Wird Papst Franziskus für die Kirche das dritte Jahrtausend einläuten?

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Das erste Jahrtausend des Christentums war vom Paradigma der Gemeinschaft gekennzeichnet. Die Kirchen besaßen eine relative Eigenständigkeit mit eigenen Riten, wie dem orthodoxen, dem koptischen, dem des Ambrosius von Mailand, dem mozarabischen aus Spanien u. a. Sie verehrten ihre jeweiligen Märtyrer und Bekenner und hatten ihre Theologien. Für das in Nordafrika blühende Christentum waren das der Hl. Augustinus, der Hl. Cyprian und der Laientheologe Tertullian. Sie erkannten sich untereinander an, und obwohl sich in Rom bereits eine eher juristische Sichtweise abzeichnete, war zumeist ein von Barmherzigkeit  geprägter Führungsstil anzutreffen.

Das zweite Jahrtausend war gekennzeichnet vom Paradigma einer Kirche als perfekte und hierarchisch gegliederte Gesellschaft: eine absolutistische Monarchie, in deren Zentrum und als Oberhaupt (Cephalisation) sich die Person des Papstes befindet, dem uneingeschränkte Macht gegeben ist und darüber hinaus Unfehlbarkeit in Glaubens- und Sittenfragen, wenn er etwas „ex cathedra“ verkündet. Ein Kirchenstaat wurde gegründet, der über eine eigene Armee verfügte, über ein Finanzsystem und eine Gesetzgebung, die die Todesstrafe beinhaltete. Man bildete eine Expertengruppe für die Institution, die römische Kurie, die die Verantwortung für die Verwaltung der Weltkirche innehat. Diese Zentralisierung führte zur Romanisierung der ganzen Christenheit. Die Evangelisierung Lateinamerikas, Asiens und Afrikas ging einher mit dem Prozess der Kolonialisierung der Welt und bedeutete ein Überstülpen des römischen Modells.

Abgeschafft wurde die Eingliederung in die jeweilige Lokalkultur, welche nun zum Großteil mit Kreuz und Schwert bekämpft wurde. Es wurde eine offizielle strikte Aufteilung in Klerus und Laien vollzogen als wäre dies von einer göttlichen Ordnung vorgegeben. Die Laien waren nun ohne Entscheidungsmacht (im ersten Jahrtausend nahmen sie selbst an der Wahl der Bischöfe und dem Papst teil) und wurden rechtlich und tatsächlich wie Kinder und als minderwertig behandelt.

Die höfischen Sitten der Priester, Bischöfe, Kardinäle und Päpste verfestigten sich. Die Machttitel der römischen Kaiser, beginnend bei dem des Papstes und des Pontifex wurden auf den Bischof von Rom übertragen. Die Kardinäle, die Prinzen der Kirche, kleideten sich wie der Hochadel der Renaissance, und dies ist bis heute noch in den Augen nicht weniger Christen ein Skandal, die Jesus als einen Mann des Volkes und als Armen vor Augen haben, der verfolgt, gefoltert und am Kreuz hingerichtet wurde.

Alles weist darauf hin, dass dieses Modell von Kirche mit dem Rücktritt Benedikts XVI ein Ende genommen hat. Er war der Papst des letzten monarchischen Modells, in dem in einem tragischen Kontext von Skandalen die Grundfeste der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft ins Wanken gebracht wurden. 

Mit der Wahl des Papstes Franziskus, der vom „Ende der Welt“ kommt, wie er sich selbst vorstellte, also von der Peripherie der Christenheit, dem Großen Süden, wo 60 % der Katholiken leben, wird das Paradigma der Kirche des dritten Jahrtausends eingeführt: die Kirche als ein weites Netz von christlichen Gemeinschaften, die in unterschiedlichen Kulturen verwurzelt sind, von denen einige älter sind als die des Westens, wie die chinesische Kultur, die indische und die japanische, die Stammeskulturen Afrikas und die gemeinschaftlich organisierten aus Lateinamerika. Sie verkörpert sich auch in der modernen Kultur der technisch fortgeschrittenen Länder mit einem Glauben, der in kleinen Gemeinschaften gelebt wird.

All diese Verkörperungen haben eines gemeinsam: die Urbanisierung der Menschheit, die zu 80 % in den großen Ballungsräumen von Millionen und Abermillionen Menschen lebt. 

In diesem Kontext wird es praktisch unmöglich sein, von Territorialgemeinden zu sprechen, sondern von Hausgemeinden, Stadtviertelgemeinden oder Gemeinden benachbarter Straßen. Das Christentum wird Laien als Vorsteher haben, die von verheirateten oder ledigen Priestern, Priesterinnen und Bischöfen angeleitet werden, denen es mehr um Spiritualität geht als um Verwaltung. Die Kirchen werden ein anderes Gesicht haben, das zu ihrer jeweiligen Kultur passt. 

Die Reform, auf die wir hoffen, wird sich nicht auf die römische Kurie beschränken, welche sich in katastrophalem Zustand befindet, sondern muss sich auf alle Institutionen der Kirche ausdehnen. Möglicherweise wird nur durch die Einberufung eines neuen Konzils mit Vertretern aus der ganzen Christenheit, mit Persönlichkeiten, die für ihren Lebenswandel und ihre Integrität bekannt sind, und mit weltweiten Vertretern der Zivilgesellschaft dem Papst die Sicherheit für die Richtlinien einer Kirche des dritten Jahrtausends verliehen. Mögen der Hl. Geist und sein Mut für das Neue ihn nicht im Stich lassen!

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

4 comentários sobre “Wird Papst Franziskus für die Kirche das dritte Jahrtausend einläuten?

  1. Jede De-zentralisierung in der Kirche muss eine Veränderung im kirchlichen Selbstverständnis und in deren Theologie vorhergehen. Das jetzige theologische Paradigma ist ein antikes (Aristoteles und/oder Platon) sowie das kirchliche Selbstverständnis nach dem 2. Vatikanischen Konzil leider noch immer das eines heiligen Restes ist, der nur durch strenge “Kontrolle” (daher Kurie und Hierarchie) als solcher “rein” erhalten werden kann. Bevor also von De-zentralisierung gesprochen werden kann muss woanders eine Reform vorhergehen. Aber das wird nicht gesehen. Dann würde vielleicht auch das Frauenpriestertum oder Verhütung oder auch anderes kein Problem mehr darstellen. Aber eben dazu müsste die Kirche von ihrem Denken und Auftreten im 19. Jahrhundert (das würde schon reichen) ankommen.
    Daher wird es dann wohl nicht so sein, das wir bald (in meiner Lebenszeit) eine Veränderung stattfinden wird.

    Im Übrigen: Franziskus wurde vom Killer der Befreiungstheologie ernannt: Papst Johannes Paul 2., dessen Paladin Ratzinger war…

    Es bräuchte kein neues Konzil sondern den Willen das letzte nicht ständig zu unterlaufen! Man lese nur mal GS und dann die Stellungsnahme vom Ratzinger zur Befreiungstheologie aus den 70er Jahren. Der kann GS nie gesehen oder gelesen haben…

    LG

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