen als der institutionellen Dimension. Es definiert Familie als „ein Komplex zwischenmenschlicher Beziehungen – eheliche Beziehungen, Vaterschaft-Mutterschaft, Kindschaft, Geschwisterlichkeit -, durch die jede Person in die Menschheitsfamilie eingeführt wird.“

Was würde aus der Familie und ihren Mitgliedern werden, wenn das Feuer dieser zwischenmenschlichen Beziehungen von Zuneigung und Achtsamkeit, von Sprache der Verzauberung und des Traums nicht unter ihnen brennte? Ohne diesen Motor, der uns beständig auf unserem Weg antreibt, ohne diese Nische der Gefühle könnte niemand die Schwierigkeiten, die es in allen zwischenmenschlichen Beziehungen gibt, und unsere menschliche Begrenztheit ertragen.

Diese Werte lassen die Familien über sich hinauswachsen. Der Traum besteht gerade darin, dass, ausgehend von den Werten der Familie in ihren verschiedenen Formen, eine Schul-Familie, eine Arbeits-Familie, eine Gemeinde-Familie, eine nationale Familie und eine Menschheitsfamilie entsteht und schließlich eine Erd-Familie als letztes Sprungbrett hin zur Gottesfamilie.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die Rezeption des 2.Vatikanschen Konzils in Brasilien und Lateinamerika

Wir feiern den 50. Jahrestag des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965). Dieses steht für einen Bruch mit der Jahrhunderte alten Tradition der römisch-katholischen Kirche. Sie war eine Kirche, die einer belagerten Festung glich und sich gegen alles zur Wehr setzte, was von der modernen Welt kam: Wissenschaft, Technologie und zivilisatorische Errungenschaften wie Demokratie, Menschenrechte und Trennung von Kirche und Staat.

Doch dann kam ein Windstoß frischer Luft durch einen alten Papst, von dem wenig erwartet worden war: Johannes XXIII. (1881-1963). Er öffnete die Türen und Fenster und sagte: Die Kirche kann nicht nur ein ehrwürdiges Museum sein; sie muss für alle ein Zuhause sein, angefüllt mit frischer Luft und ein angenehmer Ort zum Leben.

Vor allem stand das Konzil für ein Aggiornamento, als das Johannes XXIII. es selbst bezeichnete, d. h. eine Aktualisierung und Rekonstruktion ihres Selbstverständnisses und ihres Auftretens in der Welt.

Uns interessiert hier weniger eine Aufzählung der Hauptelemente, die durch das Konzil eingeführt wurden, als die Art und Weise, wie das Aggiornamento von der lateinamerikanischen Kirche und von Brasilien aufgenommen und in die Praxis umgesetzt wurde. Dieser Prozess wird Rezeption genannt und besteht aus einer neuen Lesart und Anwendung des konziliaren Verständnisses vor dem Kontext Lateinamerikas, der sich wesentlich von dem Europas unterscheidet, wo alle Dokumente erarbeitet worden sind. Wir werden nur einige wesentliche Punkte aufgreifen.

Der erste Punkt war zweifellos eine große Veränderung der Atmosphäre, die in der Kirche herrschte: vor dem Konzil war eine strenge Disziplin vorherrschend, die von Rom diktierte Einheitlichkeit und die düstere und antiquierte Form des geistlichen Lebens. Die Kirchen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens waren Abbildungen der römischen Kirche. Doch plötzlich begannen sie, sich selbst als eine Quelle der Kirche zu entdecken. Sie konnten ihre Kultur einbringen und neue Sprachen schaffen. Sie strahlten Enthusiasmus und Schaffensfreude aus.

An zweiter Stelle ist eine Neudefinition der sozialen Position der Kirche Lateinamerikas zu nennen. Das 2. Vatikanische Konzil war zwar ein universelles Konzil, doch wurde es aus der Perspektive der überlegenen und reichen Länder geschaffen. Die Kirche der modernen Welt wurde von dort aus definiert. Doch es gab eine Subgesellschaft in Armut und Unterdrückung, die von der lateinamerikanischen Kirche aufgefangen wurde. Die Kirche musste sich vom Mittelpunkt der Menschheit hin zur unmenschlichen Peripherie der Gesellschaft bewegen. Wenn es in dieser Peripherie Unterdrückung gab, musste der Auftrag der Kirche die Befreiung sein. Die Inspiration dazu kam von Papst Johannes XXIII. selbst, der sagte: „Die Kirche gehört allen, doch sie möchte vor allem die Kirche der Armen sein.“

Dieser Wandel fand seinen Ausdruck in den verschiedenen lateinamerikanischen Bischofskonferenzen, von Medellín (1968) bis Aparecida (2007), durch die vorrangige solidarische Option für die Armen und gegen Armut. Diese Option wurde zum Markenzeichen der lateinamerikanischen Kirche und der Theologie der Befreiung.

An dritter Stelle steht die Konkretisierung der Kirche als das Volk Gottes. Das 2. Vatikanische Konzil gab dieser Kategorie einen Platz ganz oben in der Hierarchie. Volk Gottes ist für die lateinamerikanische Kirche keine Metapher; die große Mehrheit der lateinamerikanischen Bevölkerung ist christlich und katholisch und von daher ein Volk Gottes, das unter der Unterdrückung leidet so wie in früheren Zeiten in Ägypten. Von dort aus entstand die Dimension der Befreiung, die die Kirche in all ihren Dokumenten von Medellín (1968) bis Aparecida (2007) offiziell anerkannte. Diese Vision vom Kirchenvolk Gottes ermöglichte das Aufkommen der kirchlichen Basisgemeinden und die soziale Seelsorge.

Viertens verstand das Konzil das in der Bibel enthaltene Wort Gottes als die Seele kirchlichen Lebens. Dies führte zu einem verbreiteten Bibellesen im Volk und zu Tausenden von Bibelkreisen. In diesen Kreisen messen die Christen ihr Leben an der Bibel und ziehen daraus praktische Schlussfolgerungen in einem Umfeld von Gemeinschaft, Teilhabe und Befreiung.

Fünftens öffnete das Konzil sich für die Menschenrechte. In Lateinamerika wurden Menschenrechte zuerst als Rechte der Armen verstanden und damit als erstes als das Recht auf Leben, Arbeit, Gesundheits-versorgung und Bildung. Von da aus lassen sich andere Rechte verstehen wie z. B. das Recht auf Mobilität.

Als 6. Punkt ist zu nennen, dass das Konzil die Ökumene unter den christlichen Kirchen aufgriff. In Lateinamerika konzentriert sich die Ökumene nicht so sehr auf die Unterschiede in der Lehre als vielmehr auf die Unterschiede in der Praxis: Alle Kirchen kämpfen gemeinsam für die Befreiung der Unterdrückten. Es ist eine Ökumene, die eine Mission erfüllt.

Schließlich wurde der Dialog mit anderen Religionen eröffnet, und in diesen wurde die Gegenwart des Geistes wahrgenommen, der bereits vor dem Missionar vor Ort ist. Aus diesem Grund sollten deren Werte respektiert werden.

Letztlich muss anerkannt werden, dass in keinem Kontinent das 2. Vatikanische Konzil so ernst genommen wurde wie in Lateinamerika, wo größere Veränderungen vorgenommen wurden und die Kirche der Armen zur Herausforderung für die Weltkirche und das Gewissen der ganzen Menschheit wurde.

Ûbersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die Wüste: ökologische Realität und existenzielle Metapher

Die Wüste ist sowohl eine mysteriöse Wirklichkeit als auch eine tiefe Metapher für die Widersprüche im Leben der Menschen.

40 % der Erdoberfläche befinden sich zurzeit im fortgeschrittenen Stadium der Versteppung. Die Wüste wächst in einer Größenordnung von 60.000 Quadratkilometern pro Jahr, das entspricht 12 Hektar pro Minute. In Brasilien befinden sich eine Million Quadratkilometer im Prozess der Versteppung, einschließlich 180.000 Quadratkilometern allein im Nordosten und in Minas. Dieses Phänomen, das die Ernte bedroht und somit Hunger und Emigration ganzer Bevölkerungsstriche hervorruft, ist das Ergebnis von Entwaldung, geringer Bodennutzung, Klimawandel und der Winde.

Bedenken wir, dass vor 10 000 Jahren die größte Wüste der Welt, die Sahara, mit 9.065.000 km² größer als Brasilien, von dichten tropischen Wäldern bedeckt war und sich dort Fossilien von Dinosauriern und Ruinen einstiger Zivilisationen befinden, da damals der Nil in den Atlantik mündete. Dann wandelte sich jedoch das Klima auf drastische Weise und verwandelte dieses Gebiet in eine immense Savanne und später in eine dürre und extrem trockene Wüste. Ist dies kein Warnzeichen für den Amazonas-Urwald?

Doch das Leben ist immer stärker. Es widersteht, passt sich an und am Ende triumphiert es. Immer noch keimt das Leben in den Wüsten mit mehr als 800 Pflanzenarten, winzigen Insekten und Tieren. Es reicht, dass ein feuchterer Wind geht oder ein paar Tropfen Wasser fallen, und das unsichtbare Leben bricht in ganzer Pracht wieder auf.

Innerhalb von acht Tagen keimt Samen, blüht auf, reift und bringt Früchte hervor, die zu Boden fallen. Der Samen hält sich im Boden. Er wartet über ein Jahr in der Hitze der Sonne und der Peitsche des Windes, bis er wieder keimen und den ununterbrochenen und triumphierenden Lebenszyklus fortsetzen kann. Andere Sträucher wiederum rollen sich ein und krümmen sich, um sich vor dem Wind zu schützen und zu überleben.

Ebenso ernähren sich kleine Tiere von Insekten, Schmetterlingen, Libellen und vom durch den Wind gebrachten Samen.

Doch wo es eine Oase gibt, scheint die Natur alles wettzumachen: das Grün ist grüner, die Atmosphäre vergnügter, und die Früchte sind farbenfroher. Sie alle verkünden den Sieg des Lebens.

Mit Hilfe von Technologie eröffnet sich der Mensch die Wüsten, baut lange Autobahnen und gewinnt die Wüste für die Zivilisation zurück, so wie es in den Vereinigten Staaten geschieht, in China und in Chile. Dies ist die Wirklichkeit der Ökologie der äußerlichen Wüste.

Es gibt aber auch innere Wüsten, die ebenfalls eine tiefe Ökologie besitzen. Jeder Mensch hat eine Wüste, durch die er hindurch wandern muss auf der Suche nach dem „gelobten Land“. Dies ist eine schmerzvolle Reise, angefüllt mit Luftspiegelungen. Doch es wartet immer auch eine Oase, um diesen Menschen wieder aufzubauen.

Es gibt solche und solche Wüsten: Wüsten der Sinne, des Geistes, des Glaubens. Die Wüste der Sinne tritt vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Nach einigen Jahren erfährt die Beziehung eines Paares die Wüste der täglichen Monotonie und der Verblassung der gegenseitigen Bezauberung. Wenn es keine Kreativität oder gegenseitige Akzeptanz der Schwächen des anderen gibt, kann die Beziehung sterben. Wird die Wüste nicht durchquert, so bleibt man darin stecken.

Es gibt auch eine Wüste des Geistes. Als das Christentum im 4. Jahrhundert begann, bürgerlich zu werden, beschlossen einige Laienchristen, den Traum des Jesus von Nazareth lebendig zu halten. Sie gingen in die Wüste, um das gelobte Land in ihren eigenen Seelen zu finden und um den unverhüllten und lebendigen Gott anzutreffen. Und sie trafen auf Gott. Es geht dabei um eine gefährliche Durchquerung der Wüste. Der heilige Johannes vom Kreuz spricht von der „schrecklichen und Furcht erregenden“ Nacht des Geistes. Doch diese führt zu einer radikalen Vereinigung. Dann wird aus der Dürre das verlorene Paradies geboren. Die Wüste ist eine Metapher für diese Suche und diese Begegnung.

Schließlich gibt es noch eine Wüste des Glaubens. Zurzeit erlebt die katholische Kirche eine karge Wüste, denn der Frühling, der durch das 2. Vatikanische Konzil erwachte, wurde in einen strengen Winter verwandelt durch die Maßnahmen, die das Zentralorgan des Vatikans unternahm in seiner Bemühung, Traditionen und Frömmigkeitsübungen zu erhalten, die dem mittelalterlichen Modell von Machtkirche entsprechen. Die Kirche reagiert auf die Rufe des Volkes wie eine belagerte und verschlossene Festung, die für die Klagen und Hoffnungen des Volkes verschlossen bleibt. Dies ist ein Modell einer Kirche der Angst, des Misstrauens und der Armut an Kreativität, was Unzulänglichkeit des Glaubens und des Vertrauens in den Geist des Jesus von Nazareth aufdeckt. Das Gegenteil von Glauben ist nicht Atheismus, sondern Angst. Eine ängstliche Kirche verliert ihre wichtigste Substanz, d. h. den lebendigen Glauben. Die pädophilen Verbrechen vieler Geistlicher und die Finanzskandale der Vatikanbank führten viele Gläubigen zu einer Erfahrung der Wüste und dazu, aus der Institution auszutreten, selbst wenn sie am Traum Jesu und an den Evangelien festhalten. Wir leben in einer kirchlichen Wüste ohne das geringste Anzeichen einer Oase am Horizont. Dies ist unsere Herausforderung: die Durchquerung der Wüste trotz allem zu unternehmen, in der Gewissheit, dass der Geist erscheint und Blumen in der Wüste erblühen lassen wird. Doch wie schmerzhaft ist die Reise!

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Hungersnot: eine ethische und politische Herausforderung

Aufgrund des wirtschaftlichen Rückgangs, der durch die aktuelle Finanzkrise bedingt ist, sprang die Anzahl der Hungernden, laut Angaben Welternährungsorganisation, von 860 Millionen auf 1,2 Milliarden. Dieser perverse Tatbestand birgt eine ethische und politische Herausforderung. Wie können wir die lebensnotwendigen Bedürfnisse dieser Millionen und Abermillionen Menschen stillen?

In der Vergangenheit war dies schon eine großen Herausforderung, denn es war noch nie möglich, die Nachfrage nach Nahrung völlig zu befriedigen, sei es aus Gründen des Wetters, der Fruchtbarkeit des Bodens, des Mangels an sozialer Organisation. Abgesehen vom ersten Paläolithikum, als die Bevölkerung zahlenmäßig klein war und Lebensmittel in Fülle vorhanden waren, hat es Hungersnöte schon immer im Lauf der Geschichte gegeben. Die Nahrungsverteilung war fast immer ungerecht.

Die Hungerkatastrophe ist nicht wirklich ein technisches Problem. Es existieren Techniken, um mit außerordentlicher Effizienz zu produzieren. Die Produktion der Nahrung übersteigt das Wachstum der Weltbevölkerung, doch sie wird schlecht verteilt. 20 % der Menschheit verbrauchen 80 % der Lebensmittel, während 80 % der Menschheit mit 20 % der Lebensmittel auskommen müssen. Genau dort findet sich die Ungerechtigkeit.

Diese anormale Situation rührt daher, dass es der Menschheit an ethischer Empfind-samkeit gegenüber den Mitmenschen mangelt. Es scheint, als hätten wir völlig unsere althergebrachten Ursprünge vergessen und damit die einstige Kooperation, die uns ermöglichte, Mensch zu sein.

Dieses Defizit der Menschheit beruht auf einem Gesellschaftstypus, der das Individuum über die Gemeinschaft stellt, der Privateigentum höher schätzt als solidarische Mitbeteiligung, Wettbewerb über Zusammenarbeit stellt: eine Gesellschaft, die die sogenannten männlichen Werte (in Männern wie in Frauen zu finden) wie Vernunft, Macht und Gewaltausübung höher schätzt als Werte, die als weiblich gelten (und ebenfalls sowohl bei Männern als auch bei Frauen zu finden sind) wie Sensibilität gegenüber den Vorgängen des Lebens, Achtsamkeit und eine Neigung zur Kooperation.

Davon lässt sich ableiten, dass die heutige Ethik eine egoistische und ausgrenzende ist. Sie steht nicht im Dienste des Lebens aller Menschen und ihrer Bedürfnisse, sondern nutzt gewissen Individuen oder Gruppen unter Ausschluss anderer.

Die Wurzel dieser Hungerkatastrophe ist eine grundlegende Unmenschlichkeit. Wenn wir die Ethik der Solidarität nicht bestärken, d. h. die Achtsamkeit der Einen für die Anderen, wird es nicht möglich sein, dieses Übel zu überwinden.

Es ist wichtig zu bedenken, dass die Katastrophe der Hungersnot der Menschen auch eine politische Katastrophe ist. Politik hat mit Organisation der Gesellschaft, mit Machtaus-übung und mit Gemeinwohl zu tun. Die politische Macht wurde im Westen bereits seit mehreren Jahrhunderten durch die Wirtschaftsmacht, die sich in der kapitalistischen Produktionsweise ausdrückt, in Geiselhaft genommen, und nun geschieht dies auch auf globaler Ebene. Gewinne werden nicht demokratisch verteilt, sodass alle davon profitieren könnten, sondern von denjenigen, die über Eigentum, Macht und Wissen verfügen, privatisiert. Nur in zweiter Linie profitieren davon auch andere. Daran zeigt sich, dass die politische Macht nicht dem Gemeinwohl dient, sondern Ungleichheiten schafft, die wirkliche soziale Ungerechtigkeit repräsentieren, und das nun in globalem Umfang. Infolgedessen bleiben für Abermillionen Menschen nur die Brotkrumen übrig, die nicht ausreichen, um lebensnotwendige Bedürfnisse zu stillen. Oder sie sterben an Krankheiten, die durch den Hunger ausgelöst wurden; zumeist trifft dies unschuldige Kinder.

Wenn sich eine Wertumkehrung nicht ereignet, wenn Wirtschaft nicht durch die Politik geleitet wird, Politik nicht durch Ethik und Ethik nicht durch eine grundlegende Solidarität inspiriert ist, wird es nicht möglich sein, die Probleme des Welthungers und der Unterernährung zu lösen. Die durchdringenden Schreie der Millionen Hungernden steigen beständig zum Himmel, bleiben jedoch ohne wirkungsvolle Antwort, woher auch immer, die diese Schreie zum Verstummen bringen könnte.

Schlussendlich muss auch zugegeben werden, dass sich die Hungersnot ebenso aus der Unkenntnis der Funktion der Frauen in der Landwirtschaft ergibt. Nach Schätzung der FAO sind sie es, die einen Großteil dessen erzeugen, was in der Welt verbraucht wird: 80 % – 98 % im subsaharischen Afrika, 50 % – 80 % in Asien und 30 % in Mitteleuropa. Es wird keine Nahrungssicherheit geben, wenn den Frauen in der Landwirtschaft nicht mehr Entscheidungsgewalt über das Geschick des Lebens auf der Erde gegeben wird. Frauen stellen 60 % der Menschheit dar. Es liegt in ihrer Natur, dass sie stärker mit dem Leben und der Fortpflanzung verbunden sind. Es ist völlig unakzeptabel, dass man ihnen den Bodenbesitz, Kredite und Zugang zu anderen kulturellen Gütern verweigert, nur weil sie Frauen sind. Ebenso wenig werden ihre reproduktiven Rechte anerkannt, und es mangelt ihnen am Zugang zu technischem Know-how, das notwendig ist, um die Lebensmittel-herstellung zu verbessern.

Solange diese Maßnahmen nicht ergriffen werden, erklingen immer noch Gandhis kritische Worte: „Hunger ist eine Beleidigung; er degradiert, entmenschlicht und zerstört Körper und Geist … wenn nicht sogar die Seele; er ist die tödlichste Form von Gewalt, die es gibt.“

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack