Heiliger Georg: aus Palästina oder Kappadozien?

In Brasilien und fast überall auf der Welt schauen Millionen von Menschen Fernseh-Serien. Eine der aktuellen Serien heißt „Lang lebe Georg“ (Salve Jorge) und spielt in Kappadozien (Türkei), wo der Hl. Georg wahrscheinlich lebte.

Unter den Gelehrten besteht schon seit langem eine Debatte über den Geburtsort des Heiligen. Dies wurde ausführlich bei Malga di Paulo, einer Forscherin über das Leben des Heiligen, diskutiert, deren Angaben man sich auch für die aktuelle TV-Serie bediente. Eines ihrer Bücher wird bald veröffentlicht werden. Für Malga, die Kappadozien sehr gut kennt, deuten alle Anzeichen darauf hin, dass dies der Geburtsort dieses berühmten Heiligen sein muss. Andere orten diesen in Lydda, Palästina, im heutigen Israel, wo zu seiner Ehre eine Kapelle errichtet wurde.

Wir können nur sehr wenig mit Sicherheit über dieses Thema sagen. Die Schule der kritischen Historiker, der Bollandisten, die über das Leben der Heiligen und Märtyrer forschten, entstand im 17. Jahrhundert, und ihr Werk, die Acta Sanctorum lässt diese Frage unbeantwortet. Eine andere Gruppe, die sich innerhalb der Bollandisten um A. Buttler sammelte und über deren Werk man in 12 Bänden über das Leben der Heiligen auf Portugiesisch nachlesen kann (A Vida dos Santos, Vozes 1984) behauptet: „Vieles spricht für die Annahme, dass der Heilige Georg ein echter und wahrer Märtyrer war, der in Lydda (Palästina) den Tod fand, vermutlich vor der Konstantinischen Ära (306-337). Weiteres lässt sich nicht mit Sicherheit aussagen.“ (Band IV, S. 188).

Ich neige zu der Annahme, dass Palästina und nicht Kappadozien sein Geburtsort war. Der Grund liegt darin, dass es sich vermutlich um eine Namensverwechslung handelte. Es gibt tatsächlich ausreichend Belege für den historischen Fakt, dass es in Kappadozien einen Bischof namens Georg von Kappadozien gab. Er fand Eingang in die Geschichte der Theologie durch seine Polemik über die Wesenheit Christi: War er nur wie Gott (Arianismus), oder war er Gott (Anti-Arianismus)? Diese Debatte spaltete die Kirche. Kaiser Constantius II. (einer seiner Titel war der des Papstes) wollte die Einheit des Reichs durch eine einheitliche Konfession sichern, und zwar durch den Arianismus. Er besetzte Alexandria militärisch, konzentrierte sich auf den anti-arianischen Widerstand und setzte Georg von Kappadozien als arianischen Bischof (357-361) durch, den man später ermordete.

Meine Hypothese ist, dass die ersten Biographien über den Hl. Georg, die bereits im 5. Jh. und später auch im12. Jh. erstellt wurden, den Hl. Georg mit dem berühmten Georg von Kappadozien verwechselten und dies deshalb als seinen Geburtsort angaben. Dies ist jedoch nur eine Hypothese.

Lassen wir die Debatte beiseite und rufen uns sein bekanntestes Bild in Erinnerung: der Krieger auf dem weißen Pferd, bekleidet mit einem Harnisch, ein rotes Kreuz auf weißem Hintergrund, wie er einem schrecklichen Drachen mit seiner spitzen Lanze entgegentritt.

Da sein Vater beim Militär war, trat er in dessen Fußstapfen. Er war so brillant, dass Kaiser Diokletian ihn in seiner Leibwache aufnahm und ihm den hohen Titel eines Tribuns verlieh. Als dieser Kaiser alle Christen bei Todesstrafe zwang, dem christlichen Glauben abzuschwören und die Götter der Römer zu verehren, verweigerte Georg dies und verteidigte seine Glaubensbrüder. Der Legende zufolge wurde er gefangen genommen und gefoltert, überstand wundersamerweise unverletzt den Kessel mit kochendem Blei und diverse Vergiftungsanschläge. Am Ende wurde er schließlich enthauptet.

Anfangs wurde er im Westen als ein einfacher Märtyrer mit der üblichen Palme verehrt. Später, besonders aufgrund der Kreuzzüge, wurde er als Krieger mit eigenen Waffen dargestellt. Vor allem assoziierte man mit ihm den Kampf gegen den Drachen, das Symbol des Bösen und des Teufels.

Die im Westen bekannteste Legende über ihn ist folgende:

Aus einem bestimmten Anlass zog Georg als Soldat durch Libyen in Nordafrika. In der kleinen Stadt Silene stand das Volk Todesängste aus. In einem nahegelegenen See herrschte ein schrecklicher Drache. Sein feuriger Atem war so tödlich heiß, dass niemand sich ihm ausreichend nähern konnte, um ihn zu töten. Der Drache fraß täglich zwei Schafe. Als es keine Schafe mehr gab, verlangte er nach Menschenopfern, die durch das Los ermittelt wurden. Eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Königs. Wie eine Braut gekleidet schritt sie dem Tod entgegen. Doch da erschien der Hl. Georg auf seinem weißen Pferd mit seiner scharfen Lanze. Er verletzte den Drachen und bezwang ihn. Mit der Schärpe der Prinzessin band er sein Maul zusammen, und sie führte den Drachen,zahm wie ein Lamm, in die Stadtmitte. Und jeder konvertierte sich voll Dankbarkeit zum Christentum.

Der Hl. Georg war seit 1222 der Patron Englands, offiziell jedoch erst seit 1347 unter Edward III. Sein Jahrestag (St. George’s Day) wird feierlich begangen. Er ist auch der Schutzheilige von Russland, Portugal, Bulgarien, Griechenland, Katalonien und vielen anderen Städten.

Als der Vatikan 1969 eine Überprüfung der Heiligenliste durchführte und den berühmten Hl. Georg aus unklaren Gründen von dieser Liste nahm, entstand eine große Polemik. Es kam vor allem in England, Katalonien und auch im Fußballverein Corinthians Sao Paulo zu einem Sturm der Entrüstung. Kardinal Don Paulo Evaristo Arns, selbst ein glühender Anhänger der Corinthians, wurde 1969 bei Papst Paul VI. vorstellig, um die Verehrung des Hl. Georg zumindest als eine fakultative Feier aufrechterhalten zu können. Darauf antwortete der Papst: „Wir können weder England noch die Nation der Corinthians beeinträchtigen; also verehrt ihn weiterhin.“ Im Jahr 2000 führte Papst Johannes Paul II. mit pastoralem Feingefühl das Fest wieder ein. Der Hl. Georg ist auch in den afro-brasilianischen Traditionen präsent: als Ogum für die Umbanda und als Oxossi für die Candomblé. In Rio de Janeiro wird am 23. April der Georgstag als städtischer Feiertag begangen, denn er ist der offiziöse Schutzheilige der Stadt.

Im nächsten Aufsatz werden wir versuchen, die Archetypen, die dem Krieger Georg und dem Drachen zugrunde liegen, zu dechiffrieren. Bis dahin bleiben wir bei dem beliebten Gebet: „Ich gehe, mit den Waffen des Hl. Georg bekleidet und gerüstet, sodass meine Feinde, die Füße haben, mich nicht erreichen, die Hände haben, mich nicht schlagen, die Augen haben, mich nicht sehen … dass meine Feinde demütig werden und sich Dir unterwerfen. Amen.“

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Unterschiedliche Haltungen zur aktuellen Krise

Der aktuellen Krise gegenüber kann niemand gleichgültig bleiben. Es müssen dringend Entscheidungen getroffen und Lösungen gefunden werden, die aus der Krise herausführen. Um Missverständnisse zu vermeiden, wollen wir hier einige Möglichkeiten darstellen und überlegen, welche davon die beste ist.

Die erste Haltung, die ich beschreibe, ist die der Unglückspropheten: der Sturzflug in den Abgrund. Sie betonen den chaotischen Aspekt, der jeder Krise innewohnt. Sie sehen in der Krise eine Katastrophe, ein Auseinanderbrechen und das Ende des gegenwärtigen Systems. Für sie ist die aktuelle Krise etwas Abnormales, das es um jeden Preis zu verhindern gilt. Sie akzeptieren höchstens einige Angleichungen und Veränderungen innerhalb derselben Strukturen. Doch diese nehmen sie mit so vielen Einwänden vor, dass sie damit jegliche innovative Veränderung unterminieren.

Der gute Papst Johannes XXIII. sagte schon über die Unglückspropheten, zwar in Bezug auf die Kirche, doch anwendbar auf jeglichen Kontext: „Das wahre Leben besteht nicht aus einer Sammlung von Antiquitäten. Es geht nicht darum, ein Museum oder eine Akademie der Vergangenheit zu besichtigen. Wir leben, um Fortschritte zu machen, indem wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen, doch stets nach vorne gerichtet“

Die sich ausgebreitete Krise darf nicht zu einem Sturz in den Abgrund führen. Es stimmt, was Pierre Furter, ein schweizerischer Philosoph und Pädagoge, der auch ein Brasilienliebhaber ist, schrieb: „Die Krise als ein Zeichen eines universellen Kollapses zu bezeichnen, ist eine subtile und perfide Art der Mächtigen und Privilegierten, um Veränderungen zu vermeiden, indem sie diese im Vorhinein abwerten.“

Die zweite zu beschreibende Haltung ist die der Konservativen: die Flucht nach hinten. Sie orientieren sich an der Vergangenheit, indem sie den Rückspiegel im Blick behalten. Statt die in der aktuellen Krise enthaltenen Kräfte zu nutzen, fliehen sie in die Vergangenheit und suchen alte Lösungen für neue Probleme. Deshalb sind sie archaisch und ineffektiv.

Ein Großteil der politischen Institutionen und weltwirtschaftlichen Organismen wie der IWF, die Weltbank, die WHO (Welthandelsorganisation), der G-20, doch auch die meisten Kirchen und Religionsgemeinschaften versuchen, den schwer wiegenden Problemen der Welt mithilfe derselben alten Konzepte beizukommen. Dadurch begünstigen sie Trägheit und bremsen innovative Lösungen.

Alles beim Alten zu lassen wird zu einem verhängnisvollen Misserfolg führen, zu einer unvorstellbaren ökologischen und humanitären Krise. Da die alten Konzepte ihre Erneuerungs- und Überzeugungskraft verloren haben, werden sie schließlich aus der Krise eine Tragödie machen.

Die dritte Haltung ist die der Utopisten: die Flucht nach vorn. Sie versuchen, die von der Krise behaftete Situation zu lösen, indem sie in Richtung Zukunft fliegen. Sie haben den gleichen Horizont, schauen aber in die entgegen gesetzte Richtung. Daher fällt es Utopisten und Konservativen leicht, sich zu einigen.

Sie sind im allgemeinen eigensinnig und vergessen, dass in der Geschichte nur solche Revolutionen stattfanden, die auch gemacht wurden. Der letzte Slogan ist kein neuer Gedanke. Die verwegensten Kritiker können auch die unfruchtbarsten sein. Es ist nicht selten, dass streitlustiger Wagemut nichts anderes als eine Flucht vor der harten Wirklichkeit ist.

Wir sind umgeben von allen Arten von futuristischen Utopisten. Viele sind esoterisch angehaucht so wie diejenigen, die von einer Ausrichtung der kosmischen Energien reden, die unseren Geist beeinflussen. Andere wiederum verbreiten ihre Utopien, die auf den Traum begründet sind, dass die Bio- und Nanotechnologie all unsere Probleme lösen und menschliches Leben unsterblich machen werden.

Eine vierte Haltung zeigt sich in den Eskapisten: die Flucht nach innen. Sie sehen, dass sich der Horizont und alle fundamentalen Überzeugungen verdunkeln, doch sie sind taub für den ökologischen Alarm und für die Schreie der Unterdrückten. Sie vermeiden die Konfrontation, ziehen vor, nicht zu wissen, nicht zu hören, nicht zu lesen und sich nicht selbst in Frage zu stellen. Diese Menschen wollen nicht mit anderen zusammenleben. Sie bevorzugen die Einsamkeit des Individuums, doch sind im allgemeinen mit dem Internet und sozialen Netzwerken verbunden.

Schließlich gibt es noch eine fünfte Haltung: die der Verantwortungsbewussten. Sie blicken dem Hier und Jetzt ins Auge. Sie sind diejenigen, die Antworten ausarbeiten, weshalb ich sie als verantwortungsbewusst bezeichne. Sie fürchten sich nicht, laufen nicht davon und fliehen nicht, sondern sie nehmen das Risiko auf sich, neue Wege zu eröffnen. Sie versuchen, die in der Krise enthaltenen positiven Kräfte zu stärken und Antworten auf die Probleme zu geben. Sie verwerfen nicht einfach die Vergangenheit, nur weil sie vergangen ist. Sie lernen aus aus ihr wie aus einer Fundgrube reicher Erfahrungen, die nicht geringachtet werden dürfen. Das ist für sie jedoch kein Grund, nicht neue, eigene Erfahrungen zu machen.

Die Verantwortungsbewussten definieren sich durch den Einsatz für etwas und nicht  durch ein Gegen-etwas-Sein. Sie verlieren sich auch nicht in steriler Polemik. Sie arbeiten an einem Modell, das den Anforderungen unserer Zeit entspricht, und fühlen sich zutiefst dessen Verwirklichung verpflichtet. Sie sind offen für Kritik und für Selbstkritik und immer bereit, dazu zu lernen.

Wer jetzt am dringendsten benötigt wird, sind Politiker, Anführer, Gruppierungen u. a. die sich verantwortlich fühlen und die den Übergang von den alten zu den neuen Zeiten voranbringen.

Übersetzt con Bettina Gold-Hartnack

Jahresbilanz des Mikrosystems: Knospen in der Wüste

Vom Hl. Augustinus („In jedem Menschen finden sich gleichzeitig ein Adam und ein Christus“) über Abaelard („Sic et non“), Hegel und Marx bis hin zu Leandro Konder wissen wir, dass die Wirklichkeit dialektisch aufgebaut sein muss. Das heißt, sie ist widersprüchlich, denn die Gegensätze heben sich nicht gegenseitig auf, sondern befinden in ständiger Spannung, existieren nebeneinander und erzeugen so eine Dynamik in der Geschichte. Dies ist kein Baufehler, sondern ein Markenzeichen unserer Wirklichkeit. Keiner hat es besser ausgedrückt als der Poverello von Assisi, als er betete: „Wo Hass ist, lass mich Liebe säen, wo Dunkelheit ist, lass mich Licht säen, wo Irrtum herrscht, lass mich die Wahrheit bringen…“ Es geht nicht darum, einen der Pole zu leugnen oder zu annullieren, sondern sich für den einen zu entscheiden, der lichtvoll ist und diesen zu stärken, sodass er den anderen, den negativen, davor bewahren kann, so destruktiv zu sein.

Wozu diese Überlegung? Sie ist ein Versuch, aufzuzeigen, dass das Böse nie so böse ist, als dass es die Gegenwart des Guten verhindern könne; noch ist das Gute jemals so gut, als dass es die Kraft des Bösen bezwinge. Wir müssen lernen, mit diesen Gegensätzen umzugehen. In einem vorigen Artikel versuchte ich, eine globale, negative Jahresbilanz des Makrosystems zu ziehen, die zum Ausdruck brachte, dass alles immer schlimmer wird. Doch dialektisch gesehen gibt es hier auch eine positive Seite, auf die hinzuweisen wichtig ist. Werfen wir voll Hoffnung einen Blick auf die Bilanz des Mikrosystems, so erkennen wir, dass in der Wüste Blumen blühen. Und dies geschieht überall auf der Erde. Man muss nur an den Weltsozialforen teilnehmen und an Volksbewegungen, die vielerorts stattfinden, um zu erkennen, dass neues Leben erblüht: unter den Opfern des Systems, sogar in Unternehmen und unter Führungskräften, die dem alten Paradigma den Rücken gekehrt und begonnen haben, eine rettende Arche Noah zu bauen.

Wir wollen Anmerkungen zu einigen Punkten dieser Veränderungen machen, welche die Lebensfähigkeit der Erde und unsere Zivilisation bewahren könnten:

Der erste Punkt besteht in der Überwindung der Diktatur der instrumentellen analytischen Vernunft, die die Hauptverantwortung für die Zerstörung der Natur trägt. Dazu muss die emotionelle Logik oder die Logik des Herzens eingebunden werden, die uns in das Geschick des Lebens und der Erde involviert, sodass wir uns um Achtsamkeit und Liebe bemühen und nach dem guten Leben suchen.

Als zweites ist die weltweite Erstarkung der Solidarwirtschaft zu nennen, die der Agro-ökologie, der organischen Landwirtschaft, der Bio-Wirtschaft und der Bio-Entwicklung als Alternativen zum materiellen Wachstum durch das BIP.

Beim dritten Punkt handelt es sich um einen demokratischen Öko-Sozialismus, der neue Produktionsformen vorschlägt, und zwar mit der Natur statt gegen die Natur, und damit einhergehend die notwendige globale Kontrolle.

Der vierte Punkt ist der Bioregionalismus, der sich als Alternative zur vereinheitlichenden Globalisierung anbietet und die Güter und Dienstleistungen jeder einzelnen Region mit ihrer Bevölkerung und ihrer Kultur wertschätzt.

Fünftens haben wir das gute Leben der Ureinwohner der Anden. Es verlangt die Schaffung eines Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur durch eine Gemeinschaftsdemokratie und durch den Respekt für die Rechte der Natur und von Mutter Erde. Hier ist auch der Index für das Bruttonationalglück zu nennen, den die Regierung Bhutans eingeführt hat.

Der sechste Punkt ist die gemeinsame Genügsamkeit oder die freiwillige Einfachheit, die die Nahrungssouveränität aller stärkt, das rechte Maß und die Selbstkontrolle über den zwanghaften Wunsch nach Konsum.

Der siebte Punkt ist die sichtbare Führungsrolle der Frauen und der Urvölker, die der Natur ein neues Wohlwollen entgegenbringt und solidarische Produktions- und Konsumweisen fördert.

Der achte Punkt steht für die langsame, aber wachsende Akzeptanz der Kategorien von Achtsamkeit als Voraussetzungen für wahre Nachhaltigkeit. Das bedeutet eine Trennung von der Kategorie der Entwicklung und wird als eine Logik des Lebensnetzes verstanden, das die Verflochtenheit aller mit allen sicherstellt und so das Leben auf Erden erhält.

Der neunte Punkt ist das Durchdringen der Ethik der universellen Verantwortung, denn wir sind alle verantwortlich für unser gemeinsames Geschick, das Unsere und das der Mutter Erde.

Der zehnte Punkt steht für die Wiederaufnahme der spirituellen Dimension, die die Religionen übersteigt und uns erlaubt, uns als ein Teil des Ganzen zu fühlen, die universelle Energie wahrzunehmen, die alles durchdringt und erhält und uns zu Pflegern und Hütern des heiligen Erbes macht, das wir durch das Universum und von Gott erhalten haben.

All diese Initiativen sind mehr als nur Samenkörner. Sie sind schon Triebe, die das mögliche Aufblühen einer neuen Erde erkennen lassen, bewohnt von einer Menschheit, die lernt, Verantwortung zu übernehmen, achtsam zu sein und zu lieben und so die Nachhaltigkeit dieses unseres kleinen Planeten zu stärken.

Siehe auch: Leonardo Boff: „Zukunft für Mutter Erde. Warum wir als Krone der Schöpfung abdanken müssen München, Claudius Verlag 2012

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die Jahresbilanz von 2013: alles wird schlimmer

Die Welt ist komplex. Es ist unmöglich, eine einheitliche Bilanz zu ziehen. Ich werde den Versuch wagen, eine Bilanz von der Makroökonomie zu ziehen, von der unsere Zivilisation bestimmt wird, und eine andere in Bezug auf die Mikroökonomie. Bedenken wir die Art und Weise bedenken, wie die Machthaber der aktuellen Krise begegnen, welche herrührt vom grenzenlosen Raubbau an der Natur sowie der grenzenlosen materiellen Bereicherung, ferner die daraus entstehende doppelte Ungerechtigkeit: die soziale Ungerechtigkeit mit ihren perversen weltweiten Ungleichheiten und die ökologische Ungerechtigkeit mit der Zerstörung der Lebensnetzwerke, die unser Überleben garantieren sollen. Und wenn wir uns des weiteren auf die UN-Klimakonferenz „COP 18“ beziehen, die Ende des Jahres über die Erderwärmung in Doha (Katar) stattfand, können wir ohne Übertreibung behaupten, dass sich alles nur weiter verschlimmert. Wenn wir so weitermachen, werden wir womöglich schon bald in einen ökologischen Abgrund stürzen.

Die notwendigen Maßnahmen für einen Richtungswechsel wurden immer noch nicht ergriffen. Die spekulative Wirtschaft blüht weiterhin, die Märkte sind mehr denn je vom Konkurrenzdenken geprägt – d. h. weniger reguliert denn je -, und der ökologische Alarm, der sich in der Erderwärmung Gehör verschafft, wird praktisch ignoriert. Man könnte sagen, dem Kyoto-Abkommen wurde in Doha die Letzte Ölung erteilt. Ironischerweise wird auf der ersten Seite des Abschlussberichts zugegeben, dass kein Problem gelöst, sondern auf 2015 verschoben wurde: „Der Klimawandel stellt eine akute und möglicherweise irreversible Bedrohung für die Menschheitsgesellschaft und für den Planeten dar, und dieses Problem muss dringend von allen Ländern angegangen werden.“ Es wurde jedoch noch nicht angegangen. Wie zu Noahs Zeiten essen und trinken wir seelenruhig weiter, wischen die Tische der sinkenden Titanic und hören dabei Musik. Das Haus steht in Flammen, und wir belügen einander, indem wir sagen, alles ist gut.

Für diese anscheinend pessimistische realistische Schlussfolgerung sehe ich zwei Gründe. Mit José Saramago würde ich sagen: „Ich bin nicht pessimistisch; die Wirklichkeit ist furchtbar; ich bin realistisch.“ Der erste Grund ergibt sich aus der falschen Prämisse, die die Krise aufrechterhält und nährt: das Ziel ist grenzenloses materielles Wachstum (Wachstum des BIP), das durch Ausbeutung fossiler Energien erreicht wird und durch einen völlig freien Kapitalfluss, vor allem spekulativen Kapitals. Diese Vorstellung zieht sich durch die Pläne aller Länder einschließlich Brasiliens. Der Irrtum dieser Prämisse liegt in der völligen Nichtbeachtung der Grenzen des Erdsystems. Ein begrenzter Planet kann kein grenzenloses Projekt unterstützen. Das ist nicht nachhaltig. Darüber hinaus wird der Begriff Nachhaltigkeit vermieden, der sich von den Lebenswissenschaften ableitet; Nachhaltigkeit ist nicht linear; sie wird durch wechselseitig voneinander abhängige Netzwerke aller mit allen organisiert, die das Funktionieren aller Faktoren sichert, die den Fortbestand des Lebens und unserer Zivilisation garantieren. Eher bevorzugt man den Begriff nachhaltiges Wachstum und ignoriert die Tatsache, dass dies ein innerlich sich selbst widersprechendes Konzept ist, denn es ist linear, stets wachsend und setzt die Beherrschung der Natur voraus und nimmt die Zerstörung des Gleichgewichts des Ökosystems in Kauf. Man wird niemals eine Übereinkunft zum Klima finden, denn das machtvolle Ölkonsortium beeinflusst die Regierungspolitik und bekämpft alle Maßnahmen, die Profiteinbußen für sie zur Folge hätten. Daher unterstützen sie nicht die alternativen Energien. Sie suchen nur das ständige Wachstum des PIB.

Dieses Modell wird durch die Fakten widerlegt: es funktioniert nicht einmal mehr in den  Kernländern der Weltwirtschaft, wie die aktuelle Krise zeigt, und schon gar nicht in den peripheren Ländern. Entweder muss man eine andere Art von Wachstum finden, was essentiell für das Lebenssystem ist, – doch muss dies in einer Weise geschehen, die die Kapazität der Erde und die Rhythmen der Natur respektiert, – oder wir werden uns auf das Unaussprechliche gefasst machen müssen.

Der zweite Grund ist von eher philosophischen Größenordnung und ist etwas, wofür ich seit mehr als 30 Jahren kämpfe: Er beinhaltet paradigmatische Konsequenzen: die  Entfesselung der Intelligenz des Herzens oder der emotionalen Intelligenz, um die destruktive Gewalt der instrumentellen Vernunft auszugleichen, die seit Jahrhunderten durch den akkumulativen Produktionsprozess in Geiselhaft genommen wurde. Wie der französische Philosoph Patrick Viveret uns sagt: Instrumentelle Vernunft ohne emotionelle Intelligenz kann uns leicht zur schlimmsten Barbarei führen.“ („Vers une sobriété heureuse“, Patrick Viveret); denken wir nur an den neuen Plan für die Menschheit, den Himmler in seinem Projekt ausgearbeitet hatte und der in der Shoah kulminierte sowie in der Ermordung der Sinti und Roma und der geistig behinderten Menschen.

Wenn wir die emotionale Intelligenz nicht in die instrumental-analytische Vernunft einbinden, werden wir nie in der Lage sein, die Schreie von Mutter Erde zu vernehmen, nicht den Schmerz der vernichteten Wälder und Urwälder, noch die gegenwärtige Ausrottung der Artenvielfalt in einer Größenordnung von fast 100 000 Spezies pro Jahr (E. Wilson). Und neben der Nachhaltigkeit bedarf es der Achtsamkeit, des Respekts und der Liebe für alles, was existiert und lebt. Ohne diese Revolution des Geistes und des Herzens werden wir tatsächlich alles nur noch verschlimmern.

(Siehe mein Buch: „Die Erde ist uns anvertraut: Eine ökologische Spiritualität,“Butzon&Bercker, 2010)

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack