Die kosmiche Sichtweise gibt uns Hoffnung

Wir wollen für eine Sekunde unsere herkömmliche Betrachtungsweise der Dinge ändern und versuchen, unsere gegenwärtige Krise in den Rahmen der kosmischen Zeit zu stellen. Vielleicht können wir sie besser verstehen, indem wir sie so relativieren, und sie besser in den Griff kriegen, und zwar in einem hoffnungsvollen Kontext.

Die Zeit des Kosmos

Wir wollen uns vorstellen, dass die ca. 13 Milliarden Jahre des Universums auf ein einziges Jahrhundert komprimiert wären. Jedes „kosmische Jahr“ entspräche 113 Millionen Erdjahren.

Aus diesem Gesichtspunkt wurde die Erde im Jahr 70 des kosmischen Jahrhunderts geboren, und das Leben entstand in den Meeren zu unserer Überraschung irgendwann nach dem 73. Jahr. Fast zwei kosmische Jahrzehnte lang war Leben auf einzellige Bakterien beschränkt.

Eine neue schöpferische Phase begann im Jahr 93 mit der Entstehung sexueller Fortpflanzung lebender Organismen. Dies war, zusammen mit anderen Kräften, ausschlaggebend dafür, dass sich das Gesicht der Erde veränderte, denn es verwandelte auf radikale Weise die Atmosphäre, die Ozeane und die Geologie der Erde, wodurch unserem Planeten die Aufrechterhaltung komplexerer Lebensformen ermöglicht wurde. Ein Großteil der Biosphäre ist die Schöpfung solcher Mikroorganismen.

In dieser neuen Phase beschleunigte sich der Evolutionsprozess rasant. Zwei Jahre später, im Jahr 95, entstanden die ersten mehrzelligen Organismen. Ein Jahr darauf, im Jahr 96, erleben wir die Entstehung von Nervensystemen, und im Jahr 97 die ersten Wirbeltiere. Säugetiere tauchten in der Mitte des Jahres 98 auf, d. h. zwei Monate nach den Dinosauriern und einer immensen Pflanzenvielfalt.

Vor fünf kosmischen Monaten fielen Asteroide auf die Erde und zerstörten viele Spezies einschließlich der Dinosaurier. Kurz darauf jedoch produzierte die Erde, als wolle sie sich revanchieren, eine Lebensvielfalt wie nie zuvor.

In dieser Ära, als die Blumen entstanden, betraten unsere Urahnen die Bühne der Evolution. Dann wurden sie zu Aufrechtgängern (vor 12 kosmischen Tagen), und mit homo habilis begannen sie, Werkzeuge zu benutzen (vor 6 kosmischen Tagen), während homo erectus das Feuer kontrollierte (gerade mal vor einem kosmischen Tag). Vor 12 kosmischen Stunden erschienen Neuzeit-Menschen (homo sapiens).

Während des Nachmittags und der Nacht unseres ersten kosmischen Tages lebten wir in Harmonie mit der Natur, und wir achteten ihre Rhythmen und waren uns der Gefahren bewusst. Unsere Anwesenheit hatte  bis vor 40 Minuten kaum Einfluss auf die biologische Lebensgemeinschaft, als wir begannen, Pflanzen und Tiere zu züchten und die Landwirtschaft zu entwickeln. Danach intensivierte sich unser Eingreifen in die Natur, und vor 20 Minuten begannen wir, Städte zu bauen und zu bewohnen.

Vor nur 2 Minuten wurde unser Einfluss wirklich bedrohlich. Europa verwandelte sich selbst in eine technologische Gesellschaft und erweiterte seine Macht durch koloniale Ausbeutung. In dieser Phase wurde das Welt-Projekt gebildet: mit einem Zentrum und mehreren Peripherien und einem Graben zwischen Arm und Reich.

In den letzten 12 Sekunden (seit 1950) hat sich der Rhythmus der Erforschung und der Zerstörung der Umwelt dramatisch beschleunigt. In dieser kurzen Zeit haben wir fast die Hälfte der größten Urwälder zerstört. In den nächsten 12 kosmischen Sekunden, wird die Erd-Temperatur um 0,5° C ansteigen, und innerhalb kurzer Zeit könnte sie um 5° C steigen und damit den Großteil der Biosphäre und Millionen von Menschen in Gefahr bringen. In den letzten 5 kosmischen Sekunden hat die Erde Boden eingebüßt im Ausmaß allen fruchtbaren Lands von Frankreich und China und wurde mit Zehntausenden neuer Chemikalien überschwemmt, von denen viele hochgradig giftig sind und die Lebensgrundlagen bedrohen.

Wir rotten zurzeit 27 bis 100 Tausend Spezies pro Jahr aus. Manche Wissenschaftler schätzen, dass in den nächsten 7 kosmischen Sekunden 20-50 % aller Spezies aussterben werden. Wann wird dies aufhören? Und warum so viel Zerstörung?

Unsere Antwort lautet: Dafür, dass ein kleiner Teil der Menschheit privat oder unternehmerisch in den Genuss der „Erträge“ dieses Zivilisationsprojektes  kommt. 20 % der Reichsten verdienen zurzeit das Zweihundertfache der 20 % der Ärmsten. Zu Beginn des Jahres 2008, vor der gegenwärtigen Wirtschaftsfinanzkrise, hatten wenige Tausend Millionäre zusammen in etwa das Doppelte des gesamten Jahreseinkommens der ärmsten 50 %. Auf das Einkommen bezogen bedeutet das, dass das reichste Prozent der Menschheit soviel besitzt wie die 57 ärmsten Prozent verdienen.

Die Zeit der Erde

Unser Planet, der die Frucht von mehr als vier Milliarden Jahren Evolution ist, wird von einer kleinen Minderheit von Menschen aufgezehrt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Entwicklung der Menschheit verursacht eine solche Minderheit und, in geringerem Ausmaß wir alle, die oben besprochenen Probleme. Die Gefahren, die daraus resultieren, bedrohen unsere Zukunft und unsere Lebensweise.

Jedoch wollen wir nicht, indem wir auf der Ernsthaftigkeit der Krise beharren, eine derart apokalyptische Vision projizieren, die Lähmung und Hoffnungslosigkeit hervorruft. So wie wir diese Probleme selbst verursacht haben, können wir sie auch lösen, wenngleich manche nicht mehr rückgängig zu machen sind. Das bedeutet, es gibt Hoffnung auf eine zufriedenstellende Lösung der Krise.

Wer letzten Juli an der Großen Völkerversammlung in Rio de Janeiro oder an den Weltsozialforen teilnahm, ist sich dessen bewusst, dass es Tausende und Abertausende von mitdenkenden und kreativen Menschen auf der ganzen Welt gibt, die daran arbeiten, praktische Alternativen zu entwickeln, die es der Menschheit ermöglichen, in Würde zu leben und ohne die Gesundheit der Ökosysteme und von Mutter Erde anzugreifen.

Wir verfügen über ausreichend Informationen und Wissen, um die gegenwärtige Krise zu überwinden. Dazu müssen wir die Intelligenz des Herzens und der Gefühle aktivieren, die die notwendigen Träume hervorruft, Solidarität, Mitgefühl und ein Gespür für unsere gegenseitige Abhängigkeit (Interdependenz) und universelle  Verantwortung.
Es ist wichtig zu erkennen, dass die Bedrohungen, mit denen wir konfrontiert sind, Symptome einer chronischen kulturellen und spirituellen Krankheit sind. Dies betrifft uns alle, vor allem die 20 % von uns, die den Großteil des Reichtums der Welt verbrauchen. Diese Krise zwingt uns, ein anderes Zivilisationsparadigma zu entwerfen, denn das aktuelle ist zu zerstörerisch. Darüber schreiben wir oft in unseren Artikeln.

Krisenzeiten können auch schöpferische Zeiten sein, Zeiten, in denen neue Visionen und neue Gelegenheiten entstehen. Das chinesische Schriftzeichen für Krise, weiji, resultiert aus der Kombination der Schriftzeichen für Gefahr und Gelegenheit. Dies ist kein simpler Widerspruch oder Paradoxon; die tatsächlichen Gefahren zwingen uns, nach den tieferen Gründen zu suchen und Alternativen zu entwickeln, um die Gelegenheiten nicht zu versäumen.

In unserer Kultur leitet sich das Wort Krise aus dem Sanskrit-Wort kri ab, das reinigen und aufdecken bedeutet. D. h. es geht um einen sehr schmerzhaften, aber überaus positiven Prozess der Reinigung unserer Sichtweise, der als eine Feuerprobe unserer ethisch-spirituellen Haltungen dient. Beide Bedeutungen, sowohl die chinesische als auch die aus dem Sanskrit, sind aufschlussreich.

Unsere Zeit

Wir müssen die Weisheitsquellen der zahlreichen Kulturen der Menschheit wieder aufgreifen. Manche sind althergebracht und werden uns durch diverse kulturelle und spirituelle Traditionen überliefert. Die Kategorie vom „guten Leben“ der Andenkulturen ist fundamental. Andere wiederum sind moderner, wie die tiefgreifende Ökologie, der Feminismus und der Öko-Feminismus, die transpersonale Psychologie und die neue Kosmologie, die sich von den komplexen Wissenschaften, der Astrophysik und den neuen Erkenntnissen über das Leben und die Erde herleitet.

Zum Abschluss ein Zitat von zwei bedeutenden nordamerikanischen Umweltschützerinnen und Erzieherinnen, Joanna Macy und Molly Young Brown: „Das außergewöhnlichste Charakteristikum dieses gegenwärtigen historischen Moments der Erde ist nicht, dass wir dabei sind, unseren Planeten zu zerstören, denn dies tun wir bereits seit langer Zeit, sondern dass wir beginnen, von einem tausend Jahre alten Traum erwachen zu einer neuen Art von Beziehung mit der Natur, mit dem Leben, mit der Erde, mit den anderen und mit uns selbst. Dieses neue Verständnis wird die Große Transformation, nach der wir uns so lange sehnen, ermöglichen.“ (Joanna Macy und Molly Young Brown, Nossa vida como Gaia, 2004, 37) Die Große Transformation wird kommen, durch die Gnade der Evolution und durch die Gnade Gottes.

Ins Deutsche übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Der Korrupte: der dessen Herz zerrissen ist

Die weit verbreitete Empörung über die Korruption in Brasilien und überall auf der Welt macht Platz für Resignation und Gleichgültigkeit, denn da sie so gut wie immer ungestraft bleibt, fehlt den meisten die Zuversicht auf eine Lösung dieses Problems.

Die Theologie kann etwas zu diesem Thema beisteuern. Sie hält daran fest, dass sich die gegenwärtigen Lebensumstände der Menschen aufgrund einer korrupten Handlung zwischen Zerfall und Dekadenz befinden (Infralapsarianismus, wie es in der theologischen Fachsprache heißt). Der biblischen Erzählung zufolge ließ sich die Frau von der Schlange korrumpieren, der Mann von der Frau, und zusammen hinterließen sie uns das Erbe der Korruption über aller Korruption in dem Ausmaß, dass selbst Gott “es reute, den Menschen gemacht zu haben“ (Genesis 6,6). Wir sind die Söhne und Töchter der ersten korrupten Handlung.

Im Christentum wird alles Böse auf diese erste Korruption zurückgeführt, die als Erbsünde (peccatum originale) bezeichnet wird. Dieser Ausdruck ist dem heutigen Ohr fremd. Nur wenige benutzen ihn noch. Dennoch wage ich, ihn wiederzubeleben, denn er beinhaltet eine unleugbare Wahrheit, die durch Sartres philosophische Reflexion und sogar durch Kants philosophischen Rigorismus bestätigt wird, der besagt: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass dieser Begriff von der Theologie geschaffen wurde. Er findet sich nicht als solcher in der Bibel. Er wurde von Augustinus im Briefwechsel mit Hieronymus formuliert. Den Begriff „Erbsünde“ (peccatum originale) gebrauchte er als etwas, das sich auf die Vergangenheit bezieht. „Erbe“ („originale“) meinte nicht die geschichtliche Herkunft der Menschen. Augustinus bezog sich vielmehr auf die Gegenwart: Die gegenwärtige Situation des Menschen ist zutiefst verderbt und von Verzerrung gezeichnet, was bis auf die Ursprünge seiner Existenz zurückreicht (von daher Erbe /„originale“). Augustinus macht sich die etymologische Bedeutung des Wortes „korrupt“ zunutze, die darin besteht, ein Herz (cor) zu haben, das gebrochen (ruptus/rompere) ist.

Folglich tragen wir mit uns eine innere Zerrissenheit, die einem gebrochenen Herzen gleichkommt. In heutiger Sprache ausgedrückt: Wir sind dia-bolisch und sym-bolisch, wissend und schwachsinnig, fähig zur Liebe als auch zum Hass.

Dies ist die aktuelle Conditio humana. Doch aus Neugier fragte Augustinus, wann dies begann. Er gibt sich selbst die Antwort: Seit wir das menschlichen Wesen kennen, seit seinen Ursprüngen (originale). Daher leitet sich die zweite Bedeutung des Wortes „originale“ ab. Doch diese Frage ist ihm nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir im Hier und Jetzt korrupte Wesen sind, die korrumpierbar sind und andere korrumpieren. Und dass wir an jemanden glauben, an Christus, der uns aus dieser Situation befreien kann.

Wo aber ist die Korruption am sichtbarsten? Die Antwort finden wir bei dem berühmten Katholiken Lord Acton (1843-1902): in den Machthabern. Mit Nachdruck behauptet er: „Mein Dogma ist die allgemeine Bosheit der Mächtigen; sie werden immer korrupter.“ Und von ihm stammt das viel zitierte Sprichwort: „Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut.“ Doch warum ist es gerade die Macht? Das liegt daran, dass sie eine der stärksten und verführerischsten Archetypen der menschlichen Psyche ist. Sie verleiht uns ein Gefühl der Allmacht und ein kleiner „Gott“ zu sein. Hobbes bekräftigt in seinem Leviathan (1651): „Ich stelle fest, dass alle Menschen einen allgemeinen Hang zu einem ständigen und ruhelosen Verlangen nach Macht und nach immer mehr Macht haben, das erst im Tod nachlässt. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass man sich der  Macht nicht sicher sein kann außer durch das Streben nach noch mehr Macht.“

Diese Macht materialisiert sich im Geld. Aus diesem Grund hat die Korruption, die wir heutzutage beobachten, mit Geld und immer mehr Geld zu tun. Es gibt einen Spruch in Ghana: „Der Mund lacht, doch Geld lacht besser.“  Der Korrupte fällt auf diese Illusion herein.

Wir haben bis heute für diese innere Wunde noch keine Heilung gefunden. Wir können nur das Ausbluten verlangsamen. Ich glaube, dass die biblische Methode letztlich gültig wirksam ist: den Korrupten aufdecken, ihn mit seiner Korruption konfrontieren und ihn einfach aus dem Paradies vertreiben, d. h. die Korrupten und die Korrumpierten aus der Gesellschaft zu entfernen und ins Gefängnis zu stecken.

Frei ins Deutsche übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Forderungen an den neoliberalen Kapitalismus in der Krise

 

Die Krise des Neoliberalismus hat das Herz jener Länder erreicht, die sich am meisten das Recht anmaßen, nicht nur die wirtschaftlich-finanziellen Vorgänge zu bestimmen, sondern auch den Gang der Geschichte der Menschheit zu bestimmen. Es ist eine Krise der politischen Ideologie des minimalisierten Staates und der Privatisierung der Gemeingüter wie auch der kapitalistischen Produktionsweise, die sich extrem ver-schlimmert hat durch eine Machtkonzentration, wie sie die Geschichte noch nie zuvor erlebt hat. Unserer Meinung nach wird diese Krise eine systemische und endgültige sein.

Dem Kapitalismus ist es bisher noch immer gelungen, die Mittel zum Zweck der grenzenlosen Anhäufung von Reichtum zu finden und sie auch alle einzusetzen, einschließlich des Krieges. Kapitalismus gewann durch Zerstörung und anschließend durch den Wiederaufbau. Die Krise von 1929 wurde nicht durch wirt-schaftspolitische Mittel gelöst, sondern durch den 2. Weltkrieg. Ein solcher Verlauf scheint nun unpraktikabel, denn Krieg ist so zerstörerisch geworden, dass er die ganze Menschheit ausrotten könnte und den Großteil der Biosphäre. Es ist jedoch nicht sicher, ob der Kapitalismus in seinem Wahnsinn nicht doch zu diesem Mittel greifen würde.

Diesmal gibt es zwei unüberwindliche Hindernisse, die Recht zur Annahme geben, dass sich die historische Zeit des Kapitalismus zum Ende neigt.  Das erste besteht in einer saturierten Welt, d. h. der Kapitalismus hat sich auf globalem Level flächendeckend ausgebreitet. Das andere, wirklich unüberwindliche Hindernis sind die Grenzen des Planeten Erde. Ihre Güter und Dienste sind begrenzt, und viele von ihnen sind nicht erneuerbar. Wie der italienische Analyst Luigi Soja versichert, hat die letzte Generation mehr Energiequellen verbraucht als alle vorige Generationen zusammen. Was werden wir tun, wenn sie auf ein kritisches Niveau fallen oder ganz einfach erschöpft sein werden? Die Trinkwasser-Knappheit kann dazu führen, dass die Menschheit mit der Dezimierung um Millionen von Leben konfrontiert sein wird.

Bisher wurden die vorgeschlagenen Regulierungen und Kontrollen einfach ignoriert. Die UN Kommission für die internationale Finanz- und Währungskrise, deren Koordinator der Nobelpreisträger für Wirtschaft, Joseph Stiglitz (bekannt als Stiglitz-Kommission) war, unternahm im Januar 2009 große Anstrengungen, um system-interne Reformen im Sinne des Keynesianismus zu unterbreiten. Sie schlug eine Reform der internationalen Finanzorganismen (IWF, Weltbank) vor, sowie der Welthandelsorganisation (World Trade Organization). Sie sah die Schaffung eines weltweiten Rats für Wirtschaftliche Koordinierung auf demselben Niveau wie der Sicherheitsrat vor, die Errichtung eines Systems globaler Reserven als Referenzwährung und als Gegen-gewicht zur Vorherrschaft des Dollars, die Institution eines internationalen Steuersystems, die Abschaffung von Steuerparadiesen und des Bankgeheimnisses und schließlich die Reform des Ratingsystems. Dies alles wurde abgelehnt. Die Vereinten Nationen akzeptierten nur die Einrichtung einer ständigen Expertengruppe zur Krisenprävention, für die sich kein Staat interessiert, denn das, was wirklich zählt, sind die Börsen und die Finanzspekulation.

Aufgrund dieser enttäuschenden Erkenntnis sind wir davon überzeugt, dass die Logik dieses vorherrschen-den Systems den Planeten zu einem für uns unangenehmen Ort werden lassen kann und zu solch schwer wiegenden sozio-ökologischen Katastrophen führen kann, dass diese unsere Zivilisation und die mensch-liche Spezies bedrohen könnten. Bei Rio+20 bekam dieser Typus von Kapitalismus einen grünen Anstrich, um alle Naturgüter und -dienstleistungen, die Gemeingüter sind, mit einem Preis zu versehen. Tatsache ist, dass es an mittel- und langfristigen Bedingungen fehlt, um diese Vorherrschaft zu sichern. Es muss eine andere Weise entstehen, die Erde zu bewohnen und ihre Güter und Dienstleistungen zu  nutzen.

Übersetzt von Bettina Goldhartnack

Vernunft im Entwicklunsstadium zwischen Raupe und Puppe

 

Wer meine zuletzt verfassten Texte über Ökologie und die dramatische Situation der Erde gelesen hat, bekam möglicherweise einen pessimistischen Eindruck. Wer die reale Gefahr erkennt, die unser Geschick bedroht, kann jedoch nicht pessimistisch sein. Wir müssen stets die Realität respektieren, aber gleichzeitig ist es wichtig, unseren Wahrnehmungshorizont der Wirklichkeit zu erweitern. Allen Ereignissen liegt eine Art utopisches Potenzial zugrunde. Wenn wir die Realität solcherart bereichert verstehen, ist ein statischer Pessimismus nicht zu rechtfertigen, sondern es ergibt sich ein hoffnungsvoller Realismus. Dieser hält das eventuelle Erscheinen des Neuen bereit, das sich innerhalb des Potenziellen und der Utopie verbirgt. Dieses Neue schreibt dann Geschichte, lässt einen anderen Bewusstseinszustand entstehen und ist der Beginn zu einem neuen sozialgesellschaftlichen Versuch.

Mehr noch: Wenn wir etwas Abstand gewinnen und unsere Geschichte an der kosmischen Zeit messen, finden wir umso mehr Grund zur Hoffnung. Wenn wir die 13,7 Milliarden Jahre, das geschätzte Alter unseres Universums,  in einem Jahr verdichten, werden wir feststellen, dass wir als Menschen erst seit einem winzigen Bruchteil dieser Zeit existieren. Demnach entstanden unsere vor-humanen Vorfahren am 31. Dezember um 17.00 Uhr. Am 31. Dezember trat um 20.00 Uhr das primitive menschliche Wesen auf die Bühne. Am 31. Dezember, Um 11:58:10 Uhr tauchten die heutigen Menschen, genannt sapiens, auf. Am 31. Dezember um 11:59:56 kam Jesus von Nazareth zur Welt. Am 31. Dezember um 11:59:59:02 kam Cabral in Brasilien an. Wie wir sehen können, sind wir auf der zeitlichen Ebene fast bedeutungslos.

Wenn wir weiterhin die 15 großen zerstörerischen Ereignisse bedenken, die die Erde überstanden hat, vor allem das Kambrium vor 570 Millionen Jahren, während dessen zwischen 75 und 90 % des Lebenskapitals verschwand, sehen wir, dass das Leben immer alles ausgehalten und überlebt hat. Und wenn wir unser Augenmerk nur auf die Menschen richten, so haben wir mehrere Eiszeiten überlebt.

Darüber hinaus hatte der Mensch einen leicht beschleunigten Prozess des Enzephalisationsquotienten (Gehirnwachstum im Vergleich zum Gesamtkörpergewicht). Ca. 2,2 Millinen Jahre lang gab es den homo habilis, dann kam der homo erectus, und seit den letzten hunderttausend Jahren gibt es den homo sapiens, der nun schon richtig menschlich ist. Es waren soziale Wesen, zeigten Kooperationsfähigkeit und benutzten Sprache, eine menschliche Eigenart.

In einem Zeitraum von einer Millionen Jahre wurde das Gehirnvolumen dieser drei homo-Typen verdoppelt. Seit dem Erscheinen des homo sapiens vor 100 000 Jahren wuchs die Gehirngröße nicht mehr. Dies war nun nicht mehr nötig aufgrund der Entwicklung des äußeren Gehirns, der künstlichen Intelligenz, d. h. der Fähigkeit, Werkzeuge und Apparate herzustellen zwecks Veränderung der Welt, sowie Kultur zu schaffen, eine einzigartige Eigenschaft des homo sapiens sapiens.

Zu Beginn des Neolithikums vor ca. 10 000 Jahren wurden die ersten Städte gegründet, womit der Entwicklungsprozess der Kultur einsetzte, wie auch des Staates, der Bürokratie und des Krieges. Der systematische Gebrauch der instrumentellen Vernunft zur Beherrschung der Natur, andere zu erobern und zu unterwerfen, war auch etabliert. Es gab auch offensichtlich andere Arten von Vernunft, wie die emotionale, symbolische und die des Herzens, doch diese waren der instrumentellen Vernunft untergeordnet, einer Art der Vernunft, die gleichzeitig kreativ und destruktiv ist und in der heutigen Zeit ihren Höhepunkt erreicht hat.

Der Entwicklungsprozess des Schmetterling bietet uns eine interessante Metapher. Der Schmetterling wird nicht als Schmetterling geboren. Er ist zu Beginn ein einfaches Ei, das sich in eine Raupe verwandelt, einen  unersättlichen Blätterfresser. Dann rollt er sich zusammen, verpuppt sich und bildet einen Kokon rings um sich. Innerhalb dieses Kokons webt die Natur seinen Körper neu und verleiht ihm Farben. Wenn alles fertig ist, bricht der Kokon auf und ein wunderbarer Schmetterling kommt heraus.

Wir Menschen befinden uns noch im Stadium der Raupen und Puppen: Raupen, denn Tag und Nacht verschlingen wir Natur; Puppen, denn wir haben uns in uns selbst verschlossen und sehen nichts mehr um uns herum.

Worin besteht unsere Hoffnung? Dass die Vernunft den Kokon zerbricht und als Schmetterlings-Vernunft hervor tritt. Vielleicht wird die gegenwärtige Situation, die voller Gefahren ist, die Geburt der Schmetterlings-Vernunft vorantreiben. Sie flattert umher, nicht destruktiv, sondern kooperativ, denn sie bestäubt die Blumen.

Wir befinden uns immer noch im Entstehungsprozess. Wir sind noch nicht fertig geboren. Wenn wir erst einmal fertig geboren sind, werden wir alle Wesen respektieren und mit ihnen friedlich zusammenleben. Wir werden für immer die Phase der Raupe und der Puppe überwunden haben. Als Schmetterlinge werden wir Träger der besonnenen Vernunft sein, die uns eine Zukunft mit der Erde ohne Bedrohungen ermöglicht.

Übersetx von Bettina Goldhartnack