Der Weg als Archetyp der menschlichen Existenz

Wege faszinieren mich ganz besonders, vor allem Landstraßen, die beschwerlich den Berg hinaufführen und in den bewaldeten Kurven verschwinden. Und die von buntem Herbstlaub bedeckten Wege in den süddeutschen Alpen, auf denen ich als Student an grauen Herbstnachmittagen spazieren ging.

Tatsächlich tragen wir diese Wege in unserem Innern. Wir müssen die Wege befragen, warum es solche Entfernungen gibt, warum sie manchmal so gewunden, so mühsam und schwierig zu begehen sind. Sie hüten das Geheimnis der Füße derer, die auf ihnen gingen, das Gewicht ihrer Traurigkeit oder die Leichtigkeit ihrer Freude über das Wiedersehen mit einem geliebten Menschen.

Der Weg stellt einen der ursprünglichsten Archetypen der menschlichen Psyche dar. Der Mensch bewahrt in sich die Erinnerung an alle während der 13,7 Milliarden Jahre des evolutionären Prozesses begangenen Wege. Insbesondere trägt er die Erinnerung an das erste Auftauchen unserer Vorfahren in sich: der Zweig der „Wirbeltiere“, die Klasse der Säugetiere, die Kategorie der Primaten, die Familie der Hominiden, das Genre Homo, die aktuelle Spezies sapiens/demens.

Angesichts dieses unermesslichen Gedächtnisses erscheint der Weg des Menschen sehr komplex und oftmals unbegreiflich. Auf dem Weg jedes Einzelnen sind die Millionen und Abermillionen Erfahrungen, die zahllose Generationen vor ihm auf dem langen Weg gemacht haben, noch immer am Werk. Jeder Mensch hat die Aufgabe, diesen Weg zu erweitern, sodass er den ihm überlassenen Weg dadurch verbessert und vertieft, begradigt, was gewunden war, und den künftigen Reisenden einen Weg hinterlässt, der durch seine Fußspuren bereichert ist.

Der Weg war schon immer und ist immer noch eine richtungweisende Erfahrung, die gleichzeitig das Ziel angibt und den Weg, über den dieses Ziel erreicht wird. Ohne einen Weg fühlen wir uns sowohl innerlich als auch äußerlich verloren. Dunkelheit und Verwirrung breiten sich in uns aus. So wie heute, da die Menschheit sich ziellos und im Blindflug bewegt, ohne Kompass oder Sterne als Orientierungshilfe in finsterer Nacht.

Jedes menschliche Wesen ist ein Homo viator, ein Wanderer auf den Pfaden des Lebens. Wie der argentinische indigene Poet und Sänger Atahualpa Yupanqui sagt: „Der Mensch ist die wandernde Erde“. Wir empfangen keine perfekte Existenz. Wir müssen sie selbst errichten. Und dazu müssen wir aus unseren Wegen ausbrechen, die Wege, die vor uns gegangen wurden, verlassen und neue Wege gehen. Aber auch damit wird unser persönlicher Weg nie komplett abgeschlossen. Er muss mit Kreativität und frei von Angst erschlossen werden. Wie der spanische Poet Antonio Machado sagt: „Wanderer, es gibt keinen Weg; der Weg entsteht beim Wandern“.

In der Tat sind wir stets auf dem Weg zu uns selbst. Im Grunde genommen verwirklichen oder verlieren wir uns selbst darauf. Daher gibt es auch zwei Wege, wie es im ersten Psalm der Bibel heißt: den Weg des Gerechten oder den Weg des Gottlosen, den Weg des Lichts oder den Weg der Dunkelheit, den Weg des Egoismus’ oder den Weg der Solidarität, den Weg der Liebe oder den Weg der Gleichgültigkeit, den Weg des Friedens oder den Weg des Konflikts. Kurz gefasst: den Weg, der zu einem guten Ausgang führt, oder den Weg, der zum Abgrund führt.

Doch Vorsicht: in der konkreten Conditio Humana existieren immer beide Wege, und manchmal kreuzen sie sich. Innerhalb des guten Wegs versteckt sich auch der schlechte, und im schlechten der gute. Beide durchqueren unser Herz. Darin besteht unser Drama, das zu einer Krise und sogar zu einer Tragödie werden kann.

Da es schwierig ist, die Spreu vom Weizen zu trennen, d. h. den guten Weg vom schlechten, sind wir gezwungen, eine grundlegende Entscheidung für einen der beiden zu treffen: für den guten Weg, selbst wenn dies für uns Verzicht bedeuten oder Nachteile mit sich bringen kann. Zumindest verschafft uns das ein gutes Gewissen und das Gefühl, das Richtige zu tun. Und dann gibt es Menschen, die sich für den schlechten Weg entscheiden: Dies ist der leichtere Weg; er engt nicht ein, denn alles ist recht, solange es Vorteile bringt. Doch dies hat seinen Preis: ein bohrendes Gewissen und das Risiko, bestraft oder gar vernichtet zu werden.

Diese fundamentale Entscheidung verleiht dem Weg des Menschen eine ethische Qualität. Entscheiden wir uns für den guten Weg, werden kleine Fehlschritte oder ein Stolpern nicht den ganzen Weg und seine Richtung zerstören. Was für das Gewissen und für Den, Der in Gerechtigkeit richtet, wirklich zählt, ist die fundamentale Entscheidung, die wir treffen.

Aus diesem Grund muss in der vorherrschenden christlichen Morallehre die Rede von lässlichen Sünden oder Todsünden ersetzt werden durch eine Ausdrucksweise, die eher in Einklang mit dem Konzept vom Weg des Menschen steht: Treue oder Untreue zur fundamentalen Entscheidung. Die Taten des Einzelnen dürfen nicht isoliert und losgelöst von seiner fundamentalen Entscheidung beurteilt werden. Es geht vielmehr darum, die grundlegende Haltung und das fundamentale Projekt, das sich in seinen Handlungen widerspiegelt und die Gesamtrichtung seines Lebens bestimmt, zu erkennen und anzuerkennen.

Entscheidet sich jemand in Beständigkeit und Treue für das Gute, so wird dies seinen Handlungen mehr oder weniger Güte verleihen trotz der Schwankungen, die immer wieder einmal auftreten, ohne jedoch einen guten Weg zu zerstören. Solche Menschen leben im Zustand der Gnade. Doch da gibt es noch diejenigen, die sich für den Weg des Bösen entschieden haben. Sie werden den strengen Blick Gottes aushalten müssen, wenn es darum gehen wird, ob sie Seine Barmherzigkeit finden.

Wir kommen nicht darum herum: Wir müssen uns entscheiden, welchen Weg wir erschließen und gehen wollen, wissend, dass „es gefährlich ist zu leben“ (Guimarães Rosa). Doch wir sind nie allein. Viele sind mit uns auf dem Weg und teilen solidarisch unser gemeinsames Schicksal in Begleitung von Jemandem namens „Emmanuel, Gott mit uns“.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Der Sinn des Blickes auf die Erde vom Weltall

Die letzten Jahrhunderte sind charakterisiert von zahllosen Entdeckungen: Kontinente, indigene Völker, Arten von Lebewesen, Galaxien, Sterne, die subatomare Welt, Energiequellen und vor kurzem das Higgs-Teilchen, eine Art subtiles Feld, das das Universum ausfüllt und virtuellen Teilchen durch Kontakt ihre Masse gibt, sodass sie stabil werden. Doch noch hatten wir nicht die Erde als Planeten entdeckt, als unser gemeinsames Zuhause. Wir mussten über die Erde hinaus gehen, um sie von außen zu betrachten, sie zu entdecken und um zu erkennen, dass sie aus einer Einheit von Erde und Menschheit besteht.

Dies ist das große Vermächtnis der Astronauten, die als Erstes in der Lage waren, die Erde von außen zu betrachten. Ihnen haben wir den Overview Effect zu verdanken, d. h. den Effekt, der entsteht, wenn man etwas von außerhalb betrachtet. Die schönsten Beschreibungen durch die Astronauten finden sich im Buch „Overview Effect“ von Frank White (Houghton Mifflin Company, Boston, 1987). Diese Beschreibungen zu lesen, berüht zutiefst und führt zu einem Gefühl großer Ehrfurcht, einer wahren spirituellen Erfahrung. Hier sind einige Auszüge:

Der Astronaut James Irwin sagte: „Die Erde gleicht einem Weihnachtsbaum, der vor dem schwarzen Hintergrund des Universums aufgehängt ist; je mehr wir uns von ihr entfernen, umso kleiner erscheint sie, bis sie nur noch ein kleiner Ball zu sein scheint, schöner als man sich je vorstellen könnte. Das ein lebendes, so schönes und so warmes Objekt so zerbrechlich und zart erscheint verändert diejenigen, die diese Schönheit erblicken, denn man beginnt, Gottes Schöpfung zu schätzen und Gottes Liebe zu entdecken.“ Ein anderer Astronaut, Eugene Cernan, gestand: „Ich war der letzte Mensch, der im Dezember 1972 seinen Fuß auf den Mond setzte. Von der Mondoberfläche aus schaute ich ehrfürchtig zur Erde gegen einen sehr dunklen Hintergrund. Was ich sah, war zu schön, als dass ich es hätte fassen können, zu geordnet und zweckerfüllt, um nur Ergebnis eines bloßen kosmischen Zufalls zu sein; man fühlte ganz tief im Inneren das Bedürfnis, Gott zu loben. Es muss einen Gott geben, um das geschaffen zu haben, was anzuschauen ich das Privileg hatte; spontan stellte sich Verehrung und Dankbarkeit für die Existenz des Universums ein.“

Mit Feingefühl beobachtete Joseph P. Allen, ein weiterer Astronaut: „Es gab viele Diskussionen über das Für und Wider der Mondraumfahrt, doch ich habe niemanden sagen hören, dass wir zum Mond fliegen sollten, um die Erde von dort aus, also von außerhalb, zu betrachten. Doch letztlich hätte genau das der wahre Grund für den Flug zum Mond sein müssen.“

Durch diese einzigartige Erfahrung erwacht im Menschen das Verständnis dafür, dass der Mensch und die Erde eine Einheit bilden und dass diese Einheit ein Teil von etwas Größerem ist, der solaren Einheit, und diese Teil einer noch größeren, nämlich einer galaktischen Einheit. Dies führt uns zum ganzen Universum, und das ganze Universum führt uns zum Mysterium, und vom Mysterium kommen wir zum Schöpfer.

„Von oben“, beobachtete Cernan, „kann man solche Barrieren wie Hautfarbe, Religion und politische Einstellungen, die die Welt hier unten trennen, nicht sehen.“ Alles ist ein einem einzigen Planeten vereint, der Erde. Der Astronaut Salman al-Saud sagte dazu: „Am ersten und zweiten Tag machten wir unsere Länder ausfindig, am dritten und vierten Tag unsere Kontinente, und ab dem fünften Tag wurde uns die Erde nur noch als ein Ganzes bewusst.“

Diese Beschreibungen überzeugen uns davon, dass Erde und Menschheit in Wirklichkeit ein untrennbares Ganzes bilden. Das ist genau das, was Isaac Asimov in seinem Artikel in der New York Times vom 9. Oktober 1982, dem 25. Jahrestag des Sputnik-Abflugs, schrieb, der als erstes die Erde umkreiste. Der Artikel trug den Titel: „Sputnik’s Legacy: Globalism“ (Sputniks Vermächtnis: die Globalisierung). Und Asimov sagte: „Unserem Widerspruchsgeist wird die Sichtweise auferlegt, dass Erde und Menschheit eine einzige Einheit bilden.“ Der Russe Anatoly Berezovoy, der 211 Tage im Weltraum verbrachte, bestätigte dies. Ganz offensichtlich können wir nicht die Erde auf der einen Seite und die Menschheit auf der anderen Seite betrachten. Wir bilden ein organisches und lebendiges Ganzes. Wir Menschen sind der fühlende, denkende, liebende, sorgende und Respekt erweisende Teil der Erde.

Von fast jedem Blickwinkel aus auf die Erde kommt uns ganz spontan der Gedanke, dass trotz all der Zerstörung, durch die wir Gaia bedrohen, eine gute und heilbringende Zukunft gewissermaßen garantiert ist. So viel Schönheit und Pracht kann nicht zerstört werden. Wie Christen es ausdrücken würden: Die Erde ist vom Geist und vom kosmischen Christus durchdrungen. Ein Teil der Menschheit wurde bereits durch Jesus verewigt und befindet sich im Herzen der Dreifaltigkeit. Es kann nicht sein, dass Gott sein Werk auf den Ruinen der Erde vollendet. Der Auferstandene und Sein Geist führen die Evolution zu ihrem Kulminationspunkt.

Eine moderne Legende untermauert diesen Glauben: „Es war einmal ein christliches Greenpeace-Mitglied, dem in seinen Träumen der auferstandene Jesus begegnete und ihn zu einem Spaziergang im Garten einlud. Das Greenpeace-Mitglied akzeptierte die Einladung mit Begeisterung. Nachdem sie eine Weile gelaufen waren und die Artenvielfalt an diesem kleinen Ort bewundert hatten, fragte der Mann: „Herr, als du auf den Wegen Palästinas liefst, sagtest du einmal, du würdest eines Tages in großem Ruhm und Herrlichkeit wiederkommen. Deine Wiederkunft zögert sich schon so lange hinaus! Wann wirst du denn endlich kommen, Herr?“ Nach einer kurzen Pause des Schweigens, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, antwortete der Herr: „Mein lieber Bruder, wenn meine Anwesenheit im Universum und in der Natur so offensichtlich ist wie das Licht, das diesen Garten erhellt; wenn meine Gegenwart unter deiner Haut und in deinem Herzen so wirklich ist wie meine Gegenwart hier und jetzt, wenn diese meine Gegenwart so sehr zu Fleisch und Blut in dir selbst wird, dass du nicht mehr darüber nachzudenken brauchst, wenn du so in diese Wahrheit eingetaucht sein wirst, dass du nicht so nachdrücklich zu fragen brauchst, wir du es jetzt tust … dann, lieber Bruder, werden dies die Zeichen sein, dass ich in allem Ruhm und Herrlichkeit zurückgekehrt bin.“

Siehe vom Verfasser “Die Erde ist uns anvertraut”Butzon & Bercker,Kevelaer 2010.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die Herausforderungen der neuen Formen von Lebensgemeinschaften

Die Beweglichkeit der Gesellschaft von heute lässt Raum für diverse Formen des Zusammenlebens. Neben der traditionellen Ehe, die innerhalb eines gesellschaftlichen, juristischen und sakramentalen Rahmens geschlossen wird, bilden sich heute immer häufiger Paare (als Lebensgemeinschaft und als offene Beziehung), die außerhalb des institutionellen Rahmens in gegenseitigem Einverständnis geschlossen werden und solange halten wie die Paar-Beziehung bestehen bleibt und die zu nichtehelichen Familien werden können. Mit der Einführung der Scheidung kam es zur Bildung von Familien, die aus nur einem Elternteil bestehen (Mutter oder Vater mit Kind/ern); zu Familien mit mehreren Elternteilen (mit Kind/ern aus vorigen Ehen) als auch zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen (bestehend aus Männern oder Frauen), die in einigen Ländern einen legalen Status erhielten, der ihnen Stabilität und gesellschaftliche Anerkennung verleiht.

Wir wollen versuchen, diese neuen Formen von Lebensgemeinschaften besser zu verstehen. Der brasilianische Spezialist, Marco Antonio Fetter (erster Begründer einer Universität der Familie in Rio Grande do Sul, Brasilien, mit allen akademischen Titeln), definiert Familie als „eine Gruppe von Personen mit gemeinsamen Zielen und starken affektiven Bindungen, innerhalb derer jede/r eine bestimmte Stellung inne hat und wo die Rollen von Vater, Mutter, Kindern und Geschwistern sich ganz natürlich ergeben.“ (www.unifan.com.br)

Die Institution Familie hat sich seit Einführung der Geburtenkontrolle und der Verhütungsmittel, die inzwischen trotz ihrer Ablehnung durch diverse Kirchen einen selbstverständlichen Platz in unserer Kultur einnehmen, stark verändert. Das eheliche Sexualleben hat an Intimität und Spontaneität gewonnen, denn mit diesen Mitteln der Familienplanung hat es sich von unvorhergesehenen und ungewollten Schwangerschaften befreien können. Kinder sind nicht länger das unvermeidliche Resultat sexueller Beziehungen, sondern werden in gegenseitigem Einverständnis der Eltern geplant.

Die Betonung der Sexualität als persönliche Verwirklichung hat das Aufkommen von Formen des Zusammenlebens erleichtert, die nicht unbedingt in eine Ehe münden. Dies drückt sich in der Entstehung von freien und einvernehmlichen Beziehungen aus ohne andere Verpflichtung als die der gegenseitigen Verwirklichung der Paarbeziehung oder der Lebensgemeinschaft von gleichgeschlechtlichen Paaren.

Solche Praktiken, so neu sie auch sein mögen, müssen auch eine ethische und spirituelle Perspektive beinhalten. Es ist wichtig, sich zu vergewissern, dass sie Ausdrucksweisen der gegenseitigen Liebe und des gegenseitigen Vertrauens sind. Wo Liebe ist, so besteht aus christlicher Sichtweise etwas, das mit Gott zu tun hat, denn Gott ist die Liebe (1 Joh 4,12-16). Daher sind hier Vorurteile und Diskriminierung fehl am Platz. Stattdessen braucht es Respekt und Offenheit, um diese Fakten zu verstehen und um sie vor Gott zu tragen. Wenn diese Personen ihre Beziehung in Verantwortung leben, sollte ihnen eine spirituelle Relevanz nicht abgesprochen werden.

Es verbreitet sich eine Atmosphäre, die dazu beiträgt, den Versuchungen der Promiskuität zu widerstehen und Treue und Stabilität, die Frucht aller Beziehungen, zu bestärken. Der unveränderliche Kern der Familie ist die Zuneigung, Achtsamkeit füreinander und der Wunsch, zusammen zu bleiben, ebenso wie die Offenheit für die Möglichkeit der Zeugung neuen Lebens.

Unter diesen Umständen ist es erforderlich, über den institutionellen Charakter der Familie hinaus insbesondere den relationellen Charakter zu beachten. Es ist wichtig, hier das komplexe Zusammenspiel der Beziehungen zu sehen, das innerhalb des Paares auftritt. In diesen Beziehungen existieren Lebendigkeit, Ausdrucksweisen von Liebe und Treue, von Begegnungen und Glück. In einem Wort: der Aspekt der Dauerhaftigkeit der Beziehung tritt auf den Plan. Die institutionelle Seite ist gesellschaftlich legitimiert und nimmt, je nach kulturellem Hintergrund (römisch, keltisch, chinesisch, indianisch etc.) sehr unterschiedliche Formen ein.

Interkulturelle Studien haben gezeigt, dass dort, wo ein starker und gesunder sozialer und familiärer Hintergrund herrscht, die Basis für ein großes Vertrauen in den anderen entsteht und es weniger Gewalttätigkeit und mehr soziale Teilnahme gibt. Wird dieses soziale Kapital aufgelöst, erwächst daraus eine Krise und die emotionale Beziehung wird aufgelöst.

Es geht nun darum, gewisse Moralvorstellungen zu überwinden, mit denen niemandem geholfen ist. Diese schaden verschiedenen Formen von Familie oder Lebensgemeinschaft aufgrund eines Details und lassen uns die Werte abhanden kommen, die ganz sicher bestehen und ernsthaft vor Gottes Angesicht gelebt werden.

Die Hauptbedeutung der kirchlichen Lehre über die Familie besteht darin, die menschlichen und moralischen Werte zu unterstreichen, die gelebt werden sollen. So lässt es sich im Apostolischen Schreiben Familiaris Consortio (1981) und im Brief an die Familien (1994) von Papst Johannes Paul II. lesen. Beide Dokumente bestätigen ausdrücklich, dass „die Familie aus einer Gemeinschaft von Personen besteht, die auf Liebe begründet und durch Liebe belebt ist, deren Herkunft und Ziel das göttliche Wir ist.“

Interessanterweise wird im Dokument „Familiaris Consortio“ der relationellen Dimension eine größere Wichtigkeit verliehen als der institutionellen Dimension. Es definiert Familie als „ein Komplex zwischenmenschlicher Beziehungen – eheliche Beziehungen, Vaterschaft-Mutterschaft, Kindschaft, Geschwisterlichkeit -, durch die jede Person in die Menschheitsfamilie eingeführt wird.“

Was würde aus der Familie und ihren Mitgliedern werden, wenn das Feuer dieser zwischenmenschlichen Beziehungen von Zuneigung und Achtsamkeit, von Sprache der Verzauberung und des Traums nicht unter ihnen brennte? Ohne diesen Motor, der uns beständig auf unserem Weg antreibt, ohne diese Nische der Gefühle könnte niemand die Schwierigkeiten, die es in allen zwischenmenschlichen Beziehungen gibt, und unsere menschliche Begrenztheit ertragen.

Diese Werte lassen die Familien über sich hinauswachsen. Der Traum besteht gerade darin, dass, ausgehend von den Werten der Familie in ihren verschiedenen Formen, eine Schul-Familie, eine Arbeits-Familie, eine Gemeinde-Familie, eine nationale Familie und eine Menschheitsfamilie entsteht und schließlich eine Erd-Familie als letztes Sprungbrett hin zur Gottesfamilie.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die Rezeption des 2.Vatikanschen Konzils in Brasilien und Lateinamerika

Wir feiern den 50. Jahrestag des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965). Dieses steht für einen Bruch mit der Jahrhunderte alten Tradition der römisch-katholischen Kirche. Sie war eine Kirche, die einer belagerten Festung glich und sich gegen alles zur Wehr setzte, was von der modernen Welt kam: Wissenschaft, Technologie und zivilisatorische Errungenschaften wie Demokratie, Menschenrechte und Trennung von Kirche und Staat.

Doch dann kam ein Windstoß frischer Luft durch einen alten Papst, von dem wenig erwartet worden war: Johannes XXIII. (1881-1963). Er öffnete die Türen und Fenster und sagte: Die Kirche kann nicht nur ein ehrwürdiges Museum sein; sie muss für alle ein Zuhause sein, angefüllt mit frischer Luft und ein angenehmer Ort zum Leben.

Vor allem stand das Konzil für ein Aggiornamento, als das Johannes XXIII. es selbst bezeichnete, d. h. eine Aktualisierung und Rekonstruktion ihres Selbstverständnisses und ihres Auftretens in der Welt.

Uns interessiert hier weniger eine Aufzählung der Hauptelemente, die durch das Konzil eingeführt wurden, als die Art und Weise, wie das Aggiornamento von der lateinamerikanischen Kirche und von Brasilien aufgenommen und in die Praxis umgesetzt wurde. Dieser Prozess wird Rezeption genannt und besteht aus einer neuen Lesart und Anwendung des konziliaren Verständnisses vor dem Kontext Lateinamerikas, der sich wesentlich von dem Europas unterscheidet, wo alle Dokumente erarbeitet worden sind. Wir werden nur einige wesentliche Punkte aufgreifen.

Der erste Punkt war zweifellos eine große Veränderung der Atmosphäre, die in der Kirche herrschte: vor dem Konzil war eine strenge Disziplin vorherrschend, die von Rom diktierte Einheitlichkeit und die düstere und antiquierte Form des geistlichen Lebens. Die Kirchen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens waren Abbildungen der römischen Kirche. Doch plötzlich begannen sie, sich selbst als eine Quelle der Kirche zu entdecken. Sie konnten ihre Kultur einbringen und neue Sprachen schaffen. Sie strahlten Enthusiasmus und Schaffensfreude aus.

An zweiter Stelle ist eine Neudefinition der sozialen Position der Kirche Lateinamerikas zu nennen. Das 2. Vatikanische Konzil war zwar ein universelles Konzil, doch wurde es aus der Perspektive der überlegenen und reichen Länder geschaffen. Die Kirche der modernen Welt wurde von dort aus definiert. Doch es gab eine Subgesellschaft in Armut und Unterdrückung, die von der lateinamerikanischen Kirche aufgefangen wurde. Die Kirche musste sich vom Mittelpunkt der Menschheit hin zur unmenschlichen Peripherie der Gesellschaft bewegen. Wenn es in dieser Peripherie Unterdrückung gab, musste der Auftrag der Kirche die Befreiung sein. Die Inspiration dazu kam von Papst Johannes XXIII. selbst, der sagte: „Die Kirche gehört allen, doch sie möchte vor allem die Kirche der Armen sein.“

Dieser Wandel fand seinen Ausdruck in den verschiedenen lateinamerikanischen Bischofskonferenzen, von Medellín (1968) bis Aparecida (2007), durch die vorrangige solidarische Option für die Armen und gegen Armut. Diese Option wurde zum Markenzeichen der lateinamerikanischen Kirche und der Theologie der Befreiung.

An dritter Stelle steht die Konkretisierung der Kirche als das Volk Gottes. Das 2. Vatikanische Konzil gab dieser Kategorie einen Platz ganz oben in der Hierarchie. Volk Gottes ist für die lateinamerikanische Kirche keine Metapher; die große Mehrheit der lateinamerikanischen Bevölkerung ist christlich und katholisch und von daher ein Volk Gottes, das unter der Unterdrückung leidet so wie in früheren Zeiten in Ägypten. Von dort aus entstand die Dimension der Befreiung, die die Kirche in all ihren Dokumenten von Medellín (1968) bis Aparecida (2007) offiziell anerkannte. Diese Vision vom Kirchenvolk Gottes ermöglichte das Aufkommen der kirchlichen Basisgemeinden und die soziale Seelsorge.

Viertens verstand das Konzil das in der Bibel enthaltene Wort Gottes als die Seele kirchlichen Lebens. Dies führte zu einem verbreiteten Bibellesen im Volk und zu Tausenden von Bibelkreisen. In diesen Kreisen messen die Christen ihr Leben an der Bibel und ziehen daraus praktische Schlussfolgerungen in einem Umfeld von Gemeinschaft, Teilhabe und Befreiung.

Fünftens öffnete das Konzil sich für die Menschenrechte. In Lateinamerika wurden Menschenrechte zuerst als Rechte der Armen verstanden und damit als erstes als das Recht auf Leben, Arbeit, Gesundheits-versorgung und Bildung. Von da aus lassen sich andere Rechte verstehen wie z. B. das Recht auf Mobilität.

Als 6. Punkt ist zu nennen, dass das Konzil die Ökumene unter den christlichen Kirchen aufgriff. In Lateinamerika konzentriert sich die Ökumene nicht so sehr auf die Unterschiede in der Lehre als vielmehr auf die Unterschiede in der Praxis: Alle Kirchen kämpfen gemeinsam für die Befreiung der Unterdrückten. Es ist eine Ökumene, die eine Mission erfüllt.

Schließlich wurde der Dialog mit anderen Religionen eröffnet, und in diesen wurde die Gegenwart des Geistes wahrgenommen, der bereits vor dem Missionar vor Ort ist. Aus diesem Grund sollten deren Werte respektiert werden.

Letztlich muss anerkannt werden, dass in keinem Kontinent das 2. Vatikanische Konzil so ernst genommen wurde wie in Lateinamerika, wo größere Veränderungen vorgenommen wurden und die Kirche der Armen zur Herausforderung für die Weltkirche und das Gewissen der ganzen Menschheit wurde.

Ûbersetzt von Bettina Gold-Hartnack