Die Putsche von 1964 und 2016: durchgeführt von derselben Gesellschaftsklasse

Die Staatsstreiche von 1964 und 2016 sind in ihrer Struktur verwandt. Beide wurden durch bestimmte Klassen durchgeführt, und zwar von Geld- und Machthabern: der erste bediente sich des Militärs, der zweite des Parlaments. Die Mittel unterschieden sich, doch die Resultate waren dieselben: Ein Putsch, der die Demokratie vernichtet und die Souveränität des Volkes verletzt.

Wir wollen zunächst den Putsch von 1964 untersuchen, der Joao Goulart stürzte. In seiner monumentalen Dissertation an der Universität Glasgow „1964 – die Eroberung des Staates: politische Aktion, Macht und Klassenputsch (Vozes 1981), ein 814 Seiten starker Band mit 326 Seiten Originaldokumente, sagte René Armand Dreifuss ausdrücklich: „Was sich in Brasilien abgespielt hat, war kein Militärputsch, sondern ein Klassenputsch unter Anwendung von militärischer Gewalt“ (S. 397).

Der Angriff auf die Staatsgewalt wurde von General Golbery de Couty y Silva ausgeheckt, der vier Institutionen benutzte, welche die Idee des Coups propagierten: das Institut für Forschung und Soziale Studien (IPES), das Brasilianische Institut der Demokratischen Aktion (IBAD), die Gruppe der Analysten der Konjunktur (GLC) und die Hochschule für Krieg (ESG). Das offenkundige Ziel war: „den Staat zu re-adaptieren und zu re-formulieren“, ihn den Interessen des nationalen und transnationalen Kapitals anzupassen. Hier liegt der Klassencharakter des Putschs.

Der Angriff auf den Staat geschah 1964 und erhärtete sich 1968 mit Repressionen, Folter und Mord. Das Regime für nationale Sicherheit wurde zum Regime für kapitalistische Sicherheit.

Für den Putsch von 2016 liegt eine gründliche Untersuchung vom Soziologen und früheren Präsidenten der IPEA, Jesse Souza, vor: „Röntgenaufnahme des Coups“ („La radiografia del golpe“, Leya 2016). Wie beim Putsch von 1964 deckt Jesse Souza die Mechanismen auf, die es den wohlhabenden Eliten ermöglichte, den Coup zu organisieren, der in ihrem Namen durch das Parlament durchgeführt wurde. Folglich haben wir es mit einem Klassen- und Parlamentsputsch zu tun.

Darüber hinaus betont Jesse, „dass all die Putsche, einschließlich des gegenwärtigen, ein Betrug sind, begangen durch die Geldhaber, die tatsächlich die wahren Machthaber sind“. Aus wem besteht diese Elite? „Die wohlhabende Elite ist vor allem die Finanzelite, welche den großen Banken und Investmentfonds vorsteht und die andere wohlhabende Sektoren anführt wie das Agrobusiness, die Industrie (FIESP) und den Handel, unterstützt durch die Mittel der Massenkommunikation, die systematisch die soziale Realität verdrehen und fälschen, als wäre unser „Land zerstört und bankrott“ (dies ist eine Übertreibung), „und verstecken die Interessen der Konzerne hinter ihrem betrügerischen Putsch.

Der Antrieb für diesen ganzen Prozess, so Jesse Souza, besteht in der Gier der wohlhabenden Elite, die sich mühelos den kollektiven Reichtum aneignet, und dies gemeinsam mit anderen Partnern wie den ultrakonservativen Kommunikationsmitteln, dem juristisch-polizeilichen Komplex des Staates und einem Teil des Obersten Bundesgerichts (STF), siehe Gilmar Mendes.

Der Prozess der Amtsenthebung wurde an den Senat weiter geleitet. Dieser hat die Absetzung der Präsidentin Dilma wegen Vergehens gegen steuerliche Verantwortlichkeit gefördert. Die Hauptjuristen und Volkswirtschaftler haben neben beachtlichen Zeugenaussagen während der Anhörungen und in offiziellen Berichten mehrerer Institutionen rundheraus eine Verantwortlichkeit geleugnet. Die Mehrheit der Senatoren gab sich nicht einmal die Mühe, an den Treffen mit den hochqualifizierten Spezialisten teilzunehmen, denn sie hatten ihre Entscheidung, Präsidentin Dilma Rousseff des Amts zu entheben, bereits getroffen.

Die Gesprächsaufzeichnung der Unterhaltung zwischen Romero Juca, dem Planungsminister und dem früheren Vorsitzenden von Transpetro, Sergio Machado, deckt die Verschwörung auf: „Michel in einem großen nationalen Abkommen mit dem Obersten und mit allen stecken, alles hört dort auf… und es beendet das Schröpfen der Lava Jato.“ (botar o Michel, num grande acordo nacional com o Supremo e com tudo; aí pára tudo…e estanca a sangria da Lava Jato). Eines der Motive hinter dem Putsch war auch, die 49 (von 81) Senatoren dem Zugriff der Justiz zu entziehen, die in Korruption verwickelt oder deren beschuldigt waren. Auf diese Weise beschloss dieser Typus von unmoralischen Politikern, mit der Ausnahme derer, die sich mutig für Präsidentin Dilma Rousseff einsetzten, eine ehrliche und unschuldige Frau ihres Amtes zu entheben.

Jemanden zu verurteilen, der sich keines Verbrechens schuldig gemacht hat, ist ein Putsch. Ein Klassen- und Parlamentsputsch. Einen Putsch durchzuführen heißt, die Verfassung zu verletzen und die Souveränität des Volkes zu verraten, dessen Stärke Präsidentin Dilma Rousseff mit 54 Stimmen gewählt hatte.

Damals im Jahr 1964 und heute 2016, sei es durch das Militär oder durch das Parlament, funktioniert dieselbe Logik: die Wirtschafts- und Finanzeliten und die konservative politische Klasse stahl einen großen Teil des Staatsschatzes (Jesse zählt 71.440 Menschen, nur 0,05 % der Bevölkerung), wodurch das Leben und das Wohlergehen der großen Mehrheit des Volkes unterminiert wird und dieses zur Armut verdammt. Ein großer Anteil des Kongresses ist in diesen Putsch involviert. In diesem Kongress setzt sich dieselbe strukturelle Absicht durch, den Status Quo zu garantieren, der ihre Privilegien sichert und ihre Profite begünstigt.

Das PMDB Projekt „Eine Brücke zur Zukunft“, ein Liberalismus, der so schamlos ist, dass er einen erröten lässt, deckt den Zweck des Putsches auf: den Staat zu minimieren, die Löhne zu kürzen, die Politik der Neubewertung der Löhne abzuschaffen, das Budget für soziale Programme zu kürzen, staatliche Unternehmen zu privatisieren, vor allem Pre-Sal, obligatorische Ausgaben für Gesundheit und Bildung abzuschaffen, alles was mit Kultur, Menschenrechten, Frauen und Minderheiten zu tun hat, auf ein Minimum zu reduzieren. Das Ministerium besteht nur aus Weißen, und ein Großteil seiner Mitglieder ist der Korruption beklagt. Es gibt keine Frauen, Schwarze oder Repräsentanten von Minderheiten.

Wir befinden uns inmitten einer erschreckend rückschrittlichen politisch-sozialen Bewegung, die die Ungleichheit noch vergrößert, unsere perverse soziale Wunde, und die die sozialen Errungenschaften aus den 13 Jahren Lula-Dilma-Regierung ausradiert.

Es gibt einen massiven Widerstand und Opposition auf der Straße durch starke gesellschaftliche Gruppen und Intellektuelle, die keinen verschwörerischen Präsidenten bar jeder Glaubwürdigkeit akzeptieren. Die Lösung bestünde in allgemeinen Wahlen, und durch die Souveränität des Volkes würde ein neuer Präsident gewählt werden, der wahrhaft das Land repräsentiert.

Leonardo Boff Theologe,  Philosoph und  der Erdcharta-Kommission

 

El golpe de la reconquista

El golpe de clase vía parlamento es un proceso que ha generado una cadena de otros golpes con especial atropello del orden jurídico y constitucional. Los golpes son contra la diversidad social y de género, que ya no está representada en el gobierno, golpe a la cultura, golpe a la salud, golpe a los derechos sociales, golpe a las jubilaciones, golpe judicial y, últimamente, golpe a las elecciones. Estos golpes tienen detrás a las oligarquías golpistas que utilizaron la sagaz estrategia de conquistar sectores del poder judicial, del ministerio público, de la policía federal y del cuerpo de procuradores para conseguir sus fines.

Encontraron un testaferro, educado fuera del país, para desempeñar esta nueva tipología de golpe: un justiciero, de primera instancia, Sérgio Moro y su equipo de jóvenes procuradores, infantilmente exhibicionistas. Imbuidos de convicciones mesiánicas para limpiar el país de corrupción –lo que es loable- dirigieron las investigaciones únicamente a un partido, el PT. Despreciando todas las demás agrupaciones, con no menos actos de corrupción, concentraron el foco en las figuras referenciales como el ex presidente Lula y varios ex ministros, entre otros. Bien dijo el ministro Marco Aurélio Mello: “Moro dejó de lado la ley, eso es evidente”.

Lo nuevo de este teatro político es la desfachatez del juez y de los policías al saltarse los derechos, consagrados en la constitución y en todo el mundo, como la presunción de inocencia, aplicación de la prisión preventiva o coercitiva, sin ninguna necesidad, o la intencionada e irresponsable fuga de grabaciones, no respetando siquiera a la suprema autoridad del país, como fue el caso de la presidenta Dilma Rousseff, la delación premiada, conseguida bajo fuerte presión psicológica, y la especialmente perversa espectacularización de las acciones policiales, avisando previamente a los medios de comunicación de masas en connivencia con esos atropellos.

Parecería que el juez Moro estudió tanto la mafia italiana que se volvió él mismo un mafioso de la justicia y un seguidor del jurista alemán del tiempo del nazismo, Carl Schmitt, que sustentaba la tesis de que  es el soberano que estabelece el derecho y las leyes y no al revés, es el derecho y las leyes que imponen límites al soberano (cf.El concepto de lo político 1992).

Entre las muchas razones subyacentes a este golpe de clase enfatizo apenas dos: el odio que la clase dominante tiene y ha tenido siempre a la población pobre y negra. No soy yo quien lo dice. Habla de ello el gran historiador y académico José Honório Rodrigues: «la mayoría siempre ha sido sufrida y siempre ha visto destruida su esperanza de mejoría;… las oligarquías negaron sus derechos, arrasaron su vida, conspiraron para colocarla de nuevo en la periferia, en el lugar que continúa pensando que le pertenece» (Conciliação e Reforma no Brasil, 1965, 14 y 31). Sucede que un representante de estos despreciados, que no fue educado en la escuela del faraón, llegó a ser presidente y transformó profundamente la vida de millones de pobres.

Esto es intolerable para las oligarquías, habituadas a ocupar el Estado y sus aparatos no con vistas al bien de todos, sino a sus intereses corporativos. Lula y los que se le asemejan son odiados por eso. Nunca apreciaron la democracia sino los regímenes fuertes y dictatoriales que les facilitan la acumulación, una de las más altas del mundo. Jamás entendieron el poder como expresión jurídico-política de la soberanía de un pueblo, sino como dominación en función del enriquecimiento. Sérgio Moro proporcionó el burdo marco jurídico para dar salida a este odio de clase.

Un segundo factor cabe ser resaltado: la estrategia de reconquista por parte de las oligarquías, ese puñado de familias de super-ricos que controlan gran parte de la renta nacional y que poseen inmenso poder económico, político y mediático. Pretenden volver al lugar que ocuparon durante siglos, pero al que ahora, con la situación histórica cambiada, jamás llegarían por vía democrática, expresada mediante el voto popular. Lo hacen montando un golpe parlamentario vergonzoso.

Esas oligarquías representan el orden y la cultura del capital, cruel e inhumano, que no mostraron nunca solidaridad hacia las grandes mayorías sufridoras. Practican una economía altamente concentradora y depredaora de bienes y servicios naturales, produciendo externalidades que son injusticias sociales graves y ambientales altamente dañinas, de cuya responsabilidad se eximen y lanzan al Estado la tarea de repararlas. Un grupo de ellos practica todavía el trabajo esclavo, llevando a los trabajadores a un verdadero exterminio físico y psicológico.

Ellos vuelven ahora para realizar la soñada reconquista, sólo posible en contra de la constitución. Aplican las medidas neoliberales más descaradas, atropellando las conquistas históricas de los trabajadores y desacreditando la inteligencia brasilera. Y lo hacen con furor, respaldados por un tribunal de excepción.
Esperamos el rechazo de esta reconquista por los movimientos sociales, quizá los únicos, en las calles y en las plazas de todo el país, capaces de hacer inviable este retroceso histórico infame.

*Leonardo Boff es articulista del JB online y escribió: La gran transformación, Nueva Utopía 2015.

Traducción de Mª José Gavito Milano

As oligarquias praticam o golpe da reconquista

O golpe de classe via parlamento é um processo que gerou uma cadeia de outros golpes com especial atropelo da ordem juridica e constitucional. Os golpes são contra a diversidade social e de gênero, não mais representada no governo, golpe na cultura, golpe na saúde, golpe nos direitos sociais, golpe nas aposentadoria, golpe judicial e ultimamente golpe nas eleições. Estes golpes têm por detrás as oligarquias conservadoras que utilizaram uma sagaz estratégia de conquistar setores do judiciário, do ministério publico, da polícia federal e do corpo de procuradores para conseguir seus fins.

Encontraram um testa de ferro, educado fora do país, para desempenhar esta nova tipologia de golpe: um justiceiro, juiz federal de primeira instância, Sérgio Moro e sua equipe de jovens peocuradores, infantilmente exibicionistas. Imbuídos de convicções messiânicas de limpar o país da corrupção – todos queremos – direcionam as investigações unicamente a um partido, ao PT. Desprezandos até agora todas as demais agremiações, com não menos atos de corrupção, concentram o foco nas figuras referenciais como  o ex-presidente Lula, vários ex-ministros entre outros. Bem disse o ministro  Marco Aurélio Mello:”Moro deixou de lado  a lei, isso é escancarado”.

O novidade deste teatro político é a desfasatez do juiz e dos policiais federais  de passar por cima de direitos, consagrados na constituição e em todo o mundo, como a presunção de inocência, aplicação da prisão preventiva ou coercitiva, sem qualquer necessidade, o intencional e irresponsável vazamento de gravações, sequer respeitando a suprema autoridade do país, como foi o caso da presidenta Dilma Rousseff, a delação premiada, conseguida sob forte pressão psicológica e a especialmente perversa espetacularização das ações policiais, avisando previamente meios de comunicação massivos em concluio com esses desmandos.

O mais grave é que o juiz Moro, sob os olhos complacentes e quem sabe cúmplices, do STF, criou uma nova figura juridica ao arrepio da Constitição: o tribunal de exceção. Afirma “que o processo não precisa seguir as regras dos processos penais comuns porque traz problemas inéditos que exigem soluções inéditas”. Em outras palavras: não precisa se subordinar à Constitição e às leis como todos. Cria uma soberania própria e um tribunal inédito, cujo nome verdadeiro é tribunal de exceção.

Pareceria que o juiz Moro tanto estudou a máfia italiana e os métodos norte-americanos que se tornou ele mesmo um mafioso da justiça ou um seguidor do jurista Carl Schmitt que, no tempo do nazismo, defendia uma soberania absoluta, conforme a vontade do “Führer” ou do “Ducce”(“o Führer e o Ducce sempre têm razão”, se dizia). Segundo este jurista, é a decisão do chefe que funda o direito e não ao contrario: é o direito que limita a decisão do chefe (cf.O conceito do político, Vozes 1992).

Entre muitas razões subjacentes a este golpe de classe enfatizo apenas duas: o ódio que a classe dominante tem e sempre teve da população  pobre e negra. Não sou eu quem o diz. Denunciou-o recentemente Jessé Souza em seu livro A estultície da inteligência brasileira (Leya 2015) e anteriormente o grande historiador e acadêmico José Honório Rodrigues em seu clássico: Conciliação e Reforma no Brasil (Civilização Brasileira 1965):”a maioria foi sempre sofrida e sempre viu desfeita sua esperança de melhoria;…as oligarquias negaram seus direitos, arrasaram sua vida, conspiraram para colocá-la de novo na periferia, no lugar que continua achando que lhe pertence”(pp. 14 e 31). Ocorre que um representante destes desprezados, que não foi educado na escola do faraó, chegou a ser presidente e transformou profundamente a vida de milhões de pobres.

Isso é intolerável para as oligarquias, habituadas a ocupar o Estado e seus aparatos não em vista do bem de todos, mas de seus interesses particulares. Lula e seus assemelhados são odiados por isso.  Elas nunca apreciaram a democracia os mas regimes fortes e ditadoriais que lhes facilitam a acumulação, uma das mais altas do mundo. Jamais entenderam o poder como expressão jurídico-política da soberania de um povo, mas como dominação em função do enriquecimento. Sérgio Moro forneceu o enquadramento jurídico  canhestro para dar vazão a este ódio de classe.

Um segundo fator cabe ser ressaltado: a estratégia de reconquista por parte das oliguarquias, aquele punhado de famílias de super-ricos (0,05 da população) que controlam grande parte da renda nacional e que possuem imenso poder econômico, político e mediático. Visam voltar ao lugar que ocuparam por séculos mas que, agora com a situação histórica mudada, jamais chegariam por via democrática, expressa pelo voto popular. Mas o fazem com a trama de um golpe parlamentar vergonhoso.

Essas oligarquias representam a ordem e acultura do capital, cruel e desumano, que nunca mostraram solidariedade para com as grandes maiorias sofredoras. Praticam uma economia altamente concentradora e predatória de bens e serviços naturais, produzindo externalidades, quer dizer,  injustiças sociais graves e ambientais altamente danosas, das quais se eximem de responsabilidade e jogando ao Estado o ônus  de sua reparação. Um grupo deles pratica ainda trabalho semelhante ao escravo, levando os trabalhadores a um verdadeiro extermínio físico e psicológico.

Eles agora voltaram para realizar a sonhada reconquista só possível à revelia da constituição. Aplicam medidas neoliberais das mais deslavadas, atropelando conquistas históricas dos trabalhadores e enxovalhando a inteligência brasileira. E o fazem com furor, respaldados por um tribunal de exceção e pela leniência do STF.

Esperamos a rejeição desta reconquista, pelos movimentos sociais, quiçá os únicos, nas ruas e nas praças de todo o país,  capazes de inviabilizar esse retrocesso histórico infame.

Leonardo Boff é articulista do JB on line e escreveu:A grande transformação, Vozes 2015.

Amtsenthebung einer unschuldigen Präsidentin: Korruption und Korrupte

Die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff wird durch ein Sondergericht für einen Nationalkongress durchgeführt, dessen Mitglieder zu 60 % wegen krimineller Handlungen angeklagt sind. Dem Senat, der über sie urteilt, fehlt es an moralischer Autorität: Mehr als die Hälfte seiner Mitglieder, nämlich 49 Senatoren, werden unterschiedliche Verbrechen zur Last gelegt. Und nicht ein einziges Verbrechen konnte Präsidentin Rousseff nachgewiesen werden. Aus diesem Grund wurden weitere Ausreden erfunden, wie „das Gesamtwerk“, das dem widerspricht, was die Kammer hervorbrachte: lediglich wenige Maßnahmen der Regierung aus dem Jahr 2015

Der Wirtschaftswissenschaftler Luiz Gonzaga Belluzzo fasste den Ton dieses perversen Prozesses folgendermaßen zusammen: „Es geht um eine konservative, rückwärts gewandte Reaktion, die sich in autoritären Versuchen ausdrückt, den Fortschritt der Gesellschaft zu behindern. Wir sind eine zutiefst antidemokratische Gesellschaft voller Vorurteile und vor allem kulturell deformiert. Wir sind nun die Zeugen des weiteren Niedergangs dessen, was bereits korrupt war. Ideale wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit können hier nicht florieren. Alles geschieht mit Brutalität und Willkür, selbst das, was vermeintlich im Namen des Gesetzes geschieht“ (in Carta Major 27.06.2016).

 Eine weitere kraftvolle Kritik stammt vom Soziologen Jesse Souza, dem früheren Präsidenten des Instituto de Pesquiza Economica Aplicada, IPEA, der das anregende Buch schrieb: „Die Dummheit der brasilianischen Intellektuellen“ (A tolice da inteligência brasileira, Leya, 2015): „Es war ein Putsch gegen die Demokratie als dem Organisations-Prinzip der Gesellschaft. Der Putsch kam durch eine sehr kleine wohlhabende Elite, die uns ohne nennenswerte Unterbrechung seit unserer sklavenhalterischen Vergangenheit beherrscht. Schon immer war Brasilien der Schauplatz eines Kampfes zwischen diesen beiden Projekten: dem Traum eines großen Landes, das sich für die Mehrheit stark macht, und der Realität einer habgierigen Elite, die die Arbeit anderer für sich nutzt und den Reichtum des Landes in die Taschen weniger wandern lässt“ (Ein Putsch von wem und für wen, FSP 04/2016).

 Womit wir es jetzt zu tun haben, ist ein Wiederaufleben dieses zweiten Projekts, das sozial pervers ist und unserer Souveränität widerspricht. Es reicht schon aus, die Brutalität des Außenministers anzusehen, der alles andere ist als ein Diplomat. Er ist ein Repräsentant für Privatisierung und die Neuordnung Brasiliens nach der Logik des Neoliberalismus der Großmächte, die uns von unseren verbündeten Nachbarn von Mercosur trennt und die Ideale einer „aktiven und stolzen“ Diplomatie verrät, die mit allen Völkern und ideologischen Ausrichtungen im Dialog steht.

 Es gibt viele Formen von Korruption. Beginnen wir mit dem Begriff „Korruption“. Der Hl. Augustinus erklärt seine Ethymologie folgendermaßen: Korruption heißt, ein verdorbenes und gebrochenes (roto, ruptus) Herz (corazon, cor) zu haben. Der Philosoph Immanuel Kant machte dieselbe Beobachtung: „Wir sind ein solch verdrehtes Holz, aus dem man unmöglich gerade Bretter machen kann.“ Mit anderen Worten: In uns gibt es negative Kräfte, die uns auf Umwege führen. Korruption ist eine der stärksten davon.

 Vor allem die Logik des Kapitalismus hier und weltweit ist korrupt, selbst wenn dies gesellschaftlich akzeptiert wird. Kapitalismus erzwingt die Beherrschung des Kapitals über die Arbeit, schafft Reichtum durch Ausbeutung der Arbeiter und durch die Zerstörung der Umwelt. Kapitalismus bringt soziale Ungleichheit hervor, die aus ethischer Sicht eine Ungerechtigkeit darstellt und ständig zu Klassenkonflikten führt. Kapitalismus ist also von Natur aus antidemokratisch, denn Demokratie setzt eine grundlegende Gleichheit aller Bürger voraus sowie die Gewährleistung derer Rechte, die hier durch die kapitalistische Kultur verletzt werden.

 Im Bezug auf Brasilien können wir sagen, dass der Hauptanteil an Korruption in unserer Geschichte darin besteht, dass während fast 500 Jahre sukzessive Oligarchien einen Großteil der Bevölkerung am Rand hielt und so viel Reichtum anhäufte, den größten weltweit, sodass 0,05 % der Bevölkerung (71.000 Personen) über den Großteil des nationalen Einkommens verfügen.

 Wir haben skandalöse Beispiele von Korruption, die vor kurzem von den sogenannten „Petrolao“, den Zealots und den Panama Papieren angeprangert wurden. Doch wir wollen uns nichts vormachen. Es gibt Schlimmeres. Die Staatliche Vereinigung von Anwälten des Fiskus deckte in seinem „Evasionometro“ auf, dass in nur fünf Monaten des Jahres 2015 200 Milliarden Reales durch Steuerflucht verlorengingen (Antônio Lassance, in Carta Maior 05/02/2015). Dies ist mehr als durch „Petrolao“ verloren ging, und das in nur fünf Monaten! Hier verbergen sich die Korruptesten, und hier lassen sich die Korrupten finden, die sich immer zu verstecken suchen.

 Roberto Pomeu de Toledo brachte es im Jahr 1994 in Veja Magazine gut zum Ausdruck: „Wir wissen jetzt, dass die Korruption ebenso ein Teil unserer Machtstrukturen dastellt, wie der Reis und Bohnen Teile unserer Nahrung sind.“

 Die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff erfolgt im Rahmen dieser Logik der Korruption, die viele unserer politischen Kaste zur Macht verhalf. Was Präsidentin Rousseff angetan wird, ist eine maßlose Ungerechtigkeit: eine unschuldige Frau und ehrliche Präsidentin zu verurteilen.

 Die Geschichte wird ihnen keine Vergebung zukommen lassen. Ihre Biographien werden das Stigma der golpistas (Putschisten) tragen, die die offene Abscheu derer verdienen, die nach ethischen und transparenten Wegen für unser Land streben.

 Leonardo Boff  ist Theologe, Philosoph  und von der Erdcharta Kommission