Mitten im weltweiten Unbehagen ein Grund zur Freude

Mitten im unleugbar vorhandenen weltweiten Unbehagen tauchte dieses Jahr in überraschender Weise eine Person auf, die uns die Hoffnung, Freude und den Sinn für das Schöne zurückgab: Papst Franziskus. Sein erstes Apostolisches Schreiben trägt den Titel „Evangelii Gaudium“ (Freude des Evangeliums). Es ist ein Text, der von der Freude durchzogen ist, den Kategorien der Begegnung, der Nähe, der Barmherzigkeit, der zentralen Stellung der Armen, der Schönheit, der „Revolution der Zärtlichkeit“ und des „Mysteriums des gemeinsamen Lebens“.

Diese Botschaft setzt einen Kontrapunkt zur Desillusion und zum gescheiterten Versprechen des Projekts der Moderne, Wohlstand und Glück für alle zu bringen. In Wirklichkeit gefährdet diese die Zukunft der Spezies durch ihren verheerenden Angriff auf die seltenen Güter und Dienstleistungen von Mutter Erde. Papst Franziskus bringt dies gut zum Ausdruck: „Es ist der technologischen Gesellschaft gelungen, die Vergnügungsangebote zu vervielfachen, doch es fällt ihr sehr schwer, Freude zu erzeugen.“ (5. Kapitel I.7). Das Vergnügen gehört den Sinnen an, die Freude dem Herzen. Und unser Lebensstil ist herzlos.

Es geht nicht um die Freude der fröhlichen Dummen, die froh sind, ohne den Grund dafür zu kennen. Die wahre Freude erwächst aus der Begegnung mit einer konkreten Person, die in uns Enthusiasmus hervorruft, uns erhebt und einfach fasziniert. So war die Person des Jesus von Nazareth. Ich meine nicht den von Prunk und Glorie beladenen Christus, welche die frühere Theologie ihm andichtete. Es war der Jesus des Volkes, der Einfache und Arme, der auf den staubigen Wegen Palästinas wandelte und dessen Worte Frische und Faszination brachten. Papst Franziskus gibt Zeugnis von der Begegnung mit dieser Person. Diese war so mitreißend, dass sie sein Leben veränderte und für ihn zu einer unerschöpflichen Quelle der Freude und der Schönheit wurde. Evangelisieren bedeutet für ihn, diese Erfahrung zu wiederholen, und die Mission der Kirche besteht für ihn darin, die Frische und die Faszination durch die Person Jesu wiederherzustellen. Er vermeidet den offiziellen Ausdruck der „neuen Evangelisierung“. Vielmehr bevorzugt er eine „pastorale Bekehrung“, die aus Freude, Schönheit, Faszination, Nähe, Begegnung, Zärtlichkeit, Liebe und Barmherzigkeit besteht.

Das ist, was ihn von seinen Vorgängern der vergangenen Jahrhunderte unterscheidet. Diese präsentierten das Christentum als Doktrin, Dogma und als moralische Norm. Dem musste man uneingeschränkt und ohne die geringste Spur eines Zweifels anhängen, erfreuten sich die Päpste doch der Unfehlbarkeit.

Papst Franziskus sieht das Christentum unter einer anderen Perspektive. Nicht als eine Doktrin, sondern als eine persönliche Begegnung mit einer Person, mit ihrer Sache, dem, wofür sie kämpft, mit ihrer Fähigkeit, den Schwierigkeiten zu begegnen, ohne vor diesen zu fliehen. Ganz besonders gefallen ihm die Worte aus dem Hebräerbrief, wo es heißt, dass Jesus „in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist … der Schwachheit unterworfen ist … mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vorgebracht hat. Von dem, der aus dem Tode (bzw. aus Todesfurcht) zu erretten vermag, ist der Versuchte erhört worden, und zwar wegen seiner Gottesfurcht, infolge seines Gehorsams.“ wie es die berühmten Bibelforscher A. Harnack und R. Bultmann in ihrer Version wiedergaben, während es in der Epistel heißt: „und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden“ (das griechische εύλάβεια kann sowohl Angst und Todesfurcht als auch Gottesfurcht bedeuten) „und er hat durch Leiden den Gehorsam gelernt“ (Hebr 4,15; 5,2.7-8).

In der traditionellen Evangelisierung lief alles über die intellektuelle Intelligenz (intellectus fidei), die sich im Credo und im Katechismus ausdrückt. Im Päpstlichen Schreiben 5. Kap. II.11 sagt Papst Franziskus: „Jesus Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns anmaßen, ihn gefangen zu halten, und er überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität.“ Nach seiner Version geschieht Evangelisierung durch die Intelligenz des Herzens (intellectus cordis), denn dort haben die Liebe, die Barmherzigkeit, die Zärtlichkeit und die Frische der Person Jesu ihren Sitz. Sie drückt sich durch die Nähe aus, durch die Begegnung, den Dialog und die Liebe. Dies ist ein Christentum, dessen Haus für alle geöffnet ist, „ohne Hüter der Glaubenslehre“, keine einschüchternde, abgeriegelte Festung.

Es ist genau ein solches Christentum, dessen wir bedürfen, eines, das in der Lage ist, Freude zu bringen, denn alles, was wirklich aus einer tiefen und wahren Begegnung herrührt, ruft eine Freude hervor, die uns niemand nehmen kann. Dies ist wie die Freude der Südafrikaner bei der Beisetzung Nelson Mandelas: sie entsteht tief im Herzen und bewegt den ganzen Körper.

In unserer mediatisierten und vom Internet geprägten Kultur fehlt uns dieser Ort der Begegnung, wo man einander in die Augen sehen kann, einander leibhaftig begegnet. Um dies zu erreichen, müssen wir „hinausgehen“, wozu der Papst immer wieder aufruft. Ein „Hinausgehen“ aus uns selbst hin zum anderen, „hinausgehen“ zu den Rändern der Existenz (wo Menschen einsam und verlassen sind), „hinausgehen“ in die Welt der Armen. Dieses „Hinausgehen“ ist ein wahrer „Exodus“, der den Israelis, vom Joch des Pharaos befreit, die Freude brachte.

Am besten passt hier das Zeugnis von F. Dostojewski, nachdem er aus dem toten Hause in Sibirien „hinausgegangen“ war: „Manchmal schickt Gott mir Momente des Friedens. In solchen Momenten liebe ich und fühle ich mich geliebt; in einem dieser Momente habe ich mein eigenes Credo geschrieben, in dem alles hell und heilig ist. Dieses Credo ist sehr einfach. Es lautet: Ich glaube, nichts ist schöner, tiefer, sympathischer, humaner, perfekter als Christus. Und ich sage zu mir selbst mit eifersüchtiger Liebe, dass es das nicht gibt und nicht geben kann. Und mehr noch: Würde mir jemand beweisen, dass Christus nicht in der Wahrheit wäre und dass diese sich nicht in ihm befände, so bliebe ich lieber bei Christus als in der Wahrheit.“

Papst Franziskus machte sich die Worte Dostojewskis zu eigen. Nicht eine abstrakte Wahrheit kann das Leben füllen, sondern eine lebendige Begegnung mit einer Person, mit Jesus von Nazareth. Von ihm ausgehend wird die Wahrheit zu einer Wahrheit. Wenn das Jahr 2014 uns etwas von dieser Begegnung bringt (ganz gleich, ob wir es Christus nennen, die Tiefe, das Mysterium in uns oder das Heilige in jedem Lebewesen), dann sind wir zur Quelle einer Freude vorgestoßen, die unendlich viel besser ist als jedes Vergnügen, das die Konsumwelt uns verspricht.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

 

 

Wie können die Schwarzen mitten im Leiden noch singen, lachen und tanzen?

 

Tausende von Menschen in ganz Südafrika vermischten Tränen mit Tänzen, Feiern mit Klagen über den Tod Nelson Mandelas. Auf diese Weise drückt sich ihre Kultur des Übergangsritus’ vom Diesseits zum Jenseits, wo ihre Vorfahren, die Weisen und die Hüter des Volkes, deren Riten und ethische Normen sich befinden, aus. Nun ist auch Mandela dort, unsichtbar, doch ganz gegenwärtig und begleitet das Volk, zu dessen Befreiung er so viel beitrug.

 

Augenblicke wie diese erinnern uns an unsere höchsten menschlichen Ahnen. Wir haben alle unsere Wurzeln in Afrika, selbst wenn die meisten dies nicht wissen oder es ihnen gleichgültig ist. Doch es ist von entscheidender Wichtigkeit, dass wir uns unserer Wurzeln bewusst werden, die in der einen oder anderen Weise unseren genetischen und spirituellen Codex prägten.

 

An dieser Stelle möchte ich auf einen Text zurückgreifen, den ich vor langer Zeit unter dem Titel „Wir alle sind Afrikaner“ schrieb, und den ich der veränderten Weltsituation angepasst habe.

 

Gleich zu Beginn ist es wichtig, die afrikanische Tragödie anzuprangern: Afrika ist der am meisten vergessene und durch die Weltpolitik verwüstete Kontinent. Alles, was zählt, sind seine Ländereien. Diese werden von großen Weltkonzernen und von China gekauft, um riesige Getreidepflanzungen anzulegen, die die Ernährung sicherstellen sollen, nicht für Afrika, sondern für ihre eigenen Länder, oder um das Getreide in der Börsenspekulation zu verkaufen. Diese bekannten „Landkäufe“ machen insgesamt eine Fläche so groß wie die ganz Frankreichs aus. Afrika ist heute eine Art von Rückspiegel, wie in der Vergangenheit Menschen so unmenschlich und schrecklich sein konnten und heute noch sind. Die heutige Neo-Kolonialisierung ist perverser als die Kolonisierung der vergangenen Jahrhunderte.

 

Wir wollen diese Tragödie im Hinterkopf behalten, wenn wir uns nun auf das Erbe Afrikas konzentrieren, das sich in unserem Inneren befindet. Die Paläontologen und Anthropologen sind sich heute darüber einig, dass das Abenteuer der Hominisation in Afrika vor etwa 7 Millionen Jahren begann. Sie beschleunigte sich dann, durchlief die Etappen des Homo Habilis, Erectus, des Neandertalers etc. bis sie beim Homo Sapiens vor ca. 90.000 Jahren ankam. Nachdem der Homo Sapiens sich vor 4,4 Millionen Jahren auf afrikanischem Boden befand, zog er vor etwa 60.000 Jahren nach Asien; dann vor 40.000 Jahren nach Europa, und vor 30.000 Jahren schließlich auf den amerikanischen Kontinent. Somit lässt sich sagen, dass sich das menschliche Leben zum Großteil in Afrika abspielte, was man inzwischen gern vergisst und missachtet.

 

Afrika ist nicht nur unser geographischer Ursprung: es ist der primitive Archetypus, die Gesamtheit der Eindrücke, die sich auf der Seele des Menschen einprägten. Es war in Afrika, wo der Mensch seine ersten Eindrücke sammelte, wo seine wachsenden Synapsen entstanden (Zerebralisierung), die ersten Gedanken erschienen, Kreativität auftauchte sowie die soziale Komplexität, die die Entwicklung von Sprache und Kultur ermöglichte. Der Geist Afrikas ist in uns allen präsent.

 

Am Geist Afrikas kann ich drei Hauptachsen ausmachen, die uns helfen können, die systemische Weltkrise zu überwinden, in der wir uns zurzeit befinden.

 

Die erste ist Mutter Erde, Mutter Afrika. Als sich unsere Vorfahren über die Weiten Afrikas verteilten, schlossen sie eine tiefe Gemeinschaft mit der Erde, fühlten die Verbindung, die alle Dinge miteinander haben: das Wasser, die Berge, die Tiere, die Wälder und Urwälder; und die kosmischen Energien. Um Gaia, unsere Mutter und unser Gemeinsames Haus zu retten, müssen wir diesen Geist der Erde wieder erlangen.

 

Die zweite Achse besteht in der Beziehungsmatrix, wie Anthropologen es nennen. Die Afrikaner bezeichnen dies mit dem Begriff ubuntu, der bedeutet: „Ich bin wer ich bin, denn ich bin Teil der Gemeinschaft“ oder „Ich bin deinetwegen wer ich bin, und du bist meinetwegen, wer du bist“. Wir alle brauchen einander, wir sind voneinander abhängig. Was uns die Quantenphysik und die neue Kosmologie über die Interdependenz aller mit allen lehren, ist im Geist Afrikas offensichtlich.

 

Zu dieser Gemeinschaft gehören ebenfalls die Toten, wie Mandela. Die Toten „gehen“ nicht in den Himmel, denn der Himmel ist kein geographischer Ort, sondern eine Seinsform in dieser unserer Welt. Die Toten bleiben mitten im Volk als Ratgeber und Wächter der heiligen Traditionen.

 

Auf der dritten Achse finden wir die Riten und Feste. Wir bewunderten die Tatsache, dass man einen ganzen Tag lang mit Messen und Gebeten Mandelas gedachte. Afrikaner fühlen Gott in ihrer Haut, Abendländer in ihren Köpfen. Deshalb tanzen Afrikaner und bewegen ihren ganzen Körper, während wir im Westen so kalt und steif bleiben wie ein Besenstiel.

 

Die wichtigen Erfahrungen des persönlichen, sozialen und jahreszeitabhängigen Lebens werden mit Riten begangen, mit Tänzen, Musik und Vorführung von Masken. Die Masken repräsentieren Energien, die sich sowohl gutartig als auch bösartig auswirken können. Gerade in diesen Riten werden die negativen und positiven Kräfte ausbalanciert und wird der Vorrang des gesunden Menschenverstandes über das Absurde gefeiert. Wenn wir diesen Geist Afrikas wieder in uns verkörpern, muss die Krise nicht zu einer Tragödie werden.

 

Es ist bekannt, dass durch Feiern und Riten die Gesellschaft ihre Verbindungen wiederherstellt und die soziale Kohäsion verstärkt wird. Arbeit und Kampf sind jedoch nicht alles. Es gibt auch die Feier des Lebens, die Erhaltung der kollektiven Erinnerungen und das Gedenken der Siege über die überstandenen Gefahren.

 

Ich freue mich, hier das persönliche Gedenken von Washington Novaes wiederzugeben, eines unserer brillantesten Journalisten: „Vor einigen Jahren“, so schreibt Novaes, „beeindruckte mich in Südafrika, dass drei, vier Schwarze so leicht zusammenkommen und breit lächelnd singen und tanzen. Eines Tages sprach ich mit einem Taxifahrer darüber: Dein Volk hat so viel gelitten und leidet noch immer. Dennoch reicht es, dass ein paar Leute zusammenkommen, und sie haben Grund zu tanzen, zu singen und zu lachen. Woher kommt diese Energie? Und er antwortete: Durch das Leiden lernen wir, dass Fröhlichkeit nicht von dem abhängt, was außerhalb unserer selbst liegt. Es liegt ganz allein an uns, in uns.“

 

Der Anteil unserer Bevölkerung, der afrikastämmig ist, zeigt uns auch diese Art der Freude, die weder Kapitalismus noch Konsum uns bereiten können.

 

 

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Achtsamkeit für den Körper vs. Körperkult

Es ist eine Bereicherung, die menschliche Existenz unter dem Blickwinkel der Komplexitätstheorie aus zu verstehen. Wir sind komplexe Wesen, d. h. in uns treffen unzählige Faktoren aufeinander: materielle, biologische, energetische, spirituelle, irdische und kosmische. Wir besitzen ein äußerliches Erscheinungsbild, mit dem wir den anderen zu verstehen geben, dass wir eine/r von ihnen sind und dass wir dem Universum der Körper angehören. Und wir haben ein Inneres, das von starken positiven wie negativen Energien besetzt ist, die unsere psychische Individualität bilden. Wir sind Träger der Dimension der Tiefe, wo wir uns die wichtigsten Fragen wie die nach dem Sinn unserer Reise durch diese Welt stellen. Diese Dimensionen bestehen gleichzeitig in uns, interagieren und beeinflussen sich gegenseitig und formen so das, was wir den Menschen nennen.

Alles in unserem Inneren bedarf der Pflege. Ansonsten verlieren wir das Gleichgewicht der Kräfte, die uns bilden, und wir entmenschlichen uns. Wenn wir das Thema der Achtsamkeit für den Körper ansprechen, ist es vor allem notwendig, uns bewusst dem Dualismus entgegenzustellen, der in unserer Kultur stets unterstrichen wird: der „Körper“ auf der einen Seite, losgelöst vom Geist, und auf der anderen Seite der körperlose „Geist“. So verlieren wir die Einheit des menschlichen Lebens.

Die kommerzielle Propaganda profitiert von diesem Dualismus, der den Körper nicht in seiner Ganzheit sieht, sondern ihn in seine Einzelteile aufspaltet: Muskeln, Hände, Füße etc. Hauptopfer dieser Werbung sind die Frauen, denn diese chauvinistische Perspektive hat sich in der Medienwelt des Marketing verankert, die die Körperteile der Frau, ihre Brüste, ihre Haare, ihren Mund, ihr Geschlecht und andere Aspekte nutzt, um aus der Frau einen „Gebrauchsgegenstand“ für die chauvinistischen Männer zu machen. Dieser kulturellen Deformierung müssen wir uns entschieden entgegenstellen.

Ebenso ist es wichtig, den „Körperkult“ abzulehnen, der von den unzähligen Sporthallen und anderen Methoden, die physische Person zu bearbeiten, vorangetrieben wird, als wäre der Körper der Frau/des Mannes eine ihres Geistes beraubte Maschine, die beständig danach strebt, mehr Muskeln zu bekommen. Damit wollen wir nicht den Wert der diversen Gymnastik-Übungen in Abrede stellen, die der Gesundheit und der Körper-Geist-Einheit dienen. Wir denken dabei an die Massagen, die dem Körper seine Energie zurückgeben und die Lebensenergien im Fluss halten, vor allem die orientalischen Disziplinen wie Yoga, das eine meditative Lebenshaltung fördert, oder den Ansporn, sich ausgewogen und gesund zu ernähren, einschließlich des Fastens sowohl als freiwillige Askese wie auch als Weg, die Lebensenergien wieder miteinander in Einklang zu bringen.

Die Kleidung verdient eine besondere Beachtung. Sie schützt uns nicht nur vor schlechtem Wetter, sondern ist auch Teil der Achtsamkeit dem Körper gegenüber, da die Kleidung für eine Sprache steht, in der man sich im Theater des Lebens ausdrückt. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Kleidung ein Ausdruck unserer Seinsweise ist und das ästhetische Profil einer Person  zeigt. Vor allem für die Frau ist dies wichtig, denn sie hat ein engeres Verhältnis zu ihrem Körper und ihrem Erscheinungsbild.

Nichts ist lächerlicher und stellt die Geistlosigkeit mehr zur Schau als Schönheit, die mit Botox und unnötigen Schönheitsoperationen hergestellt wurde. Aus dieser künstlichen Verschönerung ist eine ganze Kosmetikindustrie entstanden sowie Schlankheitskuren in Kliniken und Spas, die kaum einer Ganzheitlichkeit des Körpers dienlich sind. Das heißt nicht, dass Massagen und Kosmetika, die der Haut und der Schönheitspflege dienlich sind, nutzlos wären. Doch es gibt eine Schönheit für jedes Alter, die Ausstrahlung, die im Lauf des Lebens durch Arbeit entsteht, und den Geist, der sich in der physischen Erscheinung des Menschen ausdrückt. Kein Photoshop kann die raue Schönheit ersetzen, die die Härte des Lebens in das Gesicht eines Arbeiters gemeißelt hat, noch die Falten, die durch vielfältiges Leiden entstanden sind. Der Kampf so vieler Frauen, die auf den Feldern, in der Stadt und in den Fabriken arbeiten, hat auf ihren Körpern eine andere Art von Schönheit hinterlassen, die oft mit einem Ausdruck großer Kraft und Energie einhergeht. Sie sprechen vom wirklichen Leben und nicht von einer künstlichen und geschminkten Existenz.  Die sorgfältig ausgearbeiteten Fotos der Ikonen konventioneller Schönheit hingegen sind fast alle vom gängigen Schönheitsideal geprägt und können nicht die Affektiertheit des Gesichts und den frivolen Hochmut verbergen, der sich dort offenbart.

Solche Personen sind Opfer einer Kultur, die nicht die Achtsamkeit kultiviert, welche jeder Phase des Lebens zukommt mit ihrer Schönheit und ihrem Strahlen und auch mit den Bände sprechenden Spuren eines gelebten Lebens, die sich im Gesicht und im Körper eingeprägt haben durch vielfältiges Ringen, Leiden und überwundene Schwierigkeiten. Solche Spuren schaffen eine einzigartige Schönheit und eine besondere Ausstrahlung, nicht aber die Personen in Profil einer überholten Vergangenheit fixieren.

Wir kümmern uns um den Körper in einer positiven Weise, indem wir eine Haltung der Synergie und der Gemeinschaft mit allen Dingen annehmen, mit der Natur und der Erde, auf die wir uns vor Jahrhunderten exilierten. Dies bedeutet, eine lebensfreundliche Beziehung von Liebe und Einfühlungsvermögen zu den Tieren, Blumen, Pflanzen, dem Klima, den Landschaften und der Erde zu schaffen. Wenn wir diese wunderschönen Bilder des irdischen Globus betrachten, die durch Teleskope oder vom Weltall aus aufgenommen wurden, bricht in uns ein Gefühl der Ehrfurcht, des Respekts und der Liebe für unsere Große Mutter aus, von deren Schoß wir alle stammen. Sie mag klein und, weltgeschichtlich betrachtet, alt sein, doch sie hat eine besondere Ausstrahlung.

Das Erreichen eines Gleichgewichts zwischen der Selbstbestätigung einerseits, ohne in Arroganz zu verfallen und andere abzulehnen, und andererseits der Integration eines größeren Ganzen, der Familie, der Gemeinschaft, den Arbeitskollegen und der Gesellschaft, ohne sein eigenes Selbst zu verlieren und einem kritiklosen Mitläufertum zu verfallen, ist vielleicht die größte Herausforderung für den physischen Menschen. Dieses angestrebte Gleichgewicht lässt sich nicht ein für allemal erreichen, es muss täglich neu errungen werden, denn dies wird ständig von uns gefordert. Die beiden Kräfte, die uns sowohl zerreißen als auch uns zusammenhalten können, müssen stets ausbalanciert werden.

Die Achtsamkeit für unser In-der-Welt-Sein schließt auch unsere Ernährung ein: was wir essen und trinken. Es geht darum, im Essen nicht nur einen bloßen Akt des Ernährens zu sehen, sondern einen Ritus der Zelebration und der Kommunion mit unseren Tischnachbarn und mit den Früchten, die der Großzügigkeit der Erde entspringen. Es geht auch um die Wahl von biologischen Lebensmitteln oder solchen, die möglichst wenig mit Chemikalien behandelt wurden. So lässt sich ein gesundes Leben erreichen, indem man versucht, etwaigen Krankheiten vorzubeugen, die uns, bedingt durch die Umweltverschmutzung, befallen könnten.

Auf diese Weise lässt der physische Mensch seine innere und äußere Harmonie durchscheinen als Mitglied der großen Lebensgemeinschaft.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack


Vom Materialismus des Weihnachtsmannes und der Spiritualität des Christkindes

 

Eines schönen Tages wollte der Sohn Gottes wissen, wie es den Kindern geht, die er, als er noch unter diesen weilte, „berührte und segnete“ und über die er sagte: „Lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Lk 18,15-16).

 

Wie in den antiken Mythen, stieg er an einem himmlischen Strahl herab und kam einige Wochen vor Weihnachten auf der Erde an. Er verkörperte sich in einem Straßenkehrer, der die Straßen reinigte. Auf diese Weise konnte er am besten die Leute beobachten, die an ihm vorübergingen, die erleuchteten Geschäfte mit den vielen als Geschenk eingepackten Dingen und vor allem seine kleinen Brüder und Schwestern, die dort hungrig und kaum bekleidet entlangliefen und um Almosen bettelten. Ganz besonders traurig machte ihn zu bemerken, dass fast niemand sich um seine Worte kümmerte: „Wer eines dieser Kinder in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf“ (Mk 9,37).

 

Es fiel ihm auch auf, dass niemand vom Christkind sprach, dass heimlich am Heiligen Abend allen Kindern die Geschenke bringt. Dessen Platz war eingenommen vom einem gutmütigen alten Mann, der in rot gekleidet war, einen langen Bart trug und einen Sack auf dem Rücken. Etwas dümmlich rief er immer wieder: „Ho ho ho, der Weihnachtsmann ist da!“ Tatsächlich war er es, der auf den Straßen und in den Läden die Kinder umarmte und für sie aus seinem Sack Geschenke holte, die die Eltern gekauft und dort hinein gesteckt hatten. Man sagte, er käme von weit her, aus Finnland, mit einem Rentier-Schlitten. Die Menschen hatten den anderen alten Mann schon vergessen, der wirklich gut war: der Hl. Nikolaus. Er stammte aus einer reichen Familie und brachte den Kindern armer Familien Geschenke zu Weihnachten und sagte, das Christkind hätte diese Geschenke geschickt. Doch davon sprach niemand mehr. Die Rede war immer nur vom Weihnachtsmann, der vor gut 100 Jahren erfunden worden war.

 

Genauso traurig wie die verlassenen Kinder auf der Straße machte ihn, zu sehen, wie die Kinder sich täuschen ließen von den Lichtern und wie sie sich von den glänzenden Geschenken verführen ließen, den Spielsachen und den tausend anderen Dingen, die die Eltern ihnen üblicherweise zum Heiligen Abend schenkten.

 

Die Werbung ist unüberhörbar, die die Menschen täuscht, indem sie in den Kleinen Bedürfnisse erweckt, die damit sogleich zu ihren Eltern laufen und diese bitten, ihnen das Gesehene zu kaufen. Dem als Straßenkehrer verkleidete Christkind fiel auf, dass das, was die Engel in der Nacht auf den Feldern Bethlehems sangen: „Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren … Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2,10-14) keine Bedeutung mehr hatte. Die Liebe war durch Dinge ersetzt worden, und die Freude darüber, dass Gott in einem Kind zu den Menschen kam, wurde durch die Konsumfreude verdrängt.

 

Traurig stieg er über einen anderen Himmelsstrahl wieder hinauf. Doch bevor er zum Himmel zurückkehrte, hinterließ er den Kindern einen Brief. Diesen fanden sie unter den Türen ihrer Häuser und vor allem in den Hütten der armen Viertel, die man Favelas nennt. Im Brief stand Folgendes:

 

 

 

Meine lieben kleinen Brüder und Schwestern,

 

 

 

Wenn ihr beim Betrachten der Krippe das Jesuskind mit Josef und Maria seht und euch das mit Freude erfüllt, weil Gott ein Kind geworden ist, ein Kind wie jedes andere, wie eines von euch, und weil er ein Bruder-Gott ist, der immer mit uns ist…

 

Wenn es euch gelingt, in den anderen Kindern, vor allem in den armen, die verborgene Gegenwart des Christkindes zu sehen, der in diesen geboren wurde…

 

Wenn ihr in der Lage seid, dieses verborgene Kind in euren Eltern und den anderen älteren Personen, die ihr kennt, wiedergeboren werden zu lassen, damit in ihnen die Liebe, Zärtlichkeit, Achtsamkeit und Freundschaft erwacht anstelle der vielen Geschenke…

 

Wenn ihr euch beim Betrachten der Krippe und des ärmlich bekleideten, fast nackten, Jesuskindes an die vielen schlecht bekleideten Kinder erinnert und euch diese unmenschliche Situation das Herz schwer werden lässt und ihr gern teilen möchtet, was ihr besitzt, und ihr schon jetzt diese Situation ändern wollt, wenn ihr einmal größer seid, damit es niemals Kinder geben muss, die vor Hunger und Kälte weinen…

 

Wenn ihr angesichts der Weisen aus dem Morgenland, die dem Jesuskind Geschenke bringen, an die Könige denkt, an die Staatsoberhäupter und andere wichtige Personen, die aus allen Teilen der Erde kommen, um die Größe, die sich in diesem kleinen Kind, das da auf dem Stroh weint, verbirgt, zu bestaunen…

 

Wenn ihr, wie Ochs und Esel, die Schafe, Ziegen, Hunde, Kamele und Elefanten die Geburt seht und denkt, dass das auch das ganze Universum durch das göttliche Kind erleuchtet ist und dass alle, die Sterne, die Sonnen, die Galaxien, die Steine, die Bäume, die Fische, die Tiere und wir, die Menschen, das Große Haus Gottes bilden…

 

Wenn ihr eure Ohren gut spitzt und durch die inneren Sinne eine liebliche und himmlische Musik wie die der Engel auf den Feldern Bethlehems vernehmt, die den Frieden auf Erden verkündeten…

 

dann wisst, dass ich, das Christkind, von neuem geboren werde und Weihnachten erneuere. Ich werde immer bei euch sein, mit euch gehen, mit euch weinen und mich mit euch freuen bis zu dem Tag, an dem die ganze Menschheit und das Universum am Hause Gottes ankommen, der Vater und Mutter grenzenloser Güte ist, um für immer gemeinsam als eine große, vereinte Familie zusammen zu sein.

 

 

 

                                                                                 Gezeichnet: das Christkind

 

                                                               Bethlehem, 25. Dezember im Jahr 1