Franz von Assisi und Franziskus von Rom

Der neu gewählte Bischof von Rom, und damit der Papst, nahm den Namen „Franziskus“ an. Darum ist ein Vergleich zwischen Franz von Assisi und Franziskus von Rom unumgänglich, umso mehr als sich Franziskus von Rom auch ausdrücklich auf Franz von Assisi bezogen hat. Selbstverständlich geht es nicht um eine Nachahmung der Person, sondern darum, auf die Punkte hinzuweisen, die Inspirationsquelle für Franziskus von Rom sein können, um der Weltkirche eine Richtung zu weisen.

Es gibt einen unleugbaren gemeinsamen Punkt: die Krise der Institution Kirche. Der junge Franz sagte, er hätte eine Stimme vom Kreuz von San Damiano zu ihm sprechen hören: „Franz, stelle meine Kirche wieder her, denn sie ist am Verfallen.“ Giotto hat dies gut mit seinem Bild dargestellt, auf dem Franz eine Kirche auf seinen Schultern trägt.

Auch wir erleben eine schwere Krise der Institution Kirche, die durch die vielen Skandale innerhalb ihrer selbst hervorgerufen wurde. Ein weltweiter Schrei ließ sich vernehmen (die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes.): „Stelle die Kirche wieder her, deren Moral und Glaubwürdigkeit in Ruinen liegt.“ Und dann wurde Kardinal Bergoglio aus Buenos Aires, also von der Peripherie der Erde, mit diesem Auftrag betraut, als Papst die Kirche im Licht des Franz von Assisi wiederherzustellen.

Zur Zeit des Hl. Franz von Assisi herrschte Papst Innozenz III (1198-1216), der als „Stellvertreter Christi“ vorgestellt wurde. Mit ihm wurde der höchste Grad an Verweltlichung der Institution Kirche erreicht. Er war ausdrücklich am „dominum mundi“, der Beherrschung der Welt, interessiert. Eine Zeitlang war tatsächlich beinahe ganz Europa bis Russland dem Papst unterworfen. Dieser lebte in größtem Glanz und Gloria. Im Jahr 1210 erkannte Innozenz, wenn auch mit zahlreichen Zweifeln, den Weg der Armut des Franz von Assisi an. Die Krise war theologischer Art: eine weltliche und heilige Kirchenherrschaft widersprach allen Absichten Jesu.

Franz von Assisi lebte die Antithese des Projekts einer herrschenden Kirche. Dem Evangelium der Macht setzte er ein machtvolles Evangelium entgegen: völlige Besitzlosigkeit, radikale Armut und extreme Einfachheit. Er begab sich nicht in den Priester- oder Ordens-Stand, sondern ließ sich als Laie vom Evangelium leiten. Dieses setzte er wortwörtlich um, indem er am Stadtrand lebte, wo sich die Armen und die Aussätzigen befanden, und inmitten der Natur, wo er in kosmischer Geschwisterlichkeit mit allen Lebewesen lebte.

Von der Peripherie aus sprach er zum Zentrum und forderte Bekehrung. Ohne ausdrücklich Kritik zu üben, unternahm er eine Reform größeren Ausmaßes, indem er von ganz unten begann, ohne jedoch mit Rom zu brechen. Wir haben es hier mit einem christlichen Genie von verführerischem Humanismus und faszinierender Zärtlichkeit zu tun, dem es ein Anliegen war, das Beste unseres Menschseins zum Vorschein zu bringen.
Ich schätze, diese Strategie beeindruckte Franziskus von Rom. Die Kurie und die klerikalen Gewohnheiten der ganzen Kirche müssen reformiert werden. Doch es bedarf nicht eines Bruchs innerhalb der Kirche, der den ganzen Körper der Christenheit zerstören würde.

Ein weiterer Punkt, von dem sich Franziskus von Rom sicher auch inspirieren lassen wird: wie sehr Franz von Assisi die Armen ins Zentrum rückte. Er hat keine Stiftung für die Armen gegründet, sondern er hat mit den Armen und wie die Armen gelebt. Nach allem, was man bisher von ihm gehört hat, wiederholt Franziskus von Rom immer wieder, dass das Problem der Armut nicht ohne die Beteiligung der Armen gelöst werden kann, auch nicht durch Menschenfreundlichkeit, sondern durch soziale Gerechtigkeit. Diese ermöglicht, das Ungleichgewicht zu verringern, das Lateinamerika und generell die ganze Welt belastet.

Der dritte Punkt, der der Inspiration dienen wird, ist von großer Aktualität: unser Verhältnis zu Mutter Erde mit ihren knappen Gütern und Dienstleistungen. In der Amtseinführungsrede anlässlich seiner Inthronisierung benutzte Franziskus von Rom 8 mal das Wort Achtsamkeit. Es ist die Ethik der Achtsamkeit, auf die ich immer wieder zurückkomme, die ermöglichen wird, das Leben der Menschheit zu erhalten und die Vitalität des Ökosystems zu sichern. Franz von Assisi, der Schutzheilige der Ökologie, ist das Paradigma einer geschwisterlichen und respektvollen Beziehung gegenüber allen Wesen, nicht von oben herab, sondern am Fuß der Natur.

Franz von Assisi unterhielt zu Klara eine Beziehung tiefster Freundschaft und wahrhafter Liebe. Er rühmte diese Frau und ihre Tugenden und bezeichnete sie als „Dame“. Möge sich Franziskus von Rom dadurch für sein Verhältnis gegenüber den Frauen inspirieren lassen, die den Großteil der Kirche ausmachen, sodass er ihnen nicht nur mit Respekt begegnet, sondern ihnen Anerkennung zollt, indem er sie teilhaben lässt an den Entscheidungen über die Wege des Glaubens und der Spiritualität des neuen Jahrtausends. Dies ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Schließlich ist Franz von Assisi, laut dem Philosophen Max Scheler, der Prototyp der westlichen Vernunft des Herzens und der Gefühle. Diese sensibilisiert uns für den Schmerz der Leidenden und für die Schreie der Erde. Franziskus von Rom ist, im Gegensatz zu Benedikt XVI, welcher Ausdruck des Intellekts und der Vernunft ist, ein klares Beispiel für die Intelligenz des Herzens, der das Volk liebt, die Menschen umarmt, die Kinder küsst und liebevoll auf die Menschenmenge blickt.

Wenn die moderne Vernunft sich nicht mit der Sensibilität des Herzens verbindet, wird es uns kaum gelingen, für das Gemeinsame Haus zu sorgen, die enterbten Söhne und Töchter, und die gut franziskanische Überzeugung zu nähren, dass, indem wir liebevoll die Welt umarmen, wir Gott umarmen. 

Leonardo Boff
31.03.2013

Siehe auch Leonardo Boff: Zärtlichkeit und Kraft. Franz von Assisi, mit den Augen der Armen gesehen, Patmos Verlag, 1983.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Franziskus: ein Papst, der sein Amt in Güte ausüben will

Die tiefe Moralkrise, in der sich die Institution Kirche befindet, veranlasste das Konklave dazu, eine Person zum Papst zu wählen, die die Kraft und den Mut hat, weitgehende Reformen in der römischen Kurie durchzuführen und sein Amt eher in Güte auszuüben als mit juristischer Autorität, durch die die Ortskirchen geschwächt werden. Papst Franziskus bemerkte dies in seiner ersten Ansprache. Sollte sich das bewahrheiten, wird er der Papst des dritten Milleniums sein, und mit ihm wird eine neue „Dynastie“ der Päpste beginnen, welche aus der Peripherie des Christentums kommen werden.

Die Figur des Papstes ist das vielleicht größte Symbol des Göttlichen in der westlichen Welt. Die Gesellschaften, die im Namen der Säkularisierung das Göttliche ausgelagert haben, der Mangel an Leitfiguren und die Sehnsucht nach einer Vaterfigur, die leitet, das Vertrauen bestärkt und den Weg weist, haben dieses Urverlangen des Menschen auf die Figur des Papstes projiziert, was sich auf den Gesichtern der auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen ablesen ließ. Von diesem Geist geleitet, brach Papst Franziskus mit dem Protokoll. Er benahm sich wie ein „normaler Bürger“, zahlte seine Hotelrechnung, fuhr mit einem öffentlichen Bus zur Kirche Santa Maria Maggiore und trägt immer noch sein Kruzifix aus Eisen. Daher ist es angebracht zu analysieren, auf welche Art und Weise Papst Franziskus seine Macht ausüben wird.

Für die Christen ist das Amt Petri unerlässlich, der „seine Brüder und Schwestern im Glauben bestärkt“, wozu der Herr ihn beauftragt hat. Rom, wo Petrus und Paulus beerdigt sind, war seit den Anfängen Bezugspunkt der Einheit, der reinen Lehre und Orientierungspunkt für die anderen Kirchen. Diese Position wird auch von nicht-katholischen Kirchen geteilt. Das Problem besteht allerdings in der Art und Weise der Amtsausübung. Papst Leo der Große (440-461) hatte in Ermangelung eines weltlichen Herrschers die Regierung Roms zu übernehmen, um Attila und den Hunnen die Stirn zu bieten. Er wählte die Titel  „Papst“ und „Pontifex Maximus“, den Titel des Kaisers, und verkörperte den kaiserlichen Herrschaftsstil: monarchisch, absolutistisch und zentralistisch mit den Symbolen und Gewändern im Stil der Paläste.

Der Text bezüglich Petrus ist im Sinne Jesu als Dienst und Vorherrschaft der Liebe auszulegen, wurde allerdings von Rom als strikte juristische Macht interpretiert. Dies kulminierte in Gregor VII., der sich mit seinem Dictatus Papae (Diktatur des Papstes)  sowohl die religiöse als auch die weltliche Macht aneignete. Damit kam die Totale Institution auf, die ein Hindernis für die Freiheit der Christen darstellt und für den Dialog mit der globalisierten Welt.

In der Folge trat der Papst immer wie ein absolutistischer Monarch auf, dem alle Macht eigen ist, wie es der Kanon 331 deutlich macht. Er erhebt den Anspruch, alle anderen Kirchen seiner Macht unterzuordnen. Diese absolutistische Machtausübung ist immer wieder in Frage gestellt worden, vor allem durch die Reformatoren. Dennoch wurde sie nie auch nur abgeschwächt. Wie Johannes Paul II in seinem Schreiben über die Ökumene darlegt, ist diese Art der Machtausübung des Amtes Petri das größte Hindernis für die Ökumene und für die Akzeptanz durch die Christen der Moderne, die geprägt ist von Recht und Demokratie. Um dem entgegen zu wirken, arbeiteten die beiden letzten Päpste an der Medienwirksamkeit des Glaubens, indem sie viel reisten und das Weltjugendtreffen organisierten, das in Rio stattfinden wird. Doch damit lassen sich die Mängel nicht beheben.
Diese absolutistische und monarchische Weise der Machtausübung trifft nicht die ursprüngliche Absicht Jesu, sondern führt auf Abwege. Franziskus wird sie nun im Licht der Absicht Jesu prüfen, denn es muss um ein pastorales Papsttum im Dienste der Caritas und der Einheit gehen und nicht mehr um ein Papsttum von absolutistischer Gesetzesgewalt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat führte die Mittel ein, mit denen die Kirchenleitung reformiert werden sollte: Die Bischofssynode, die bisher nur eine beratende Funktion innehatte, war ursprünglich als stimmberechtigtes Gremium geplant. Ein exekutives Organ für die Führung der Kirche gemeinsam mit dem Papst müsste gegründet werden. Das Konzil schuf das Bischofskollegium, d. h. Die nationalen und kontinentalen Bischofskonferenzen gewannen an Autonomie, um den Glauben besser in der jeweiligen lokalen Kultur zu verwurzeln und gleichzeitig in Gemeinschaft mit Rom zu bleiben. Es wäre denkbar, dass die Repräsentanten des Volkes Gottes, von den Kardinälen über die Bischöfe, den Klerus bis hin zu den Laien einschließlich der Frauen sich an der Wahl eines Papstes für die ganze Christenheit beteiligen. Dies erfordert eine dringende Reform der Kurie in Einklang mit der Dezentralisierung. Zweifellos wird Papst Franziskus dies tun. Warum sollte das Sekretariat für die nicht-christlichen Religionen nicht seinen Sitz in Asien haben? Das Sekretariat für die Einheit der Christen in Genf in der Nähe des Weltkirchenrats? Das Sekretariat der Missionen in einer afrikanischen Stadt? Das Sekretariat für Menschenrechte und Gerechtigkeit in Lateinamerika?
Die katholische Kirche könnte eine nicht-autoritäre Instanz für die universellen Menschenrechte werden, für die Rechte von Mutter Erde und der Natur, sich gegen die Konsumkultur stellend und zugunsten einer Bescheidenheit, die von allen geteilt wird, mit dem Schwerpunkt auf der Solidarität und der Kooperation, ausgehend von den Ärmsten und gegen das steigende Konkurrenzdenken. Die zentrale Frage ist nicht die Kirche, sondern die Menschheit und Zivilisation, die vom Verschwinden bedroht sind. Was trägt die Kirche zu deren Erhaltung bei? All dies ist möglich und machbar, ohne dafür auch nur irgendetwas von der Substanz des christlichen Glaubens aufgeben zu müssen. Es ist wichtig, dass Papst Franziskus ein Johannes XXIII der Dritten Welt ist, ein „papa buono“ (guter Papst). Nur so könnte die Kirche ihre verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen und ein Orientierungspunkt der Spiritualität und der Hoffnung für alle werden.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Der Papst, der seine Rechnungen selbst bezahlt

Was die Menschen überzeugt, sind die Taten, nicht die Worte. Ideen können erleuchtend sein. Doch es ist das gelebte Beispiel, das uns anzieht und uns bewegt. Es wird sofort von allen verstanden. Die zahlreichen Erklärungen verwirren mehr als sie erhellen. Die Taten sprechen für sich selbst.

Was den neuen Papst Franziskus kennzeichnet, der „vom Ende der Welt kommt“, d. h. von außerhalb des europäischen Umfelds, das von Traditionen besetzt ist, von Palästen, königlichem Spektakel und internen Machtkämpfen, sind die einfachen Gesten, mit denen er dem Volk nahe ist, die für alle selbstverständlich sind, für die der gesunde Sinn des Lebens noch einen Wert besitzt. Er bricht das Protokoll und macht deutlich, dass Macht immer nur eine Maske und Theater ist, wie der Soziologe Peter Berger so gut darstellte, selbst wenn es sich um eine Macht handelt, die vorgibt, göttlicher Herkunft zu sein.

Papst Franziskus folgt ganz einfach dem Gebot Jesu, der ausdrücklich sagte, dass die Großen dieser Welt befehlen und herrschen. „Bei euch soll es aber nicht so sein, sondern wer bei euch groß sei will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mk 10,43-45) Wenn also Jesus so spricht, kann dann der Papst als Garant seiner Botschaft anders handeln?

In der Tat erbte die Institution Kirche mit der Einführung der absolutistischen Monarchie des Papstes, insbesondere ab dem zweiten Jahrtausend, die Symbole der Römischen Imperialmacht und des feudalen Adels: prachtvolle Kleidung (wie die der Kardinäle), Prunk, Kreuze und Ringe aus Gold und Silber und die Hofsitten der Paläste. In den großen  Klöstern des Mittelalters spielte sich das Leben in grandiosen Räumen ab.

In dem Zimmer des Franziskanerklosters von München, wo ich als Student wohnte und das aus der Zeit Wilhelms von Ockham (14. Jh.) stammte, hatte allein das Renaissance-Gemälde an der Wand einen Wert von mehreren Millionen Euro. Wie lassen sich Mitren, Goldkreuze, vergoldete Stolas und Prälatengewänder von heute mit der Armut des Nazareners vereinbaren, der nichts hatte, worauf er sein Haupt hätte betten können? Ehrlich gesagt ist das unmöglich. Und die Leute, die nicht dumm sind sondern aufmerksame Beobachter, sind sich dieses Widerspruchs bewusst. All dieser Prunk hat nichts gemein mit der Tradition von Jesus von Nazareth und seinen Aposteln.

Laut einigen Zeitungen sagte der Papst, als der Sekretär des Konklaves diesem die „Mozzetta“, den reich verzierten Schulterkragen als Symbol der päpstlichen Macht, über die Schultern legen wollte: „Der Karneval ist vorbei; räume diese Kleidung weg.“ Und er trat in seiner weißen Kleidung auf, so wie Dom Helder Camara, der seinen Kolonialpalast von Olinda verließ, um in einem Anbau der Kirche von Las Candelas am Stadtrand zu leben; wie es auch Paulo Evaristo Arns tat, ganz zu schweigen von Don Pedro Casaldáliga, der in einem kleinen armen Haus lebt und sein Zimmer mit einem Gast teilt.

Für mich besteht die schlichteste, ehrlichste und beliebteste Geste von Papst Franziskus darin, zu dem Hotel zu gehen, in dem er gewohnt hatte (er wohnte nie im großen Zentralhaus der Jesuiten in Rom), um dort seine Rechnung über 90 Euro pro Tag zu begleichen. Er ging hinein, nahm selbst seine Kleidung, packte seinen Koffer, verabschiedete sich vom Personal und ging. Welcher weltliche Machthaber, wohlhabende Millionär, welcher berühmte Künstler würde so etwas machen? Ihm populistische Absichten wegen dieser, für Normalsterbliche so selbstverständliche, Geste zu unterstellen, wäre Verrat an den Absichten des Bischofs von Rom.

Handelte er nicht ebenso, als er als Kardinal von Buenos Aires selbst seine Zeitung holen ging, sich die Zutaten für sein von ihm selbst zubereiteten Essen kaufte, den Bus oder die U-Bahn nahm und bevorzugte, sich als „Vater Bergoglio“ vorzustellen?

Frei Betto prägte eine Redensart, die eine große Wahrheit ausdrückt: „Der Kopf denkt je nach dem, wo die Füße stehen.“ Es ist tatsächlich so, dass jemand, der tagtäglich durch Paläste oder prunkvolle Kathedralen geht, sich schließlich die Logik der Paläste und der Kathedralen aneignet. Aus diesem Grund feierte Papst Franziskus am Sonntag die Messe in der Kapelle Santa Anna im Inneren des Vatikan, die als Pfarrkirche des Vatikans gilt. Nach der Messe ging er hinaus und begrüßte die Gläubigen.

Es ist bemerkenswert und voll theologischer Bedeutung, dass er sich nicht als Papst, sondern als „Bischof von Rom“ vorstellte. Er bat nicht darum, für den emeritierten Papst Benedikt XVI zu beten, sondern für den emeritierten Bischof von Rom, Joseph Ratzinger. Damit knüpfte er an die einfachste Tradition der Kirche wieder an, den Bischof von Rom als den „Ersten unter Gleichen“ zu erachten. Dieser Stadt kommt eine besondere Bedeutung zu, da in ihr Petrus und Paulus beerdigt sind. Doch wurde diese symbolische und spirituelle Macht im Sinn der Güte und nicht in Form von juristischer Gewalt über andere Kirchen ausgeübt, wie es im zweiten Jahrtausend aufkam. Es würde mich absolut nicht wundern, wenn der Papst, so wie Johannes Paul I es beabsichtigt hatte, entscheiden würde, den Vatikan zu verlassen, um an einem schlichten Ort zu leben mit einem ausreichen großen Vorplatz, um dort den Besuch der Gläubigen zu empfangen. Die Zeit ist reif für eine solche Art von Revolution in den päpstlichen Bräuchen. Und welch Herausforderung stellt er für die anderen Prälaten der Kirche dar: freiwillig in Einfachheit und geteilter Bescheidenheit zu leben.

Übrsetzt von Bettina Gold-Harnack

War der Kollaps seiner Theologie der eigentliche Grund für den Rücktritt Benedikts XVI?

Es birgt immer gewisse Gefahren, einen Theologen zum Papst zu wählen. Dieser könnte seine ihm eigene Theologie zur allgemein gültigen Theologie der Kirche machen und sie der ganzen Welt aufzwängen. Ich vermute, dies war der Fall bei Benedikt XVI, zunächst als Kardinal, der zum Präfekten der Glaubenskongregation (der ehemaligen Inquisition) ernannt und später dann zum Papst gewählt wurde. Dies war illegitim und führte zu ungerechten Verurteilungen. In der Tat verurteilte er mehr als hundert Theologen und Theologinnen, weil diese nicht auf einer Linie mit seiner theologischen Lesart von Kirche und Welt waren.

Gesundheitliche Gründe und das Gefühl der Machtlosigkeit angesichts der Schwere der Krise in der Kirche veranlassten ihn zum Rücktritt. Doch nicht nur dies. In seiner Rücktrittserklärung ist die Rede vom „Rückgang körperlicher und geistiger Vitalität“ und „seinem Unvermögen“, sich den Fragen zu stellen, die die Ausführung seiner Mission so schwierig gestalteten. Hinter diesen Worten, so glaube ich, verbirgt sich ein tieferer Grund für seinen Rücktritt: Ihm wurde bewusst, dass sein theologisches Gebäude einzustürzen drohte und die Errichtung seines Kirchenmodells scheitern würde. Eine absolutistische Monarchie ist nicht so absolut, dass sie die Trägheit der gealterten Strukturen der Kurie überwinden könnte.

Mit den zentralen Thesen seiner Theologie haben die Theologen schon immer ihre Schwierigkeiten gehabt. Drei von diesen Thesen wurden schließlich durch die Fakten widerlegt: das Konzept von Kirche als einer „kleinen versöhnten Welt“; dass die Stadt der Menschen nur kraft der Vermittlung der Stadt Gottes einen Wert erlange; und das berühmte „subsistit“, das besagt: Nur in der katholischen Kirche findet sich die wahre Kirche Christi, keine andere Kirche kann sich als Kirche bezeichnen. Dieses enge Verständnis rührt von einer scharfen Intelligenz, die sich selbst zum Opfer fällt, da es ihr an ausreichender inneren Kraft und der nötigen Zustimmung mangelt, um umgesetzt zu werden. Erkannte Benedikt diesen Kollaps und zog durch seinen Rücktritt die Konsequenz? Es gibt Gründe, die für diese Hypothese sprechen

Der emeritierte Papst hatte im Hl. Augustinus seinen Mentor und seine Quelle für Inspiration gefunden. Augustins war das Thema persönlicher Gespräche mit ihm. Von ihm übernahm er seine grundlegende Sichtweise, beginnend mit dessen drittrangigen Lehre von der Erbsünde (die durch den Zeugungsakt übertragen wird). Dadurch fällt die ganze Menschheit der Verdammung anheim. Doch Gott pflanzte durch Christus inmitten der Menschheit einen rettenden Keim, der durch die Kirche repräsentiert wird. Die Kirche ist eine „kleine versöhnte Welt“, die den verlorenen Rest der Menschheit vertritt. Sie braucht nicht viele Mitglieder zu haben. Ein paar Mitglieder reichen, wenn sie nur rein und heilig sind. Ratzinger verkörperte diese Vision und ergänzte sie durch folgende Überlegung: Die Kirche wurde von Christus und seinen Aposteln gegründet. Daher ist sie apostolisch. Sie besteht nur aus dieser kleinen Gruppe. Dies schließt die Jünger, die Frauen und die Menschenmengen, die Jesus von Nazareth folgten, aus. Sie zählen für Ratzinger nicht. Sie werden von der Vertretung, die die „kleine versöhnte Welt“ übernimmt, erreicht.

Dieses Modell von Theologie und Kirche lässt die weite, globalisierte Welt außen vor. Darum wollte Benedikt aus Europa solch eine „kleine versöhnte Welt“ machen, um nochmals die Menschheit zu erobern. Daran scheiterte er, denn niemand setzte dieses Projekt in die Tat um, und viele fanden es lächerlich.

Auch die zweite These ist von Augustinus und dessen Lesart der Geschichte übernommen: die Konfrontation zwischen der Stadt Gottes und der Stadt der Menschen. In der Stadt Gottes gibt es Gnade, und sie ist der einzige Weg zum Heil. Die Stadt der Menschen wurde von Menschenhand erbaut. Doch da ihr ganzer Humanismus und ihre anderen Werte kontaminiert sind, können die Menschen nicht das Heil erlangen, da sie nicht die Vermittlung der Stadt Gottes (die Kirche) durchlaufen haben. Deshalb macht ihr der Relativismus so zu schaffen. Folglich verurteilte Kardinal Ratzinger scharf die Theologie der Befreiung, denn diese zielt auf die Befreiung der Armen durch sich selbst ab und verhalf ihnen dazu, zu autonomen Akteuren ihrer eigenen Geschichte zu werden. Doch da die Theologie der Befreiung nicht innerhalb der Stadt Gottes und ihrer Keimzelle, der Kirche, errichtet wurde, ist sie unzureichend und sinnlos.

Die dritte These ist eine sehr persönliche Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Benedikt über die Kirche Christi. Der erste konziliare Entwurf besagte, die katholische Kirche ist die Kirche Christi. In den um Ökumene ringenden Diskussionen ersetzte man das Wort ist (est) durch subsistiert in (subsistit in), um Raum für andere christliche Kirchen zu schaffen, die auf ihre eigene Weise auch die Kirche Christi verwirklichen. Diese These, die ich in meiner Dissertation unterstützte, erfuhr eine ausdrückliche Verurteilung durch Kardinal Ratzinger in seinem berühmten Schreiben „Dominus Jesus“ (2000), wo er bekräftigt, dass sich das Wort „subsistiert“ von „Subsistenz“ ableitet, sodass es sich nur um eine einzige handeln kann und dass diese in der katholischen Kirche zu finden ist. Die anderen „Kirchen“ verfügen „nur“ über ekklesiastische Elemente. Dieses „nur“ ist ein willkürlicher Zusatz, die er an den offiziellen Konzilstext anhängt. Einige namhafte Theologen wie auch ich haben gezeigt, dass es diese essentialistische Bedeutung im Lateinischen nicht gibt. Die Bedeutung ist stets konkret: „Gestalt annehmen“,  „sich objektiv verwirklichen“. Dies war der „Sensus Patrum“, das was die Konzilsväter im Sinne hatten.

Diese drei zentralen Thesen wurden durch die Fakten widerlegt: Innerhalb der „kleinen versöhnten Welt“ gibt es zu viele Pädophile, selbst unter den Kardinälen, und zu viele Geldräuber in der Vatikan-Bank. Die zweite These, die besagt, dass die Stadt der Menschen über keine heilswirksame Kraft vor Gott verfüge, beruht auf dem Irrtum, den Aktionsradius der Stadt Gottes auf den alleinigen Bereich der Kirche zu begrenzen. Innerhalb der Stadt der Menschen findet sich auch die Stadt Gottes, zwar nicht in Form von religiösem Bewusstsein, sondern in Form von ethischen und humanitären Werten. Das Vatikanum II sagte den irdischen Wirklichkeiten (ein anderer Ausdruck für Säkularisierung) Autonomie zu, die unabhängig von der Kirche über Werte verfügen. Diese gelten auch vor Gott als Werte. Die Stadt Gottes (die Kirche) verwirklicht sich durch den ausdrücklichen Glauben, durch Gottesdienst und Sakramente. Die Stadt der Menschen verwirklicht sich durch Ethik und Politik.

Die dritte These, die katholische Kirche sei die einzige und exklusive Kirche Christi und, mehr noch, außerhalb ihrer gebe es kein Heil, eine mittelalterliche These, von Kardinal Ratzinger wiederbelebt, wurde als Beleidigung der anderen Kirchen einfach ignoriert. Anstelle von „außerhalb der katholischen Kirche kein Heil“ sprachen die Päpste und Theologen nun von der „universellen Heilszusage für alle Menschen und die Welt.“

Ich habe den ernsthaften Verdacht, dass dieses Versagen und der Zusammenbruch seines theologischen Gebäudes ihm die „notwendige körperliche und geistige Vitalität“ so sehr entzogen haben, dass er, wie er bekennt, „sich nicht in der Lage fühlt, sein Amt gut auszuüben“. Als Gefangener seiner eigenen Theologie hatte er keine andere Wahl als ehrenhaft zurückzutreten.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Siehe vom Verfaser Kirche: Charisma und Macht, Düsseldorf, Patmos 1985.