Das finstere Reich der Großkonzerne

Die guten Wünsche zum Neuen Jahr sind zum Ritus geworden. Sie sind nicht mehr als einfache Wünsche, denn sie verändern nicht den Lauf der Dinge, der darin besteht, dass die Supermächte weiterhin an ihrer Strategie der globalen Beherrschung festhalten. Daran müssen wir denken, und wir müssen sogar beten, denn die Konsequenzen für Wirtschaft, Soziales, Kultur, Spiritualität und für die Zukunft unserer Spezies und der Natur können verheerend sein.

 

Viele hofften, so wie J. Stiglitz und P. Krugman, dass aus der Krise von 2008 eine große Debatte darüber hervorgehen würde, welche Art von Gesellschaft wir nun bilden wollten. Sie haben sich absolut geirrt. Eine solche Debatte fand nie statt. Stattdessen nahm man mit voller Kraft denselben Kurs wieder auf, der die Krise verursacht hatte. Der britische Sozialforscher und einer der größten Spezialisten auf dem Gebiet der Ungleichheit, Richard Wilkinson, war aufmerksamer und erklärte bereits vor einiger Zeit in einem Interview mit der deutschen Zeitung „Die Zeit“: „Also müssen wir uns als Gesellschaft die grundsätzliche Frage stellen, ob wir wirklich nur nach dem Motto leben wollen, dass der Stärkere das meiste kriegt und der Schwächere zurückbleibt.“

 

Die Superreichen und die Supermächtigen haben entschieden, dass sie nach dem darwinistischen Prinzip leben wollen, demzufolge der Stärkere den Gewinn über den Schwächeren hinwegträgt und der Schwächere sich damit abzufinden hat. Doch Wilkinson kommentiert: „Ich glaube, wir brauchen wieder mehr Kooperation und Gegenseitigkeit. Die Menschen wollen größere soziale Gleichheit.“ Dieses Verlangen wird durch die Reichen bewusst negiert.

 

Die kapitalistische Logik ist im allgemeinen eine verfressene: ein Unternehmen frisst ein anderes (euphemistisch nennt man dies fusionieren). Kommt man an einen Punkt, an dem nur noch wenige übrig bleiben, ändern sie die Logik: anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen, schließen sie miteinander einen Pakt der Wölfe und benehmen sich untereinander lammfromm. Durch dieses Arrangement haben sie noch mehr Macht und können sich und ihre Aktionäre besser absichern, ohne sich auch nur im Geringsten um das Gemeinwohl der Gesellschaft zu kümmern.

 

Der politische und wirtschaftliche Einfluss, den sie über die Regierungen ausüben, die zum Großteil schwächer sind als die Konzerne, ist durchaus entscheidend und hat Auswirkungen auf die Warenpreise, die Kürzungen von Sozialleistungen und Ausgaben für die Bereiche Gesundheit, Erziehung, öffentlicher Transport und Sicherheit. Die Tausende von Menschen, die in Brasilien und weltweit auf die Straßen gehen, haben die Dominanz durch diesen neuen Herrschaftstypus voraus geahnt, dessen Devise lautet: „Geiz ist gut“ und „Lasst uns verschlingen, so viel wir können“.

 

Es gibt ausgezeichnete Studien über die weltweite Dominanz der großen multinationalen Konzerne.  Die bekannteste Studie ist die von David Korten: „When corporations rule the world“ (Wenn Konzerne die Welt regieren). Es bedurfte aber noch einer zusammenfassenden Studie, und diese wurde 2011 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule von Zürich vorgenommen, die mit dem MIT (Institut für Technologie) von Massachusetts zu den renommiertesten Forschungszentren zählt. Es arbeiteten namhafte Forscher an dem Dokument, das eher kurz ist mit nicht mehr als 10 Seiten und 26 Seiten über die Methodologie, um völlige Transparenz der Resultate zu demonstrieren. Ladislau Dowbor, Professor für Wirtschaft an der Bischöflichen Katholischen Universität von Sao Paulo, PUC-SP, hat die Studie auf seiner Webseite (http://dowbor.org) zusammengefasst. Auf diese Zusammenfassung beziehen wir uns hier.  

 

Unter den 30 Millionen bestehenden Konzernen wählte die ETH 43 000 aus, um deren Funktionsweise besser untersuchen zu können. Das vereinfachte Schema lautet so: Es gibt einen kleinen zentralen Finanzkern, der zwei Seiten besitzt: auf der einen Seite befinden sich die Konzerne, die den Kern bilden, und auf der anderen Seite sind die Konzerne, die von diesem Kern kontrolliert werden. Dieses Gerüst bildete ein Netzwerk globaler Kontrolle durch die Konzerne. Dieser kleine Kern (core) bildet einen Superorganismus. Von diesem Nukleus geht die Kontrolle über die Konzerne aus, wodurch die Kostensenkung erleichtert wird, man sich vor Risiken schützt,  Vertrauensstärkung stattfindet, und vor allem wird bestimmt, welche Richtlinien der Weltwirtschaft wo verstärkt werden müssen.

 

Dieser kleine Kern, der vor allem aus den großen Banken besteht, besitzt die Mehrheit der Firmenanteile der anderen Konzerne. Die Spitze kontrolliert 80 % des ganzen Konzern-Netzwerks. Es sind dies nur 737 Akteure aus 147 Großunternehmen. Darunter befinden sich u. a. die Deutsche Bank, J.P. Morgan Chase, UBS, Santander, Goldman Sachs, BNP Paribas. Letztlich werden 40 % der Konzerne des ganzen Netzwerks von weniger als 1 % beherrscht.

 

Mithilfe dieser Daten können wir die Empörung der Anhänger der Occupy-Bewegung besser verstehen und das Aufbegehren derjenigen, die 1 % der Unternehmen beschuldigen, mit den Ressourcen, die aus dem Schweiß der 99 % der Bevölkerung entstehen, nach Gutdünken umzugehen. Sie arbeiten nicht und produzieren nichts. Sie vermehren nur das Geld, indem sie welches in die Spekulation stecken.

 

Es ist genau diese absurde Unersättlichkeit des grenzenlosen Anhäufens, die die systemische Krise von 2008 hervorgerufen hat. Durch diese Logik klafft die soziale Schere immer weiter auseinander und wird der Ausweg aus der Krise immer schwieriger. Wie viel Unmenschlichkeit kann die Menschheit noch verkraften? Alles hat seine Grenze, und die Wirtschaft ist nicht das Ein und Alles. Aber uns wurde nun ein Einblick in diese monströse Funktionsweise gewährt. Wie Dowbor sagt: „Die Wahrheit ist, dass wir den Elefanten in der Mitte des Raums nicht wahrnahmen. Er zerbricht alles, das Glas, das Geschirr, und er trampelt auf den Menschen herum. Aber wie lange noch?“ Das weltweite ethische Verständnis bestärkt uns darin, dass eine Gesellschaft, die auf übermäßiger Ausbeutung und auf Lügen und Tod basiert, nicht lange bestehen kann.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Harnack

 

 

 

 

 

Drohnen, die feigste Menschenrechtsverletzung


 

 Wir leben in einer Welt, in der die Verletzung der Menschenrechte auf praktisch allen Gebieten, ob in der Familie, lokal, national oder weltweit, an der Tagesordnung ist. Der Jahresreport von Amnesty International von 2013, der über 159 Länder für das Jahr 2012 abdeckt, stellt genau dies schmerzlich fest. Anstatt den Respekt für die Menschenwürde und die Rechte der Einzelnen, der Völker und der Ökosysteme voranzutreiben, kehren wir zu barbarischen Methoden zurück. Die Verletzungen der Menschenrechte sind endlos, und die Mittel der Aggression werden immer raffiniert

Die feigste Form besteht in den „Drohnen“, den unbemannten Luftfahrzeugen, die von einem jungen Soldaten wie in einem Spiel von einem Bildschirm aus gelenkt werden, der von einer Basis in Texas aus in der Lage ist, eine Gruppe von Afghanen auszumachen, die eine Hochzeit feiern, auf der sich möglicherweise ein El Kaida Krieger befindet. Diese Vermutung reicht schon aus, um mit einem kleinen Mausklick eine Bombe abzuschießen, die die ganze Menschengruppe vernichtet, einschließlich vieler unschuldiger Mütter und Kinder.

Unter dieser perversen Art der präventiven Kriegsführung, die unter Bush eingeführt wurde und kriminellerweise von Präsident Barack Obama fortgesetzt wird, der seine Wahlversprechen bezüglich Menschenrechte, wie die Schließung von Guantanamo oder die Abschaffung des unpatriotischen „Patriot’s Act“, nicht einhielt, kann jeder in den Vereinigten Staaten wegen Verdachts auf Terrorismus festgenommen werden, ohne dass seine Familie darüber informiert wird. Das ist gleichzusetzen mit illegaler Entführung, die wir in Lateinamerika nur zu gut kennen. Bezüglich Wirtschaft und Menschenrechte findet in den Vereinigten Staaten eine wahre Lateinamerikanisierung statt, und zwar im Stil der schlimmsten Zeiten unter unseren Militärdiktaturen. Dem Bericht von Amnesty International zufolge sind die USA heute das Land mit den meisten Rechtsverletzungen gegenüber Privatpersonen und Völkern.

 

Mit der größten Gleichgültigkeit, wie ein absolutistischer römischer Kaiser, verweigert Obama jegliche Rechtfertigung für die weltweite Spionage, die unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit unter seiner Regierung stattfindet und die Bereiche abdeckt von zärtlichem E-Mail Austausch zwischen Liebespärchen bis hin zu den geheimen millionenschweren Geschäften des Mineralölunternehmens Petrobras. Damit wird das Recht auf Privatsphäre der Einzelnen sowie der Souveränität ganzer Länder verletzt. Indem der Sicherheit Vorrang gegeben wird, hebt man die Gültigkeit unveräußerlicher Rechte auf.

 

Der Kontinent, der am meisten unter den Missachtungen der Menschenrechte zu leiden hat, ist Afrika. Afrika ist der vergessene und verwüstete Kontinent. Sowie große Konzerne als auch China kaufen dort Ländereien (Land Grabbing), um Lebensmittel für ihre eigene Bevölkerung zu produzieren. Dies ist eine Neo-Kolonialisierung, die perverser ist als die vorige Kolonialisierung.

 

Die Abertausende von Flüchtlingen und Immigranten, die vor Hunger und Erosion ihres Landes fliehen, sind die am meisten Gefährdeten. Sie stellen ein Volk der Unterklasse dar, das von fast jedem Land abgelehnt wird. Dies ist die Folge der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, wie Papst Franziskus es bezeichnete. Die Situation vieler Frauen ist laut dem Bericht von Amnesty International dramatisch. Frauen stellen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung dar. Viele werden zu Opfern von Gewalt aller Art, und in einigen Teilen Afrikas und Asiens sind sie immer noch Opfer von Genitalverstümmelung.

 

Die Situation unseres Landes ist Besorgnis erregend angesichts der hohen Gewaltrate, die überall zu verzeichnen ist. Ich würde sagen, dies ist nicht einfach nur Gewalt, sondern wir haben es mit struktureller Gewalt zu tun, die mehr als die Hälfte der afrikastämmigen Bevölkerung trifft, das indigene Volk, das darum kämpft, sein Land gegenüber der ungestraften Gier des Agrobusiness zu verteidigen, die Armen im allgemeinen und die LGBT-Menschen, die diskriminiert und sogar umgebracht werden. Da bei uns niemals eine Agrar-, Politik- oder Steuerreform durchgeführt wurde, füllen sich unsere Städte mit Hunderten von Armenvierteln (Favelas), in denen die Rechte auf Gesundheit, Bildung, Infrastruktur und Sicherheit nicht ausreichend gewährleistet sind.

 

Das wichtigste Fundament der Menschenrechte liegt in der Würde einer jeden Person und im Respekt, der dieser Person zukommt. Würde bedeutet, dass der Mensch in sich den Geist und die Freiheit trägt, die ihm erlauben, sein Leben selbst zu gestalten. Respekt ist die Anerkennung, dass jeder Menschen einen intrinsischen Wert innehat, dass jeder Mensch einen Zweck in sich selbst hat und niemals zum Mittel für etwas benutzt werden darf. Vor jedem Menschen, ganz gleich wie anonym er sein mag, hat jegliche Macht ihre Grenze, einschließlich der Staatsgewalt.

Tatsache ist, dass wir in einer Art Weltgesellschaft leben, für die die Wirtschaft zur strukturierenden Achse wurde. Vernunft hat nur noch dem Nutzen zu dienen, und alles, selbst der Mensch – wie Papst Franziskus sagt – ist zum „Gebrauchsgegenstand geworden, der nach Benutzung entsorgt werden kann“. In einer solchen Gesellschaft gibt es keinen Platz für Rechte, nur für Interessen. Selbst das geheiligte Recht auf Essen und Trinken wird nur denen zugestanden, die dafür bezahlen können. Diejenigen, die nicht bezahlen können, müssen mit den Hunden unter dem Tisch warten in der Hoffnung, dass einige Krümel für sie vom reich gedeckten Tisch der Opulenten abfallen. 

 

In diesem wirtschaftlichen, politischen und kommerziellen System finden sich die hauptsächlichen, aber nicht die alleinigen Phänomene, die unvermeidlich zur Verletzung der Menschenwürde führen. Im aktuellen System wird die Person nicht wertgeschätzt, sondern nur ihre Fähigkeit zu produzieren und zu konsumieren. Der Rest sind nur Überbleibsel, Schmieröl für die Produktion.

 

Abgesehen vom humanitären und ethischen Aspekt dieser Aufgabe ist sie vor allem politischer Art: Wie lässt sich diese Art bösartiger Gesellschaft so verwandeln, dass sie zu einer Gesellschaft wird, in der Menschen menschlich behandelt werden uns sich ihrer Grundrechte erfreuen können? Gelingt dies nicht, wird Gewalt zum Normalfall.

 

 Übersetz von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Drohnen, die feigste Menschenrechtsverletzung

 

 

 

 Wir leben in einer Welt, in der die Verletzung der Menschenrechte auf praktisch allen Gebieten, ob in der Familie, lokal, national oder weltweit, an der Tagesordnung ist. Der Jahresreport von Amnesty International von 2013, der über 159 Länder für das Jahr 2012 abdeckt, stellt genau dies schmerzlich fest. Anstatt den Respekt für die Menschenwürde und die Rechte der Einzelnen, der Völker und der Ökosysteme voranzutreiben, kehren wir zu barbarischen Methoden zurück. Die Verletzungen der Menschenrechte sind endlos, und die Mittel der Aggression werden immer raffiniertDie feigste Form besteht in den „Drohnen“, den unbemannten Luftfahrzeugen, die von einem jungen Soldaten wie in einem Spiel von einem Bildschirm aus gelenkt werden, der von einer Basis in Texas aus in der Lage ist, eine Gruppe von Afghanen auszumachen, die eine Hochzeit feiern, auf der sich möglicherweise ein El Kaida Krieger befindet. Diese Vermutung reicht schon aus, um mit einem kleinen Mausklick eine Bombe abzuschießen, die die ganze Menschengruppe vernichtet, einschließlich vieler unschuldiger Mütter und Kinder.

 

Unter dieser perversen Art der präventiven Kriegsführung, die unter Bush eingeführt wurde und kriminellerweise von Präsident Barack Obama fortgesetzt wird, der seine Wahlversprechen bezüglich Menschenrechte, wie die Schließung von Guantanamo oder die Abschaffung des unpatriotischen „Patriot’s Act“, nicht einhielt, kann jeder in den Vereinigten Staaten wegen Verdachts auf Terrorismus festgenommen werden, ohne dass seine Familie darüber informiert wird. Das ist gleichzusetzen mit illegaler Entführung, die wir in Lateinamerika nur zu gut kennen. Bezüglich Wirtschaft und Menschenrechte findet in den Vereinigten Staaten eine wahre Lateinamerikanisierung statt, und zwar im Stil der schlimmsten Zeiten unter unseren Militärdiktaturen. Dem Bericht von Amnesty International zufolge sind die USA heute das Land mit den meisten Rechtsverletzungen gegenüber Privatpersonen und Völkern.

 

Mit der größten Gleichgültigkeit, wie ein absolutistischer römischer Kaiser, verweigert Obama jegliche Rechtfertigung für die weltweite Spionage, die unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit unter seiner Regierung stattfindet und die Bereiche abdeckt von zärtlichem E-Mail Austausch zwischen Liebespärchen bis hin zu den geheimen millionenschweren Geschäften des Mineralölunternehmens Petrobras. Damit wird das Recht auf Privatsphäre der Einzelnen sowie der Souveränität ganzer Länder verletzt. Indem der Sicherheit Vorrang gegeben wird, hebt man die Gültigkeit unveräußerlicher Rechte auf.

 

Der Kontinent, der am meisten unter den Missachtungen der Menschenrechte zu leiden hat, ist Afrika. Afrika ist der vergessene und verwüstete Kontinent. Sowie große Konzerne als auch China kaufen dort Ländereien (Land Grabbing), um Lebensmittel für ihre eigene Bevölkerung zu produzieren. Dies ist eine Neo-Kolonialisierung, die perverser ist als die vorige Kolonialisierung.

 

Die Abertausende von Flüchtlingen und Immigranten, die vor Hunger und Erosion ihres Landes fliehen, sind die am meisten Gefährdeten. Sie stellen ein Volk der Unterklasse dar, das von fast jedem Land abgelehnt wird. Dies ist die Folge der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, wie Papst Franziskus es bezeichnete. Die Situation vieler Frauen ist laut dem Bericht von Amnesty International dramatisch. Frauen stellen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung dar. Viele werden zu Opfern von Gewalt aller Art, und in einigen Teilen Afrikas und Asiens sind sie immer noch Opfer von Genitalverstümmelung.

 

Die Situation unseres Landes ist Besorgnis erregend angesichts der hohen Gewaltrate, die überall zu verzeichnen ist. Ich würde sagen, dies ist nicht einfach nur Gewalt, sondern wir haben es mit struktureller Gewalt zu tun, die mehr als die Hälfte der afrikastämmigen Bevölkerung trifft, das indigene Volk, das darum kämpft, sein Land gegenüber der ungestraften Gier des Agrobusiness zu verteidigen, die Armen im allgemeinen und die LGBT-Menschen, die diskriminiert und sogar umgebracht werden. Da bei uns niemals eine Agrar-, Politik- oder Steuerreform durchgeführt wurde, füllen sich unsere Städte mit Hunderten von Armenvierteln (Favelas), in denen die Rechte auf Gesundheit, Bildung, Infrastruktur und Sicherheit nicht ausreichend gewährleistet sind.

 

Das wichtigste Fundament der Menschenrechte liegt in der Würde einer jeden Person und im Respekt, der dieser Person zukommt. Würde bedeutet, dass der Mensch in sich den Geist und die Freiheit trägt, die ihm erlauben, sein Leben selbst zu gestalten. Respekt ist die Anerkennung, dass jeder Menschen einen intrinsischen Wert innehat, dass jeder Mensch einen Zweck in sich selbst hat und niemals zum Mittel für etwas benutzt werden darf. Vor jedem Menschen, ganz gleich wie anonym er sein mag, hat jegliche Macht ihre Grenze, einschließlich der Staatsgewalt.

 

Tatsache ist, dass wir in einer Art Weltgesellschaft leben, für die die Wirtschaft zur strukturierenden Achse wurde. Vernunft hat nur noch dem Nutzen zu dienen, und alles, selbst der Mensch – wie Papst Franziskus sagt – ist zum „Gebrauchsgegenstand geworden, der nach Benutzung entsorgt werden kann“. In einer solchen Gesellschaft gibt es keinen Platz für Rechte, nur für Interessen. Selbst das geheiligte Recht auf Essen und Trinken wird nur denen zugestanden, die dafür bezahlen können. Diejenigen, die nicht bezahlen können, müssen mit den Hunden unter dem Tisch warten in der Hoffnung, dass einige Krümel für sie vom reich gedeckten Tisch der Opulenten abfallen. 

 

In diesem wirtschaftlichen, politischen und kommerziellen System finden sich die hauptsächlichen, aber nicht die alleinigen Phänomene, die unvermeidlich zur Verletzung der Menschenwürde führen. Im aktuellen System wird die Person nicht wertgeschätzt, sondern nur ihre Fähigkeit zu produzieren und zu konsumieren. Der Rest sind nur Überbleibsel, Schmieröl für die Produktion.

 

Abgesehen vom humanitären und ethischen Aspekt dieser Aufgabe ist sie vor allem politischer Art: Wie lässt sich diese Art bösartiger Gesellschaft so verwandeln, dass sie zu einer Gesellschaft wird, in der Menschen menschlich behandelt werden uns sich ihrer Grundrechte erfreuen können? Gelingt dies nicht, wird Gewalt zum Normalfall.

 

 übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Mitten im weltweiten Unbehagen ein Grund zur Freude

Mitten im unleugbar vorhandenen weltweiten Unbehagen tauchte dieses Jahr in überraschender Weise eine Person auf, die uns die Hoffnung, Freude und den Sinn für das Schöne zurückgab: Papst Franziskus. Sein erstes Apostolisches Schreiben trägt den Titel „Evangelii Gaudium“ (Freude des Evangeliums). Es ist ein Text, der von der Freude durchzogen ist, den Kategorien der Begegnung, der Nähe, der Barmherzigkeit, der zentralen Stellung der Armen, der Schönheit, der „Revolution der Zärtlichkeit“ und des „Mysteriums des gemeinsamen Lebens“.

Diese Botschaft setzt einen Kontrapunkt zur Desillusion und zum gescheiterten Versprechen des Projekts der Moderne, Wohlstand und Glück für alle zu bringen. In Wirklichkeit gefährdet diese die Zukunft der Spezies durch ihren verheerenden Angriff auf die seltenen Güter und Dienstleistungen von Mutter Erde. Papst Franziskus bringt dies gut zum Ausdruck: „Es ist der technologischen Gesellschaft gelungen, die Vergnügungsangebote zu vervielfachen, doch es fällt ihr sehr schwer, Freude zu erzeugen.“ (5. Kapitel I.7). Das Vergnügen gehört den Sinnen an, die Freude dem Herzen. Und unser Lebensstil ist herzlos.

Es geht nicht um die Freude der fröhlichen Dummen, die froh sind, ohne den Grund dafür zu kennen. Die wahre Freude erwächst aus der Begegnung mit einer konkreten Person, die in uns Enthusiasmus hervorruft, uns erhebt und einfach fasziniert. So war die Person des Jesus von Nazareth. Ich meine nicht den von Prunk und Glorie beladenen Christus, welche die frühere Theologie ihm andichtete. Es war der Jesus des Volkes, der Einfache und Arme, der auf den staubigen Wegen Palästinas wandelte und dessen Worte Frische und Faszination brachten. Papst Franziskus gibt Zeugnis von der Begegnung mit dieser Person. Diese war so mitreißend, dass sie sein Leben veränderte und für ihn zu einer unerschöpflichen Quelle der Freude und der Schönheit wurde. Evangelisieren bedeutet für ihn, diese Erfahrung zu wiederholen, und die Mission der Kirche besteht für ihn darin, die Frische und die Faszination durch die Person Jesu wiederherzustellen. Er vermeidet den offiziellen Ausdruck der „neuen Evangelisierung“. Vielmehr bevorzugt er eine „pastorale Bekehrung“, die aus Freude, Schönheit, Faszination, Nähe, Begegnung, Zärtlichkeit, Liebe und Barmherzigkeit besteht.

Das ist, was ihn von seinen Vorgängern der vergangenen Jahrhunderte unterscheidet. Diese präsentierten das Christentum als Doktrin, Dogma und als moralische Norm. Dem musste man uneingeschränkt und ohne die geringste Spur eines Zweifels anhängen, erfreuten sich die Päpste doch der Unfehlbarkeit.

Papst Franziskus sieht das Christentum unter einer anderen Perspektive. Nicht als eine Doktrin, sondern als eine persönliche Begegnung mit einer Person, mit ihrer Sache, dem, wofür sie kämpft, mit ihrer Fähigkeit, den Schwierigkeiten zu begegnen, ohne vor diesen zu fliehen. Ganz besonders gefallen ihm die Worte aus dem Hebräerbrief, wo es heißt, dass Jesus „in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist … der Schwachheit unterworfen ist … mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vorgebracht hat. Von dem, der aus dem Tode (bzw. aus Todesfurcht) zu erretten vermag, ist der Versuchte erhört worden, und zwar wegen seiner Gottesfurcht, infolge seines Gehorsams.“ wie es die berühmten Bibelforscher A. Harnack und R. Bultmann in ihrer Version wiedergaben, während es in der Epistel heißt: „und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden“ (das griechische εύλάβεια kann sowohl Angst und Todesfurcht als auch Gottesfurcht bedeuten) „und er hat durch Leiden den Gehorsam gelernt“ (Hebr 4,15; 5,2.7-8).

In der traditionellen Evangelisierung lief alles über die intellektuelle Intelligenz (intellectus fidei), die sich im Credo und im Katechismus ausdrückt. Im Päpstlichen Schreiben 5. Kap. II.11 sagt Papst Franziskus: „Jesus Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns anmaßen, ihn gefangen zu halten, und er überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität.“ Nach seiner Version geschieht Evangelisierung durch die Intelligenz des Herzens (intellectus cordis), denn dort haben die Liebe, die Barmherzigkeit, die Zärtlichkeit und die Frische der Person Jesu ihren Sitz. Sie drückt sich durch die Nähe aus, durch die Begegnung, den Dialog und die Liebe. Dies ist ein Christentum, dessen Haus für alle geöffnet ist, „ohne Hüter der Glaubenslehre“, keine einschüchternde, abgeriegelte Festung.

Es ist genau ein solches Christentum, dessen wir bedürfen, eines, das in der Lage ist, Freude zu bringen, denn alles, was wirklich aus einer tiefen und wahren Begegnung herrührt, ruft eine Freude hervor, die uns niemand nehmen kann. Dies ist wie die Freude der Südafrikaner bei der Beisetzung Nelson Mandelas: sie entsteht tief im Herzen und bewegt den ganzen Körper.

In unserer mediatisierten und vom Internet geprägten Kultur fehlt uns dieser Ort der Begegnung, wo man einander in die Augen sehen kann, einander leibhaftig begegnet. Um dies zu erreichen, müssen wir „hinausgehen“, wozu der Papst immer wieder aufruft. Ein „Hinausgehen“ aus uns selbst hin zum anderen, „hinausgehen“ zu den Rändern der Existenz (wo Menschen einsam und verlassen sind), „hinausgehen“ in die Welt der Armen. Dieses „Hinausgehen“ ist ein wahrer „Exodus“, der den Israelis, vom Joch des Pharaos befreit, die Freude brachte.

Am besten passt hier das Zeugnis von F. Dostojewski, nachdem er aus dem toten Hause in Sibirien „hinausgegangen“ war: „Manchmal schickt Gott mir Momente des Friedens. In solchen Momenten liebe ich und fühle ich mich geliebt; in einem dieser Momente habe ich mein eigenes Credo geschrieben, in dem alles hell und heilig ist. Dieses Credo ist sehr einfach. Es lautet: Ich glaube, nichts ist schöner, tiefer, sympathischer, humaner, perfekter als Christus. Und ich sage zu mir selbst mit eifersüchtiger Liebe, dass es das nicht gibt und nicht geben kann. Und mehr noch: Würde mir jemand beweisen, dass Christus nicht in der Wahrheit wäre und dass diese sich nicht in ihm befände, so bliebe ich lieber bei Christus als in der Wahrheit.“

Papst Franziskus machte sich die Worte Dostojewskis zu eigen. Nicht eine abstrakte Wahrheit kann das Leben füllen, sondern eine lebendige Begegnung mit einer Person, mit Jesus von Nazareth. Von ihm ausgehend wird die Wahrheit zu einer Wahrheit. Wenn das Jahr 2014 uns etwas von dieser Begegnung bringt (ganz gleich, ob wir es Christus nennen, die Tiefe, das Mysterium in uns oder das Heilige in jedem Lebewesen), dann sind wir zur Quelle einer Freude vorgestoßen, die unendlich viel besser ist als jedes Vergnügen, das die Konsumwelt uns verspricht.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack