Leonardo Boff
Es gab eine Zeit, in der die historische Existenz des Matriarchats mangels Daten nicht anerkannt wurde. Die Forschungen von Bachofen, Neumann und anderen Archäologen – zusammen mit Studien aus der Tiefenpsychologie und anderen Fachgebieten – haben jedoch die Tatsache bestätigt, dass eine matriarchale Phase der Menschheit tatsächlich existiert hat.
Zunächst wurde sie im Mittelmeerraum entdeckt, später dann in fast allen Teilen der Welt. Es wurden weibliche Darstellungen der Göttlichkeit gefunden, die großen Mütter mit tausend Brüsten, die die Fruchtbarkeit der Frau symbolisieren.
Diese Gesellschaften waren zutiefst ökologisch geprägt, in die Natur eingebunden, friedlich und offen für alle.
Doch die Zeiten haben sich geändert, und mit ihnen auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Wahrscheinlich ermöglichte die Entwicklung von Werkzeugen und Technologien, die bei der Beherrschung der Natur und der Nahrungsbeschaffung effektiver waren und mehr körperliche Kraft erforderten, den Männern, langsam an Bedeutung zu gewinnen. Sie nutzten diese Vorteile und entwickelten Strategien, um das Matriarchat zu verdrängen. Sie führten die Herrschaft des Mannes über die Frau und die Besetzung aller öffentlichen Räume durch den Mann ein.
Es kam zu einem regelrechten Kampf der Geschlechter, einem Geschlechterkampf, der noch nicht beendet ist, denn er dauert bis heute an. Lassen Sie uns das anhand eines Beispiels verdeutlichen.
Bezeichnend ist die Art und Weise, wie die Sünde Adams und Evas neu interpretiert wurde. Darin offenbart sich das gesamte Bestreben des Patriarchats, das Matriarchat zu demontieren. Diese Sichtweise wurde ab 1986 vertieft, als die Internationale Akademie HAGIA gegründet wurde, die sich der kritischen Erforschung und den Erfahrungen des Matriarchats widmet. Die Gründerin Heide Göttner-Abendroht fasste die Forschungsergebnisse in zwei Bänden zusammen: „Das Matriarchat I und II“ (Stuttgart 1988 und 1991).
Für unsere Überlegungen sind die interdisziplinären Studien zweier renommierter feministischer Theologinnen von grundlegender Bedeutung: Riane Eisler (Sex Myth and Politics of the Body: New Paths to Power and Love, Harper San Francisco 1955) und Françoise Gange (Les dieux menteurs, Paris, Editions Indigo-Côtes Femmes, 1997). Sie haben auf raffinierte Weise unter Rückgriff auf Linguistik, Strukturalismus und andere verwandte Wissenschaften gezeigt, dass dem heutigen patriarchalischen Narrativ ein früheres matriarchalisches Narrativ zugrunde liegt. Dieses wurde ausgelöscht und umgeschrieben, um die patriarchalische Macht über die Frau zu rechtfertigen. Wir werden ihrer Argumentation folgen.
Die heiligen Riten und Symbole des Matriarchats werden verteufelt und in Form einer auf den Plan des Schöpfers zurückgehenden Urgeschichte auf die Ursprünge zurückprojiziert.
Die heutige Darstellung der Ur-Sünde stellt vier grundlegende Symbole der Religion der großen Muttergöttinnen in Frage.
Das erste Symbol, das angegriffen wurde, war die Frau selbst (Genesis 3,16), die in der matriarchalischen Kultur mit dem heiligen, lebensspendenden Geschlecht ausgestattet war. Als solche symbolisierte sie die Große Mutter, die höchste Gottheit.
Zweitens wird das Symbol der Schlange dekonstruiert, das als Hauptattribut der Muttergöttin gilt. Sie verkörperte die göttliche Weisheit, die sich stets erneuerte, wie die Haut der Schlange.
Drittens wurde der Baum des Lebens entstellt, der stets als eines der wichtigsten Symbole des Lebens galt. Indem er Himmel und Erde verbindet, erneuert der Baum unablässig das Leben als beste Frucht der Göttlichkeit und des Universums. Genesis 3,6 erkennt ausdrücklich an, dass „der Baum gut zu essen war, eine Freude für die Augen und begehrenswert, um weise zu handeln“. Doch über ihn liegt das Verbot, man darf ihn nicht einmal berühren, er kann den Tod bringen.
Stattdessen wurde die Beziehung zwischen Mann und Frau zerstört, die ursprünglich den Kern der Erfahrung des Heiligen bildete. Die Sexualität war heilig, da sie den Zugang zur Ekstase und zum mystischen Wissen ermöglichte.
Die heutige Darstellung der Erbsünde hat die tiefe und wahre Bedeutung dieser Symbole völlig auf den Kopf gestellt. Sie hat sie entheiligt, verteufelt und von einem Segen in einen Fluch verwandelt.
Die Frau wird für immer verflucht sein, zu einem minderwertigen Wesen gemacht: „Der Mann wird über sie herrschen“ (Gen 3,16). Die Fähigkeit der Frau, Leben zu schenken, wurde in einen Fluch verwandelt: „Ich werde die Schmerzen der Schwangerschaft vervielfachen“ (Gen 3,16). Wie sich zeigt, war die Umkehrung vollständig und hatte äußerst negative Folgen für das spätere, von Männern geprägte Weltbild.
Die Schlange ist verflucht (Gen 3,14) und zum Symbol des versuchenden Teufels geworden. Das Hauptsymbol der Frau wurde zu ihrem erbitterten Feind: „Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau“ (Gen 3,15).
Der Baum des Lebens und der Weisheit steht in der heutigen patriarchalischen Lesart unter dem Zeichen des Verbots (Gen 3,3). Früher, in der matriarchalischen Kultur, bedeutete das Essen vom Baum des Lebens, sich mit Weisheit zu erfüllen. Nun bedeutet das Essen von ihm eine tödliche Gefahr, die Gott selbst angekündigt hat: „Esst nicht von der Frucht des Baumes in der Mitte des Gartens, rührt sie nicht einmal an, sonst werdet ihr sterben”(Gen 3,3).
Die heilige Liebe zwischen Mann und Frau wird verzerrt: „Unter Schmerzen wirst du Kinder gebären; deine Sehnsucht wird dich zu deinem Mann ziehen, und er wird über dich herrschen“ (Gen 3,16).
Seitdem ist eine positive Wahrnehmung von Sexualität, Körper und Weiblichkeit unmöglich geworden. Hierin liegt die historisch-soziale Begründung für das Verbrechen des Femizids in Brasilien und weltweit. Laut UNO werden weltweit täglich 140 Frauen Opfer von Femizid. In Lateinamerika und der Karibik sind es 11, in Brasilien 4 pro Tag.
Hier zeigt sich, was durch die vollständige Dekonstruktion der früheren, weiblichen und sakralen Erzählung bewirkt wurde. Die ursprüngliche Schöpfungsgeschichte wurde neu geschrieben, um alle späteren Bedeutungen zu verfälschen. Wir alle sind, ob wir wollen oder nicht, Geiseln der adamitischen, antifeministischen und Schuld zuweisenden Erzählung.
Die Arbeit der Theologinnen Riane Eisler und Françoise Gange versteht sich bewusst als befreiend: Sie soll den konstruierten Charakter der derzeit vorherrschenden Erzählung aufzeigen, die sich auf Herrschaft, Sünde und Tod konzentriert, und eine ursprünglichere und positivere Alternative vorschlagen, in der eine neue Beziehung zum Leben, zur Macht, zum Heiligen und zur Sexualität entsteht. Und sie soll Frauenmorde unmöglich machen.
Diese Interpretation zielt nicht darauf ab, eine vergangene Situation wiederherzustellen, sondern ein besseres Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Werten für die heutige Zeit zu finden.
Wir erleben derzeit einen Paradigmenwechsel in den Beziehungen zwischen Mann und Frau. Dieser muss durch tiefgreifendes und ganzheitliches Denken gefestigt werden, das ein größeres persönliches und kollektives Glück ermöglicht, als es unter dem patriarchalischen Regime nur unzureichend erreicht wurde. Genau das tun Feministinnen, Politikerinnen, Anthropologinnen, Philosophinnen und Theologinnen in Brasilien und weltweit mit bemerkenswerter Kreativität.
Leonardo Boff schreibt für die Zeitschrift LIBERTA des Instituto Conhecimento Liberta (ICL: https://www.revistaliberta.com.br); gemeinsam mit Rose Marie Muraro verfasste er außerdem das Buch „Feminino e Masculino: uma nova consciência para o encontro das diferenças“ (Weibliches und Männliches: ein neues Bewusstsein für die Begegnung der Unterschiede), erschienen bei Editora Vozes 2012 (https://www.leonardoboff.org).
Übersetzt von Bettina Goldhartnack