Theologie von Frauen und aus der Perspektive von Frauen

 

 

 

Papst Franziskus sagte, wir bräuchten eine profundere Theologie von Frauen und ihrer Mission in Welt und Kirche. Das stimmt zwar, aber es kann ihm nicht entgangen sein, dass bereits eine große Bandbreite an feministischer Theologie höchster Qualität existiert, die von Frauen und aus der Perspektive von Frauen geschaffen wurde und die unsere Erfahrungen von Gott erheblich bereichert hat. Ich habe mich selbst diesem Thema intensiv gewidmet und schließlich zwei Bücher darüber geschrieben: Das mütterliche Antlitz Gottes (1989) und Femenino-Masculino (Weiblich-Männlich), 2010, Letzteres in Zusammenarbeit mit der Feministin Rosemarie Muraro. Unter so vielen zeitgenössischen Theologinnen beschloss ich, zwei große Theologinnen der Geschichte hervorzuheben, die wirklich einiges bewegt haben: die Heilige Hildegard von Bingen (1098-1179) und die Heilige Juliana von Norwich (1342-1416).

Hildegard von Bingen, die vielleicht erste Feministin innerhalb der Kirche, war eine außerordentliche und geniale Frau, und dies nicht nur für ihre Zeit, sondern für alle Zeiten. Sie war eine Benediktinerin und Äbtissin ihres Klosters Rupertsberg in Bingen am Rhein, eine Prophetin (profetessa germanica), Mystikerin, Theologin, leidenschaftliche Predigerin, Komponistin, Poetin, Naturkennerin, Heilkundige, Dramatikerin und deutsche Schriftstellerin.

Für ihre Biographen und für Gelehrte ist es ein Rätsel, wie diese Frau all dies in der engstirnigen und chauvinistischen mittelalterlichen Welt vollbringen konnte. In allen Gebieten, die sie betrat, brillierte sie mit Exzellenz und enormer Kreativität. Sie schrieb zahlreiche Bücher über Mystik, Poesie, Naturwissenschaften und Musik. Ihr wichtigstes Werk, das sogar noch heute gelesen wird, ist Scivias Domini (Wisse die Wege des Herrn).

Hildegard war vor allem eine Frau, die mit göttlichen Visionen begabt war. In den autobiografischen Texten schreibt sie: „Als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom offenen Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchströmte mir Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte, sondern wärmte, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen legt. Nun erschloss sich mir plötzlich der Sinn der Schriften, des Psalters, des Evangeliums und der übrigen katholischen Bücher des Alten und Neuen Testamentes.“  (Auf der Wikipedia-Seite über Hildegard von Bingen finden sich eine exzellente Beschreibung sowie eine Bibliographie)

Es ist erstaunlich, dass sie über solche Kenntnisse über Kosmologie, Heilpflanzen, Anatomie und über die Geschichte der Menschheit hatte.  Die Theologie spricht von der „eingegossenen Wissenschaft“ als eine Gabe des Heiligen Geistes. Hildegard zeichnete sich durch diese Gabe aus.

Sie entwickelte eine interessante holistische Vision, wobei sie stets den Menschen mit der Natur und dem Kosmos verband. In diesem Kontext spricht sie vom Heiligen Geist als der Energie, die allen Dingen „viriditas“ verleiht. Viriditas kommt von „verde“, grün. Es bedeutet das Grün und die Frische, die alle vom Heiligen Geist durchdrungenen Dinge charakterisieren. Manchmal spricht sie von der „unermesslichen Süße des Heiligen Geistes, der in Seiner Gnade alle Geschöpfe umarmt“. (Flanagan, Hildegard von Bingen, 1998, S. 53). Hildegard entwickelte ein vermenschlichtes Gottesbild, da Er das Weltall „mit Macht und Milde“ regiert und alle Wesen mit Seiner fürsorglichen Hand und Seinem liebenden Blick begleitet (siehe N. Fierro,  Hildegarda of Bingen and her vision of the Feminine, 1994, 187).

Hildegard war vor allem bekannt für die von ihr entwickelten Heilmethoden, die noch immer in Österreich und Deutschland bei einigen Ärzten Anwendung finden. Sie zeigte eine erstaunliche Kenntnis des menschlichen Körpers und dafür, welche Wirkstoffe der Heilkräuter für die diversen Krankheiten geeignet sind. Im Jahr 2012 schrieb Papst Benedikt XVI sie ins Verzeichnis der Heiligen ein.

Eine andere berühmte Frau war Juliana von Norwich, England (1342-1415). Über ihr Leben ist wenig bekannt, wie z. B. ob sie eine Nonne oder eine weltliche Witwe war. Gewiss ist, dass Juliana in einem von Mauern umgebenen Gelände der Kirche von St. Julian eingeschlossen lebte. Im Alter von 30 Jahren wurde sie von einer schweren Krankheit erfasst, an der sie beinahe gestorben wäre. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte sie Visionen von Jesus Christus, die fünf Stunden lang währten. Gleich darauf schrieb sie eine Zusammenfassung dieser Visionen. Zwanzig Jahre später, nachdem sie viel über die Bedeutung dieser Visionen nachgedacht hatte, schrieb sie eine längere und abschließende Fassung, „Revelations of Divine Love“ (Offenbarungen der Göttlichen Liebe), London, 1952. Dies ist der älteste, von einer Frau geschriebene Text auf Englisch.

Ihre Entdeckungen sind überraschend, denn sie zeugen von einem felsenfesten Optimismus, der aus ihrer Gottesliebe entstand. Sie spricht von der Liebe als Freude und Mitgefühl. Im Gegensatz zum Volksglauben ihrer Zeit und zu den Vorstellungen einiger heutiger Gruppen verstand sie Krankheiten nicht als Strafe Gottes. Für Juliana sind Krankheiten und die Pest Gelegenheiten, Gott zu erfahren.

Juliana sieht die Sünde als eine Art Lernmittel, mittels derer Gott uns auffordert, uns selbst zu erkennen und seine Barmherzigkeit zu suchen. Und sie sagt: Hinter dem, was wir Hölle nennen, liegt eine größere, stets siegreiche Wirklichkeit: die Liebe Gottes.

Da Jesus barmherzig und unsere geliebte Mutter mitfühlend ist, ist Gott selbst der barmherzige Vater und die Mutter grenzenloser Güte (Revelations, 119).

Nur eine Frau könnte solch eine Ausdrucksweise über Liebe und Mitgefühl benutzen und Gott als die Mutter unendliche Güte bezeichnen. So wird uns wieder vor Augen geführt, wie wichtig die weibliche Stimme für eine nicht-patriarchalische und daher vollständigere Vorstellung Gottes und des Heiligen Geistes ist, der alles Leben und das ganze Universum durchdringt.

Viele andere Frauen könnten hier genannt werden, wie z. B. die Heilige Theresa von Avila (1515-1582), Simone Weil (1909-1943), Madeleine Delbrel (1904-1964), Mutter Teresa und unter unseren Zeitgenossinnen Ivone Gebara und Maria Clara Bingemer, die den Glauben aus der weiblichen Perspektive sahen bzw. sehen. Und sie bereichern uns immer noch.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Recyceln von Wertstoffen und von Menschen

 

  In Brasilia (Brasilien) fand vom 28.-30. Oktober das 12. Müll- und Bürgerfestival unter dem Motto: „Recyceln für eine bessere Welt“ statt. Aus allen Teilen des Landes kamen mehr als tausend Sammler von recycelbarem Material, das sie in den städtischen Müllhalden finden. Ich konnte bewegt daran teilnehmen, denn ich habe jahrelang diejenigen begleitet, die verwertbares Material auf den großen Müllkippen von Petropolis aufsammelte.

Angesichts der Vielzahl an Menschen, die einen riesigen Raum füllten, sich gegenseitig umarmten und zum ersten Mal seit langem wiedersahen oder überhaupt zum ersten Mal trafen, glücklich und festlich, in einfacher Kleidung und zum Großteil afrikastämmig, fragte ich mich: Wer sind sie? Woher kommen sie? Und mir schien, als hörte ich eine innere Stimme wie im Buch der Apokalypse, Kapitel 7,14, die zu mir sprach: „Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen“, die Überlebenden des harten Überlebenskampfs, geehrt, weil sie sich tapfer und siegreich allein den harten Kämpfen stellen, um ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu verdienen.

 

In Brasilien gibt es zwischen 800 000 und einer Million Männer und Frauen, die verwertbare Feststoffe recyceln. Der steigende Konsum führt zu vielen verwertbaren Abfällen aller Arten, organisch und fest, wie z. B. Karton, Plastik, Aluminium und Glas. Man schätzt, dass jeder Brasilianer ein Kilogramm Müll pro Tag produziert, vor allem in den städtischen Gebieten. Gemäß dem IBGE (Brasilianisches Institut für Geografie und Statistik) von 2008 besitzen 50 % der Städte (5507) eine offene Müllkippe. Dort kommen tausende von Menschen, Jung und Alt, zusammen und sammeln, was zu sammeln ist, einschließlich Nahrung. Diese Aktivität ist äußerst gefährlich, denn dort kann man sich viele ansteckende und entzündliche Krankheiten zuziehen. Ich habe dort Leute gesehen, die sich in würdeloser Weise um Schweine und Geier stritten. Dies ist das Ergebnis einer Konsum- und Müll-Gesellschaft, die nicht gelernt hat, nach der 4r-Regel zu leben: reduce (reduzieren), reuse (wieder verwenden), repair (reparieren) und recycle (recyceln).

 

Es ist nicht das Unmenschlichste, Müll-Recycler zu sein und von dem leben zu müssen, was andere wegwerfen, sondern es ist das Stigma, das diesen Arbeitern anhaftet, die oftmals als Bettler und Vagabunden verachtet werden.

 

Erst waren sie völlig unsichtbar. Niemand achtete auf sie oder beachtete sie.  Später, als man sich ihrer mehr und mehr bewusst wurde, stellten sie sich selbst als Arbeiter vor, die durch das tonnenweise Sammeln von Müll eine wichtige Funktion ausübten: die Städte sauber zu halten und die Straßen vor dem Überfluten zu bewahren. Schließlich begannen sie, sich in Kooperativen und Vereinen zusammen zu schließen und sich als Bürger und Aktivisten sozialer und ökologischer Transformation zu sehen. Sie gewannen an Sichtbarkeit und an Anerkennung. Vom 4.-6. Juni 2001 führten sie in Brasilia den 1. Nationalkongress von Recyclern und Recyclerinnen durch, an dem 1600 Personen teilnahmen. Von dort wurde der Brief von Brasilia gestartet, in dem sie ihre Identität begründeten und wichtige Rechte durchsetzten.

 

Es fand dann 2006 in Brasilia ein nennenswerter Marsch von 1200 Personen statt, die den Platz der Drei Gewalten besetzten, um nach Rechten und öffentlicher Anerkennung für ihre Arbeit zu verlangen. Diese wurden 2009 mit dem Cataforte Program erreicht, das am 31. Juli 2013 um 200 Millionen Reais aufgestockt wurde, um mit großen Lagerräumen und Lastwagen das Sammeln der Wertstoffe zu unterstützen. Diese Maßnahmen sowie Druck auf staatliche Einrichtungen sind  zu einem großen Teil dem persönlichen Interesse des Ministers des Generalsekretärs der Präsidentin, Gilberto Carvalho, zu verdanken, der sich schon immer für die Recycler einsetzte. Am 30. Oktober 2013, anlässlich des 12. Müll- und Bürgerfestivals in Brasilia, erneuerte er in seinem Namen und im Namen der Präsidentin Dilma Roussef die Zusage, die jetzigen und zukünftigen Kooperativen und Vereinigungen der Recycler zu stärken.

 

Von großer Bedeutung war das 4. Festival, das vom 5.-9. September 2005 in Anwesenheit von Präsident Lula und Danielle Mitterand, der Witwe des verstorbenen französischen Präsidenten, stattfand. Unterstrichen wurde dort die Wichtigkeit der Grundrechte der Recycler und dass sie die notwendigen Mittel bekommen, um in würdiger Weise und in ausreichender Sicherheit den Müll sammeln und sortieren zu können. Das Itaipu Binacional versorgte sie mit einem elektrischen Fahrzeug, das bis zu drei Tonnen Material bis zu 8 Stunden am Tag transportieren kann.

Der große Kampf dieser Arbeiter besteht darin, zu verhindern, dass sich die großen Unternehmen, die das Müllsammeln als ein hoch rentables Geschäft entdeckt haben, sich mit den Vertretern der Staatsmacht zusammenschließen, um sich die Dienste der Recycler anzueignen und ihnen damit ihre Lebensgrundlage zu entziehen und sie so wieder der Unsicherheit preisgeben. Diese Unternehmen könnten sich nur legitimieren, wenn sie die Recycler einbinden, ohne ihnen ihren Wert zu nehmen, der sie als Solidargemeinschaft auszeichnet, als ein dauerhaftes Band, das sie im Lauf der Zeit entwickelten.

 

Ja, sie kommen aus der großen brasilianischen Bedrängnis. Sie recyceln nicht nur Wertstoffe, sondern Menschen, und zwar dergestalt, dass sie gemeinsam ihre Selbständigkeit errichten, ihre Würde zurückgewinnen und sich als „wahre Umweltpropheten“ in der Gesellschaft integrieren und als Bürger, die über ihre Probleme nachdenken und diskutieren, über ihre gemeinsamen Kämpfe entscheiden und sich unentbehrlich machen innerhalb der Art von Gesellschaft, die wir errichtet haben. Sie verdienen Respekt, Anerkennung und unsere volle Unterstützung.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Freundschaft und Liebe bedürfen der Pflege

 

 

Keine zwischenmenschliche Beziehung ist so bereichernd wie die Freundschaft und die Liebe, die wir Menschen erfahren und derer wir uns erfreuen können. Selbst die glühendsten Mystiker vermögen sich mit dem Göttlichen nur über den Weg der Liebe vereinen. Nach den Worten des Hl. Johannes vom Kreuz ist dies die „Erfahrung der Geliebten (Seele), die sich in den Geliebten verwandelt“.

In der Literatur gibt es eine Fülle von Werken über diese zwei Grunderfahrungen. Hier beschränken wir uns auf ein Minimum. Die Freundschaft ist eine Beziehung, die aus einer unbekannten Affinität entsteht, einer völlig unerklärlichen Sympathie, einer liebevollen Nähe, die uns für den anderen ergreift. Zwischen Freunden und Freundinnen entsteht so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Die Freundschaft lebt von der Selbsthingabe, von Vertrauen und Loyalität. Freundschaften sind so tief verwurzelt, dass, wenn Freunde sich nach langer Zeit wieder treffen, ihre Verbindung wieder aufgenommen wird und sie sich sogar an ihr letztes gemeinsames Gespräch erinnern können, das schon lange zurück liegt.

Eine Freundschaft zu pflegen heißt achtsam mit dem Leben des Freundes und mit dessen Freud und Leid umzugehen. Ist er in seiner Verletzlichkeit getroffen und verdeckt seine Betroffenheit ihm den Blick zu seinem Leitstern, so findet er bei uns eine Schulter zum Anlehnen. In leidvollen Situationen, in Existenz-, Berufs- und Beziehungskrisen stellt sich heraus, wer unsere wahren Freunde und Freundinnen sind. Sie sind wie der starke Wehrturm der schwachen Burg unseres Pilgerlebens.

 

Die intensivste Beziehung erleben wir in der Liebe. Sie lässt uns die glücklichsten Momente erfahren sowie die schmerzlichsten Frustrationen. Nichts ist mysteriöser als die Liebe. Sie lebt vom Zusammentreffen zweier Personen, deren Wege sich eines Tages kreuzen, die sich im Blick und in der Gegenwart des anderen wiederfinden, da ein Gefühl der Verliebtheit und des zueinander hingezogen Seins entsteht sowie das Verlangen nach Nähe, bis hin zu dem Wunsch, das ganze Leben miteinander zu teilen, als auch das Schicksal, die schönen und weniger schönen Seiten, die das Leben uns bietet. Nichts ist vergleichbar mit dem Glück, zu lieben und geliebt zu werden. Und nichts ist zerstörerischer, den Worten des Poeten Ferreira Gullar zufolge, als demjenigen, den man liebt, seine Liebe nicht schenken zu können.

All diese Werte, die zu den kostbarsten zählen, sind auch die zerbrechlichsten, denn sie sind den Widersprüchlichkeiten der menschlichen Existenz am stärksten ausgesetzt.

 

Wir alle tragen in uns Licht und Schatten, bringen unterschiedliche persönliche und familiäre Geschichten mit, einschließlich der ihnen zugrunde liegenden archetypischen Wurzeln unserer Vorfahren, die gezeichnet sind von den guten und tragischen Ereignissen, welche ihre Spuren im genetischen Gedächtnis eines jeden hinterlassen haben.

Die Liebe ist eine subtile Kunst, die all diese Faktoren miteinander verbindet. Sie erfordert die Fähigkeiten des Verstehens, des Verzichts, der Geduld und des Verzeihens, und gleichzeitig schenkt sie die gemeinsame Freude an der Liebe, sexuelle Intimität, gegenseitige Hingabe. Die Erfahrung der Liebe ist die Grundlage, um die Wesensart Gottes zu erkennen. Er ist wesentliche und bedingungslose Liebe.

Doch die Liebe allein reicht nicht aus. Aus diesem Grund zählt der Hl. Paulus in seinem Hohelied der Liebe die Attribute auf, ohne die die Liebe nicht andauern und ausstrahlen kann. „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht  zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach (…) Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf“ (1 Kor 13,4-7). Auf diese Begleiter der Liebe zu achten, liefert den nötigen Humus, damit die Liebe immer lebendig bleibt und nicht aus Gleichgültigkeit stirbt. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

Je größer die Fähigkeit zur Selbstaufgabe, umso größer und stärker ist die Liebe. Diese Form steht für einen außerordentlichen Mut und gleicht einer Todeserfahrung für denjenigen, der nichts für sich zurückbehält und ganz im anderen aufgeht. Für einen Mann ist diese extreme Haltung ganz besonders schwierig, was möglicherweise im Erbe des Sexismus begründet ist sowie im Patriarchat und im Rationalismus der Jahrhunderte, die er in sich trägt und der seine Fähigkeit zu einem solch extremen Vertrauen einschränkt.

Die Frau ist radikaler: Sie ist in der Lage, sich in der Liebe rückhaltlos und ohne Einschränkung bis zum Äußersten hinzugeben. Daher ist ihre Liebe vollständig und verwirklicht, und wenn diese frustriert wird, zeigt sich das Leben von seiner tragischen Seite und macht seine tiefen Abgründe sichtbar.

Das größte Geheimnis, wie die Liebe zu pflegen ist, besteht in der Pflege der einfachen Zärtlichkeit. Die Zärtlichkeit lebt von der Freundlichkeit, den kleinen Gesten der Zuneigung, den greifbaren Sakramenten, wie z. B. eine Muschel am Strand aufzuheben und sie dem geliebten Menschen zu bringen und ihm zu sagen, dass man in diesem Moment voll Zärtlichkeit an ihn gedacht hat.

Diese Banalitäten wiegen mehr als die wertvollsten Edelsteine. So wie ein Stern nicht ohne die ihn umgebende Atmosphäre leuchten kann, so kann auch die Liebe nicht ohne die Aura der Zärtlichkeit, der Zuneigung und der Achtsamkeit leben.

Liebe und Achtsamkeit sind ein unzertrennliches Paar. Kommt es zwischen ihnen zur Trennung, stirbt die eine oder andere an Einsamkeit. Liebe und Achtsamkeit sind eine Kunst. Wir geben Acht auf das, was uns wichtig ist. Und wir lieben, worauf wir Acht geben.

Alles was lebt, muss ernährt und gehalten werden. Das Gleiche gilt für die Liebe und die Achtsamkeit. Sie nähren sich von der liebenden gegenseitigen Unterstützung. Der Schmerz und die Freude des einen sind Schmerz und Freude des anderen.

Um die zerbrechliche Eigenschaft der Liebe zu bestärken, brauchen wir jemanden, der größer, zärtlicher und liebevoller ist, auf den wir immer zählen können. Daher ist es wichtig, dass sich die Liebenden Zeit nehmen für die Öffnung hin zu und der Kommunion mit diesem Größeren, dessen Natur die Liebe ist. Diese Liebe bewegt, laut Dante Alighieris Göttlicher Komödie „den Himmel und die Sterne“, und wir fügen hinzu: sie bewegt unsere Herzen.

 

 Siehe auch: Leonardo Boff, „Achtsamkeit: Von der Notwendigkeit, unsere Haltung zu ändern“, Claudius Verlag, München 2013

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Die Welt, in der wir leben, führt zum Ökozid

 

Am 27 September trafen sich Hunderte von Wissenschaftlern in Stockholm zum Weltklimarat (IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change), um das Ausmaß der globalen Erwärmung abzuschätzen. Sie veröffentlichten folgende beunruhigende Ergebnisse: „Die Konzentration von Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und von Distickstoffmonoxid (N2O ), die Hauptverursacher der globalen Erwärmung, überschreiten inzwischen erheblich die bisherigen Höchstmesswerte, die in den Eisbohrkernen aus den vergangenen 800 000 Jahren gewonnen wurden.“ Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % hat der Mensch zu dieser Erwärmung beigetragen. Zwischen 1951 und 2010 stieg die Temperatur um 0,5°C bis 1,3°C an, an manchen Orten sogar um 2°C. Die Vorhersagen für Brasilien sind nicht ermutigend: ab 2050 wird es dort das ganze Jahr über Sommer sein.

 

Diese Temperatur könnte für zahlreiche Ökosysteme sowie für Kinder und alte Menschen schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Wissenschaftler des Weltklimarats hielten ein leidenschaftliches Plädoyer für sofortige weltweite Veränderungen im Bereich der Produktion und des Konsums, sodass dieser Prozess gestoppt und seine negativen Auswirkungen reduziert werden können. Einer der Koordinatoren des Abschlussberichts, der Schweizer Thomas Stocker, sagte dazu: „Die wichtigste Frage lautet nicht, wo wir heute stehen, sondern wo wir in 10, 15 oder 30 Jahren sein werden. Und dies hängt davon ab, was wir heute tun.“

 

Offensichtlich wurde sehr wenig oder nichts in einer ausgleichenden und globalen Weise unternommen. Die wirtschaftlichen Interessen zur unbegrenzten Anhäufung, die zur Erschöpfung der natürlichen Güter und Dienstleistungen führen und ihnen Schaden zufügen, haben Vorrang vor der Sorge über die Zukunft des Lebens und das Wohl der Erde.

 

Liest man die 31 Seiten lange Zusammenfassung, gelangt man zur Einschätzung, dass wir in einer Welt leben, die systematisch die Fähigkeit unseres Planeten, das Leben aufrecht zu erhalten, zerstört. Die Art unserer Beziehung zur Natur und zur Erde als Ganzer führt zum Tod der Umwelt und des Planeten. Verfolgen wir weiterhin diese Richtung, so wird es sicher zu einer ökologischen und sozialen Tragödie kommen.

 

Zahlreiche Gruppen, Bewegungen und ihre Mitglieder haben es sich zum Ziel gesetzt, neue Lebensweisen zu entdecken, sodass das Leben in seiner großen Vielfalt erhalten werden kann und dass wir in Harmonie mit der Erde leben können sowie mit der ganzen Lebensgemeinschaft und dem Kosmos.

 

In über 10jähriger intensiver Forschungsarbeit haben der Pädagoge und Experte in moderner Kosmologie, der Kanadier Mark Hathaway, und ich eine vertiefte Reflexion angestellt, die Beiträge von Ost und West beinhaltet, um zu skizzieren, wie eine mögliche Richtung für uns alle aussehen könnte. Der Titel des Buchs lautet: „Das Tao der Befreiung: Erforschung der Ökologie der Transformation“ (The Tao of Liberation: Exploring the Ecology of Transformation, 2009 Orbis Books). Fritjof Capra hat dazu ein schönes Vorwort verfasst, und die englische Ausgabe des Buchs wurde von der nordamerikanischen wissenschaftlichen Community  wohlwollend aufgenommen. Daher hat das Institut Nautilus uns im Jahr 2010 die Goldmedaille für Wissenschaft und Kosmologie verliehen.

 

Unsere Forschungsarbeit setzte bei folgender Beobachtung an: Es gibt eine akute Pathologie, die dem zurzeit vorherrschenden System inhärent ist, welches die Welt ausbeutet: die Armut, die soziale Ungleichheit, die Verarmung der Erde und das starke Ungleichgewicht des Lebenssystems. Dieselben Kräfte und Ideologien, die die Armen ausbeuten und ausschließen, sind auch für das Ensemble der Lebensgemeinschaft erdrückend und untergraben die ökologische Grundlage, die den Planeten stützt.

 

Um dieser tragischen Situation zu entrinnen, sind wir aufgerufen, uns auf sehr realistische Art und Weise als Spezies neu zu erfinden. Dazu brauchen wir die Weisheit, die uns zu einer tiefen persönlichen Befreiung/Transformation leitet, um nicht mehr Herren über die Dinge, sondern um Brüder und Schwestern der Dinge zu werden. Diese Transformation impliziert ebenfalls eine kollektive Befreiung/Neuerfindung mittels einer anderen ökologischen Sichtweise. Diese kann uns überzeugen, den Rhythmus der Natur zu respektieren und ihm gemäß zu leben. Wir müssen wissen, was wir für unser gemeinsames Überleben von der Natur benötigen und von ihr lernen, denn sie ist auf systemische Art und Weise in Netzen von Beziehungen in Wechselwirkung strukturiert, die die Kooperation und die Solidarität aller mit allen aufrecht erhalten und dem Leben in all seinen Formen, insbesondere dem menschlichen Leben, Nachhaltigkeit verleihen. Ohne diese Kooperation/Solidarität mit der Natur und untereinander werden wir keinen geeigneten Ausweg finden.

 

Ohne eine spirituelle Revolution (die nicht notwendigerweise eine religiöse sein muss), die einen anderen Geist impliziert (eine neue Sichtweise) und ein neues Herz (neue Sensibilität) wird unsere Suche nach rein wissenschaftlichen und technischen Lösungen vergeblich sein. Diese sind unabdingbar, müssen aber in einen anderen Rahmen von Prinzipien und Werten integriert werden, welche die Grundlage eines neuen Zivilisationsparadigma sind.

 

All dies findet sich in den potentiellen Möglichkeiten des kosmogenischen Prozesses sowie in den Möglichkeiten, die den Menschen zur Verfügung stehen. Es ist wichtig, an diese Realitäten zu glauben. Ohne den Glauben und die menschliche Hoffnung wird es uns nicht gelingen, eine Rettungsarche für alle zu bauen.

 

siehe auch: Leonardo Boff/Mark Hathaway „The Tao of Liberation, Exploring the Ecology of Transformation“, 2009 Orbis Books

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack