Die Bedeutung Mandelas für die bedrohte Zukunft der Menschheit

 Mit seinem Tod wurde Nelson Mandela im kollektiven Unterbewussten der Menschheit eingebunden, sodass er niemals daraus verschwinden wird, denn er wurde zu einem universellen Archetypen, jener einer zu Unrecht verurteilten Person, die nicht nachtragend war und zu vergeben wusste und gegensätzliche Standpunkte miteinander zu versöhnen wusste und der uns eine unsterbliche Hoffnung gab, dass es immer noch einen Ausweg für die Conditio Humanae gibt. Nachdem er 27 Jahre in Haft verbracht hatte und im Jahr 1994 zum Präsidenten Südafrikas gewählt wurde, nahm er die große Herausforderung an, und es gelang ihm, die Gesellschaft seines Landes, die damals unter der enormen Ungerechtigkeit litt, die mit der Struktur der Apartheid einherging, welche die große schwarze Mehrheit seines Landes entmenschlichte und zur Un-Person verdammte, in eine einheitliche Gesellschaft zu verwandeln, frei von Diskriminierung, demokratisch und frei.

Dies gelang ihm durch die Wahl des Weges der Tugend, Vergebung und Versöhnung. Vergeben heißt nicht vergessen. Die Wunden sind noch da, manche von ihnen eitern noch immer. Vergeben heißt, das letzte Wort nicht der Verbitterung und der Rachsucht zu lassen oder diesen zu erlauben, den weiteren Lauf des Lebens zu bestimmen. Vergeben heißt, die Menschen von der Kette der Vergangenheit zu befreien, das Blatt zu wenden, auf dem zwischen Schwarz und Weiß unterschieden wird, und auf einem anderen Blatt weiter zu schreiben. Versöhnung ist nur möglich und verwirklicht, wenn die Täter ihre Verbrechen zugeben und die Opfer über deren Taten völlig in Kenntnis gesetzt werden. Die Bestrafung der Kriminellen ist die moralische Verurteilung der ganzen Gesellschaft.

 

Einer seiner Lösungswege, ein sehr origineller übrigens, schlägt ein Konzept vor, das unserer individualistischen Kultur fremd ist: Ubuntu. Es bedeutet: „Ich kann nur durch dich und mit dir ich selbst sein.“ Das heißt, ohne ein dauerhaftes Band, das alle mit allen verbindet, wird eine Gesellschaft, wie es in unserer der Fall ist, Gefahr laufen, in einem endlosen Konflikt zu zerreißen.

 

In allen Schulbüchern auf der ganzen Erde sollte diese humanistische Aussage Mandelas stehen: „Ich kämpfte gegen die Dominanz durch die Weißen und kämpfte gegen die Dominanz durch die Schwarzen. Ich kultivierte das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft, in der alle Menschen in Harmonie miteinander leben können und gleiche Möglichkeiten haben. Dies ist mein Ideal, und ich hoffe, ich lebe lange genug, um dies zu erleben. Sollte es jedoch nötig sein, wäre ich auch bereit, für dieses Ideal zu sterben.

 

Warum schuf Mandelas Lebensgeschichte die Hoffnung für die Zukunft der Menschheit und unserer Zivilisation? Deswegen, weil wir den Kreuzungspunkt von Krisen erreicht haben, der unsere Zukunft als menschliche Spezies gefährden könnte. Wir befinden uns mitten in der sechsten großen Massenvernichtung. Kosmologen (Brian Swimme) und Biologen (Edward Wilson) warnen uns, dass dieser zerstörerische Vorgang im Jahr 2030 kulminieren könnte, wenn alles so weitergeht wie bisher. Dies bedeutet, dass der Glaube, wirtschaftliches Wachstum würde uns soziale, kulturelle und spirituelle Entwicklung bringen, eine Illusion ist. Wir befinden uns in Zeiten von hoffnungsloser Barbarei.

Ich möchte jemanden zitieren, der jeglichen Verdachts erhaben ist: Samuel P. Huntington, der ehemalige Pentagon Berater und scharfe Analyst des Globalisierungsprozesses, der am Ende seines Buches „Kampf der Kulturen“ (Clash of Civilizations) sagt: „Recht und Gesetz sind die wichtigsten Voraussetzungen der Gesellschaft; in großen Teilen der Welt scheinen diese sich zu verflüchtigen; auf einem Weltniveau scheint die Zivilisation in vielen Aspekten der Barbarei den Weg freizugeben, das Gespenst eines bisher nie dagewesenen Phänomens zu schaffen, ein weltweites dunkles Zeitalter, das über die Menschheit fällt“.

 

Ich möchte die Meinung des bekannten Philosophen und Politikwissenschaftlers Norberto Bobbio hinzufügen, der wie Mandela an Menschenrechte und Demokratie als Mittel zur Problemlösung von zwischenstaatlicher Gewalt und als Weg zu einer friedlichen Koexistenz glaubte. In seinem letzten Interview erklärte er: „Ich vermag nicht zu sagen, wie das dritte Jahrtausend sein wird. Meine Gewissheiten versagen, und durch meinen Kopf schwirrt nur ein enormes Fragezeichen: Wird es das Jahrtausend der Vernichtungskriege sein oder das der Eintracht zwischen den Menschen? Auf diese Frage weiß ich keine Antwort.“

 

Angesichts dieser düsteren Aussichten würde Mandela sicher, basierend auf seiner politischen Erfahrung, antworten: Ja, es ist möglich für die Menschen, sich miteinander zu versöhnen, der Sapiens-Dimension den Vorrang vor der Demens-Dimension zu geben und eine neue Art des Miteinander im gemeinsamen Haus einzuführen. Vielleicht ist etwas Wahres an den Worten seines guten Freundes, Erzbischof Desmond Tutu, der den Wahrheits- und Versöhnung-Prozess koordinierte: „Nachdem wir mit dem Dämon der Vergangenheit konfrontiert wurden und ihm ins Auge blickten, um Vergebung baten und sie erhielten, lasst uns nun das Blatt wenden: die Vergangenheit nicht vergessen, aber nicht zulassen, dass sie uns für immer bedrückt. Lasst uns der glorreichen Zukunft einer Gesellschaft entgegengehen, in der die Menschen nicht für unwesentliche biologische Gründe oder andere merkwürdige Eigenschaften wertgeschätzt werden, sondern dafür, dass sie Personen von unendlichem Wert sind, die nach dem Bilde Gottes geschaffen wurden.“

 

Nelson Mandela hinterlässt uns diese Lektion der Hoffnung: Wir können leben, wenn wir Ubuntu ohne Diskriminierung verwirklichen.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Die längste Reise führt ins eigene Herz

 

Der große Kenner der Feinheiten der menschlichen Psyche, C. G. Jung, beobachtete: Die Reise ins eigene Innere, zum Herzen, ist möglicherweise gefährlicher als die weite Reise zum Mond.  Im Inneren des Menschen finden sich Engel und Dämonen, sowohl Neigungen, die zum Irrsinn und zum Tod führen können, als auch Energien, die uns zur Extase und zum Gemeinschaftsgefühl mit allen bringen können. 

 

Unter den Forschern über die Conditio Humanae besteht eine bisher unbeantwortete Frage: Was ist die Grundstruktur des menschlichen Wesens? Darüber gibt es zahlreiche verschiedene Schulen, doch hier ist nicht der Ort, sie aufzuzählen.

 

Um direkt auf den Punkt zu kommen, sage ich gleich, es handelt sich nicht um die Vernunft, wie  so oft behauptet wird. Diese zeigt sich nicht als erstes. Sie führt uns zu primitiveren Dimensionen unserer menschlichen Wirklichkeit, von denen sie sich nährt und die sich in all ihren Äußerungen manifestieren. Die reine Vernunft Kants ist eine Illusion. Die Vernunft ist stets in den Gefühlen verwurzelt, der Passion und den Eigeninteressen. Wissen ist immer auch zweckgebundene und affektive Gemeinschaft mit dem Objekt des Wissens.

 

Mehr noch als die Ideen und Visionen der Welt animieren und motivieren uns die Leidenschaften, die starken Gefühle, die emotionalen Erfahrungen. Wir stehen auf, gehen den Gefahren entgegen, begeben uns selbst in Lebensgefahr.

 

Die wichtigste scheint die sensible und emotive Intelligenz des Herzens zu sein. Ihre biologischen Grundlagen gehören zu den ältesten, die verbunden sind mit dem ersten Auftauchen des Lebens vor 3,8 Milliarden Jahren, als die ersten Bakterien auf der Szene der Evolution erschienen und begannen, sich chemisch mit ihrer Umgebung zu verbinden, um zu überleben. Dieser Prozess vertiefte sich ab dem Zeitpunkt, als das limbische Gehirn der Säugetiere entstand, das für die Achtsamkeit, Zärtlichkeit, Affektion und Liebe zu den Kindern zuständig ist und vor Millionen von Jahren inmitten dieser neuen Spezies von Tieren entwickelt wurde, zu der auch wir Menschen gehören. In ihr kamen wir zum Niveau eines Selbstbewusstseins und der Intelligenz, und wir sind alle mit dieser wesentlichen Tradition verbunden.

 

Der abendländische logozentrische Anthropozentrismus verdächtigte die Affektion, der Objektivität des Wissens im Wege zu stehen. Mit dem Rationalismus kam es zum Exzess, der in einigen Bereichen der Kultur zu einer Art Lobotomie führte, d. h. zu einer völligen Gleichgültigkeit dem menschlichen Leiden, den anderen Lebewesen und der Erde selbst gegenüber.  Angesichts der afrikanischen Immigranten auf Lampedusa kritisierte Papst Franziskus den Mangel an Sensibilität der globalisierten Welt, die nicht in der Lage ist, Mitgefühl zu empfinden und zu weinen.

 

Es lässt sich jedoch behaupten, dass mit der europäischen Romantik (mit Herder, Goethe u. a.) begonnen wurde, die sensible Intelligenz wiederherzustellen. Die Romantik ist mehr als eine literarische Schule, sie ist ein Gefühl der Welt, unseres Verhältnisses mit der Natur und der Integration der Menschen in der großen Lebenskette (Löwy und Sayre, Rebellion und Melancholie, Vozes, S. 28-50)

 

Heute stehen die Affektion, das Gefühl und das Mitgefühl (Pathos) im Mittelpunkt. Dies ist heutzutage ein Muss, denn mit der Vernunft (Logos) allein können wir den schweren Krisen, die das Leben, die Menschheit und die Erde bestehen müssen, nicht begegnen. Die intellektuelle Vernunft muss die emotive Intelligenz integrieren, ohne die wir keine ganzheitliche soziale Realität mit menschlichem Antlitz schaffen können. Man kann nicht ins Innere des Herzens vordringen, ohne über den Weg der Affektion und der Liebe zu gehen.

 

 Unter vielen anderen wichtigen Vorgaben lässt sich hingegen eine durch ihre Wichtigkeit und ihre große Tradition, derer sie sich erfreut, hervorheben: die Struktur des Verlangens, die die menschliche Psyche prägt. Beginnend bei Aristoteles, über den Heiligen Augustus, durch das Mittelalter mit dem Hl. Bonaventura (er nennt den Hl. Franziskus einen vir desideriorum, einen Mann des Verlangens), über Schleiermacher, Max Scheler in der modernen Zeit und kulminierend mit Sigmund Freud, Ernst Bloch und René Girard in den neueren Zeiten, alle bestätigen die Verankerung der Struktur des Verlangens im Mittelpunkt.

 

Das Verlangen ist kein beliebiger Antrieb. Es ist ein Motor, der dynamisiert und das ganze psychische Leben in Bewegung bringt. Es funktioniert wie ein Prinzip, das der Philosoph Ernst Bloch so treffend als das Prinzip Hoffnung bezeichnet hat. Von Natur aus ist das Verlangen grenzenlos und verleiht dem menschlichen Projekt Unbegrenztheit.

 

Das Verlangen kann eine dramatische Wendung erfahren, manchmal auch der Existenz Tragik verleihen. Lässt es sich jedoch befriedigen, verleiht es ein Glücksgefühl ohnegleichen. Andererseits jedoch führt es zur schweren Desillusionierung, wenn der Mensch eine begrenzte Realität für ein unbegrenztes Objekt des Verlangens hält. Dies kann eine geliebte Person sein, ein schon immer angestrebter Beruf, ein Besitz, eine Weltreise oder ein neues Marken-Handy. 

 

Schon nach kurzer Zeit scheinen diese angestrebten Ziele illusorisch, wodurch die innere Leere anwächst, so groß wird wie Gott. Wie kann man aus dieser Sackgasse entweichen, wenn man die Grenzenlosigkeit des Verlangens gleichsetzt mit der Endlichkeit aller Realität? Von einem Objekt zum anderen irren, ohne jemals zur Ruhe zu finden? Der Mensch muss sich ernsthaft fragen: Welches ist das wahre Objekt seines Verlangens? Ich wage zu behaupten: Es ist das SEIN, nicht nur irgendein Sein, das Ganze und nicht der Teil, die Grenzenlosigkeit und nicht die Endlichkeit. 

 

Viele behaupten, sich auf Pilgerschaft zu begeben bedeutet, die Erfahrung des unruhigen Herzens (cor inquietum) des Heiligen Augustinus zu machen, des unermüdlichen Mannes des Verlangens und des unermüdlichen Pilgers zum Unendlichen. In seiner Autobiographie „Bekenntnisse“ beschreibt er mit bewegenden Gefühlen:

 

Erst spät liebte ich dich, oh Schönheit, die du so alt und so neu bist, sehr spät liebte ich dich. Du berührtest mich und ich ließ mich für deinen Frieden anstecken. Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir (Buch X, Nr. 27).

 

Wir beschreiben hier den Parcours des Verlangens, der sein obskures, immer ersehntes Objekt sucht und findet, im Schlaf und im Wachen. Nur die Unendlichkeit kann dem unendlichen Verlangen des menschlichen Wesens antworten. Erst dann endet seine Reise zum Herzen und beginnt der Sabbat, der Ruhetag des Menschen und Gottes.

 

Siehe auch: Leonardo Boff,  Gott erfahren. Die Transparenz aller Dinge, Patmos 2004.

ubeersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Werden wir Menschen zum Krebsgeschwür, dessen sich die Erde entledigen wird?

 

 

Es gibt Negationisten, die die Shoah (Völkermord an Millionen von Juden in den Konzentrationslagern der Nazis) leugnen, und es gibt Negationisten des Klimawandels der Erde. Erstere werden von der ganzen Menschheit geächtet. Letztere, die bis vor kurzem noch zynisch lächelten, erfahren nun von Tag zu Tag, dass ihre Überzeugungen von den unbestreitbaren Fakten widerlegt werden. Sie werden nur aufrechterhalten, indem man Wissenschaftler davon abhält, die ganze Wahrheit aufzudecken, wie durch verschiedene ernsthafte alternative Nachrichtenquellen bekannt wurde. Der Grund dafür liegt in dem wahnsinnigen Bestreben, Reichtümer anzuhäufen, ohne irgendwelche Rücksichten zu nehmen. 

 

In letzter Zeit traten extreme Naturereignisse auf, die schwerste Konsequenzen hatten: Katrina und Sandy in den Vereinigten Staaten, furchtbare Taifune in Pakistan und Bangladesh, der Tsunamie in Südost-Asien und der Taifun in Japan, der das Kernkraftwerk von Fukushima auf bedrohliche Weise beschädigte und zuletzt der zerstörerische Taifun Haiyan auf den Philippinen, der Tausende von Opfern kostete.

 

Wir wissen heute, dass die Temperatur des tropischen Pazifiks, wo die großen Taifune entstehen, im allgemeinen unter 19,2°C liegt. Das Meerwasser hat sich erwärmt und erreichte bis 1976 eine Temperatur um 25°C, bis 1997/1998 erreichte es die 30°C-Marke. Dadurch entsteht eine starke Verdunstung. Extreme Naturereignisse entstehen ab einer Wassertemperatur von 26°C. Mit der globalen Erwärmung wird die Frequenz der Taifune erhöht sowie deren Geschwindigkeit. Erreichten diese Winde im Jahr 1951 noch eine Geschwindigkeit von 240 km/h, so waren sie in den Jahren 1960-1980 bereits bei 275 km/h, 2006 wurden Spitzenwerte von 306 km/h gemessen, und 2013 erreichte der Taifun die verheerende Geschwindigkeit von 380 km/h.

 

In den letzten Monaten wurden von Organen der Vereinten Nationen vier offizielle Berichte veröffentlicht, die vehemente Warnungen aussprachen, dass die Erhöhung der Erderwärmung ernste Konsequenzen nach sich ziehen würde. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 % liegt der Grund hierfür im unverantwortlichen Handeln der Menschen und der industrialisierten Länder.

Dies wurde im September von der  Expertenguppe des Weltklimarats (IPCC, zwischenstaatlicher Ausschuss über Klimaveränderung, bestehend aus ca. Tausend Wissenschaftlern) bestätigt, ebenso durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und den internationalen Bericht über den Bericht der Meere, der die Erhöhung der Säure anprangert, wodurch weniger CO2 absorbiert werden kann, und schließlich durch die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) am 13. November in Genf. Alle sind sich einig darüber, dass die Klimaerwärmung nicht auf uns zukommt, sondern dass wir uns bereits mitten darin befinden. Während die CO2-Rate zu Beginn der industriellen Revolution noch bei 280 ppm (millionstel Teile) lag, erhöhte sie sich bis zum Jahr 1990 auf 350 ppm und erreicht heute bereits 450 ppm. Dieses Jahr wurde bereits von einigen Teilen der Erde ein Temperaturanstieg von 2°C gemessen, was zu irreversiblen Schäden für die Lebewesen führen kann.

 

Vor einigen Wochen brach die Generalsekretärin des Sekretariats der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), Christina Figueres, mitten in der Pressekonferenz in Tränen aus, da die Länder fast nichts unternehmen, um gegen die Klimaerwärmung vorzugehen. Auf der 19. Konvention über den Klimawandel in der UNO weinte auch Yeb Sano aus den Philippinen um seine Familie, als er vor den Repräsentanten der 190 Nationen über den Horror des Taifuns berichtete, der sein Land verwüstete. Die meisten konnten ihre Tränen nicht zurückhalten, doch bei vielen waren dies nur Krokodilstränen. Die Repräsentanten hielten in ihren Aktenmappen bereits die Anweisungen, die im Vorfeld durch ihre Regierungen und die Global Player beschlossen worden waren und die einen Konsens auf vielerlei Weise unmöglich machen. Dann gibt es noch die Machthaber, Besitzer von Kohlenminen, Aktionäre von Erdöl oder der Eisen- und Stahlindustrie, Automobil-Hersteller u. a. Alle wollen, dass alles so weitergeht wie bisher. Das ist das Schlimmste überhaupt, denn der Weg zum Abgrund hin wird so direkt genommen und ist fatal. Angesichts des Nichtzustandekommens eines Konsenses unter den Völkervertretern, die die wissenschaftlichen Daten nicht ernst nehmen, ist es verständlich, dass Hunderte der bei der 19. Klimakonferenz der UNO in Warschau anwesenden Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen die Diskussionen aus Protest verließen.

Warum nur gibt es diesen irrationale Widerstand gegenüber den notwendigen Veränderungen, die uns alle retten könnten?

 

Um dies zu beantworten, kommen wir direkt auf die zentrale Frage zu sprechen: Dieses ökologische Chaos ist das Resultat unserer Produktionsweise, die die Natur verwüstet und eine grenzenlose Konsumhaltung nährt. Entweder wir ändern unser Paradigma des Verhältnisses zur Erde und zu den Naturgütern und -dienstleistungen, oder wir gehen geradewegs dem Untergang entgegen. Das aktuelle Paradigma wird von dieser Logik regiert: Wie kann ich die bestmögliche Investition in der kürzest möglichen Zeit machen mit  technologischen Innovationen und einer größeren Konkurrenzfähigkeit?  Die Produktion soll schlicht und einfach dem Konsum dienen, der weitere Anhäufung hervorbringt, worin sein Hauptziel besteht. Die Zerstörung der Natur und die Verarmung der Ökosysteme sind nur Randerscheinungen (die nicht in der Buchführung der Unternehmen auftauchen). Da die neoliberale Wirtschaft strikt von der Konkurrenz bestimmt wird, wo Kooperation keine Rolle spielt, ist ein Krieg der Märkte entstanden, bei dem jeder gegen jeden antritt. Die Rechnung dafür haben die Menschen zu zahlen (soziale Ungerechtigkeit) und die Natur (ökologische Ungerechtigkeit).

 

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Erde diesen offenen Krieg gegen sie nicht mehr aushält. Sie braucht anderthalb Jahre, um das wiederherzustellen, was wir innerhalb eines Jahres ernten. Die Klimaerwärmung ist das Fieber, das uns anzeigt, dass die Erde krank ist, schwer krank.

Entweder fangen wir an, uns als ein Teil der Natur zu sehen und diese als uns selbst zu respektieren, lassen das Paradigma der Eroberer und Beherrscher fallen zugunsten des Paradigmas der Achtsamkeit für das Leben und den Respekt der Natur und produzieren so, dass die natürlichen Grenzen und Rhythmen jedes Ökosystems respektiert werden oder wie bereiten uns auf die bittere Lektion vor, die Mutter Erde uns erteilen wird. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie uns nicht mehr er-tragen und sich unserer entledigen möchte, so wie wir uns eines Krebsgeschwürs entledigen. Sie wird weiter leben, bedeckt mit unseren Leichen, doch ohne uns. Möge Gott dies verhindern.

 

Siehe auch: Leonardo Boff, „Zukunft für Mutter Erde: Warum wir als Krone der Schöpfung abdanken müssen“, Claudius Verlag, München 2012

übersezt von Bettna Gokd-Hartnacj

 

 

 

Theologie von Frauen und aus der Perspektive von Frauen

 

 

 

Papst Franziskus sagte, wir bräuchten eine profundere Theologie von Frauen und ihrer Mission in Welt und Kirche. Das stimmt zwar, aber es kann ihm nicht entgangen sein, dass bereits eine große Bandbreite an feministischer Theologie höchster Qualität existiert, die von Frauen und aus der Perspektive von Frauen geschaffen wurde und die unsere Erfahrungen von Gott erheblich bereichert hat. Ich habe mich selbst diesem Thema intensiv gewidmet und schließlich zwei Bücher darüber geschrieben: Das mütterliche Antlitz Gottes (1989) und Femenino-Masculino (Weiblich-Männlich), 2010, Letzteres in Zusammenarbeit mit der Feministin Rosemarie Muraro. Unter so vielen zeitgenössischen Theologinnen beschloss ich, zwei große Theologinnen der Geschichte hervorzuheben, die wirklich einiges bewegt haben: die Heilige Hildegard von Bingen (1098-1179) und die Heilige Juliana von Norwich (1342-1416).

Hildegard von Bingen, die vielleicht erste Feministin innerhalb der Kirche, war eine außerordentliche und geniale Frau, und dies nicht nur für ihre Zeit, sondern für alle Zeiten. Sie war eine Benediktinerin und Äbtissin ihres Klosters Rupertsberg in Bingen am Rhein, eine Prophetin (profetessa germanica), Mystikerin, Theologin, leidenschaftliche Predigerin, Komponistin, Poetin, Naturkennerin, Heilkundige, Dramatikerin und deutsche Schriftstellerin.

Für ihre Biographen und für Gelehrte ist es ein Rätsel, wie diese Frau all dies in der engstirnigen und chauvinistischen mittelalterlichen Welt vollbringen konnte. In allen Gebieten, die sie betrat, brillierte sie mit Exzellenz und enormer Kreativität. Sie schrieb zahlreiche Bücher über Mystik, Poesie, Naturwissenschaften und Musik. Ihr wichtigstes Werk, das sogar noch heute gelesen wird, ist Scivias Domini (Wisse die Wege des Herrn).

Hildegard war vor allem eine Frau, die mit göttlichen Visionen begabt war. In den autobiografischen Texten schreibt sie: „Als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom offenen Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchströmte mir Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte, sondern wärmte, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen legt. Nun erschloss sich mir plötzlich der Sinn der Schriften, des Psalters, des Evangeliums und der übrigen katholischen Bücher des Alten und Neuen Testamentes.“  (Auf der Wikipedia-Seite über Hildegard von Bingen finden sich eine exzellente Beschreibung sowie eine Bibliographie)

Es ist erstaunlich, dass sie über solche Kenntnisse über Kosmologie, Heilpflanzen, Anatomie und über die Geschichte der Menschheit hatte.  Die Theologie spricht von der „eingegossenen Wissenschaft“ als eine Gabe des Heiligen Geistes. Hildegard zeichnete sich durch diese Gabe aus.

Sie entwickelte eine interessante holistische Vision, wobei sie stets den Menschen mit der Natur und dem Kosmos verband. In diesem Kontext spricht sie vom Heiligen Geist als der Energie, die allen Dingen „viriditas“ verleiht. Viriditas kommt von „verde“, grün. Es bedeutet das Grün und die Frische, die alle vom Heiligen Geist durchdrungenen Dinge charakterisieren. Manchmal spricht sie von der „unermesslichen Süße des Heiligen Geistes, der in Seiner Gnade alle Geschöpfe umarmt“. (Flanagan, Hildegard von Bingen, 1998, S. 53). Hildegard entwickelte ein vermenschlichtes Gottesbild, da Er das Weltall „mit Macht und Milde“ regiert und alle Wesen mit Seiner fürsorglichen Hand und Seinem liebenden Blick begleitet (siehe N. Fierro,  Hildegarda of Bingen and her vision of the Feminine, 1994, 187).

Hildegard war vor allem bekannt für die von ihr entwickelten Heilmethoden, die noch immer in Österreich und Deutschland bei einigen Ärzten Anwendung finden. Sie zeigte eine erstaunliche Kenntnis des menschlichen Körpers und dafür, welche Wirkstoffe der Heilkräuter für die diversen Krankheiten geeignet sind. Im Jahr 2012 schrieb Papst Benedikt XVI sie ins Verzeichnis der Heiligen ein.

Eine andere berühmte Frau war Juliana von Norwich, England (1342-1415). Über ihr Leben ist wenig bekannt, wie z. B. ob sie eine Nonne oder eine weltliche Witwe war. Gewiss ist, dass Juliana in einem von Mauern umgebenen Gelände der Kirche von St. Julian eingeschlossen lebte. Im Alter von 30 Jahren wurde sie von einer schweren Krankheit erfasst, an der sie beinahe gestorben wäre. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte sie Visionen von Jesus Christus, die fünf Stunden lang währten. Gleich darauf schrieb sie eine Zusammenfassung dieser Visionen. Zwanzig Jahre später, nachdem sie viel über die Bedeutung dieser Visionen nachgedacht hatte, schrieb sie eine längere und abschließende Fassung, „Revelations of Divine Love“ (Offenbarungen der Göttlichen Liebe), London, 1952. Dies ist der älteste, von einer Frau geschriebene Text auf Englisch.

Ihre Entdeckungen sind überraschend, denn sie zeugen von einem felsenfesten Optimismus, der aus ihrer Gottesliebe entstand. Sie spricht von der Liebe als Freude und Mitgefühl. Im Gegensatz zum Volksglauben ihrer Zeit und zu den Vorstellungen einiger heutiger Gruppen verstand sie Krankheiten nicht als Strafe Gottes. Für Juliana sind Krankheiten und die Pest Gelegenheiten, Gott zu erfahren.

Juliana sieht die Sünde als eine Art Lernmittel, mittels derer Gott uns auffordert, uns selbst zu erkennen und seine Barmherzigkeit zu suchen. Und sie sagt: Hinter dem, was wir Hölle nennen, liegt eine größere, stets siegreiche Wirklichkeit: die Liebe Gottes.

Da Jesus barmherzig und unsere geliebte Mutter mitfühlend ist, ist Gott selbst der barmherzige Vater und die Mutter grenzenloser Güte (Revelations, 119).

Nur eine Frau könnte solch eine Ausdrucksweise über Liebe und Mitgefühl benutzen und Gott als die Mutter unendliche Güte bezeichnen. So wird uns wieder vor Augen geführt, wie wichtig die weibliche Stimme für eine nicht-patriarchalische und daher vollständigere Vorstellung Gottes und des Heiligen Geistes ist, der alles Leben und das ganze Universum durchdringt.

Viele andere Frauen könnten hier genannt werden, wie z. B. die Heilige Theresa von Avila (1515-1582), Simone Weil (1909-1943), Madeleine Delbrel (1904-1964), Mutter Teresa und unter unseren Zeitgenossinnen Ivone Gebara und Maria Clara Bingemer, die den Glauben aus der weiblichen Perspektive sahen bzw. sehen. Und sie bereichern uns immer noch.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack