DER  KOSMISCHE CHRISTUS

Wie ein zeitgemeszer spiritueller Zugang zu Jesus Christus aussehen könnte

Von Leonardo Boff

Das »Gottesgerücht«,die Vermutung, dass unsere tiefe Sehnsucht nach dem Unendlichen nicht ins Leere läuft, ist offenbar nicht auszutilgen. In den vielfältigen Formen von Religionen und spirituellen Wegen – tastenden Versuchen, das letzte Geheimnis des Daseins zu benennen – nimmt es Gestalt an. Im christlichen Bekenntnis streift die Gottesidee jede Ambivalenz ab: Wer Gott ist, gewinnt für Christinnen und Christen letzte Eindeutigkeit in Jesus von Nazaret, in seinem Lebensschicksal und in der befreienden Praxis der jesuanischen Bewegung. Der tragende Grund allen Seins, der Ursprungsquell, aus dem alles hervorgeht, erweist sich als die bedingungslose Liebe und unendliche Vergebung, die wir mit Jesus zärtlich Abba, lieber Papa, nennen dürfen. Gott erweist sich als der, dessen Liebe zu allererst den Ausgegrenzten, den Armen und Leidenden gilt, denen eine Gesellschaft verheißen ist, in der alle Platz haben (Reich Gottes). Die christologischen Dogmen in ihren kaum mehr nachvollziehbaren philosophischen Kategorien haben letztlich keinen anderen Sinn, als diese Konkretisierung der Gottesidee zu bewahren.

Ein glauwürdiges Bekenntnis

Das Bekenntnis zu Jesus, einer konkreten Person aus dem Mittelmeerraum am Rand des Römischen Reiches, als dem Christus, in dem offenbar wird, wer Gott ist, steht heute allerdings vor zwei großen Herausforderungen. Wie entgeht man der Gefahr eines Exklusivismus und christlichen Kolonialismus, der andere Religionen entwertet und nicht mehr gelten lässt? Und: Wie lässt sich das christliche Bekenntnis glaubwürdig aussagen angesichts unserer Einsichten in einen sich entwickelnden Kosmos, angesichts der globalen Herausforderungen der »Planetarisierung« und der Herausbildung eines kollektiven Bewusstseins der gesamten Menschheitsfamilie?

Bereits die ersten christlichen Gemeinden entwickelten Kategorien, um die universale Bedeutung des historischen Jesus so zur Sprache zu bringen, dass sie im hellenistischen Kulturraum verständlich und akzeptabel war. Eine solche Kategorie ist etwa der »Logos« des Johannesevangeliums, der das in Jesus Fleisch gewordene Wort mit der Sinngestalt der Welt insgesamt verbindet. Mit der Denkfigur der »logoi spermatikoi«, der Samenkörner des Wortes, haben die Kirchenväter die Identifikation dieses Logos mit Jesus von Nazaret vor jedem Ausschließlichkeitsanspruch bewahrt und Offenbarungen Gottes in anderer Gestalt prinzipiell anerkannt. Die Rückbindung an Jesus blieb allerdings das Unterscheidungskriterium zwischen wahr und falsch.

Eine andere, bereits dem Ersten Testament entstammende Kategorie, um die Ordnung des Universums zum Ausdruck zu bringen, das nicht als eine unpersönliche Kraft gedacht werden kann, sondern als höchste Subjektivität und höchstes Bewusstsein, ist die der Weisheit (sophia). Es war die Feministische Theologie, die auf deren zentrale Bedeutung für das Verständnis Jesu hingewiesen hat. Die deuteropaulinischen Briefe haben die Vorstellung eines kosmischen Christus entwickelt, in dem »alles Bestand« hat, »auf den hin alle Dinge geschaffen wurden« (Kolosserbrief 1,15–17) und der das Haupt ist, in dem das All zusammengefasst ist (Epheserbrief 1,10).

Nimmt man das Bekenntnis des Konzils von Chalkedon (451 n. Chr.) ernst, welches das »wahre Menschsein« Christi festhält, dann ist diese kosmische Dimension Christi zunächst vor dem Hintergrund jener Voraussetzungen zu sehen, die Jesus mit allen Menschen teilt: Ihm eignet dieselbe menschliche Natur, die sich im Laufe von Milliarden Jahren herausgebildet hat. Konkret: In ihm sind alle Grundenergien des Universums sowie die physikalisch-chemischen Elemente vorhanden, die sich im Inneren der Sterne vor Milliarden Jahren gebildet haben, bevor sie explodierten und diese Elemente ins All hinausschleuderten.

Christisch und Christlich

Das Eisen, das in den Adern Jesu zirkulierte, der Phosphor und das Kalzium, der Stickstoff, der Sauerstoff und der Kohlenstoff machen aus Jesus wie aus allen anderen Menschen wahrhaft kosmische Wesen. Ihre Wurzeln finden sich in der Milchstraße, ihre Wiege im Sonnensystem, ihr Haus auf dem Planeten Erde. Wie alle übrigen Menschen gehörte Jesus zur Klasse der Säugetiere, der Ordnung der Primaten, der Familie der Hominiden, der Gattung Mensch und der Spezies Homo sapiens. Er dachte und handelte mit den Hilfsmitteln, die ihm seine Kultur bereitstellte.

Es war der große Naturwissenschaftler, Paläontologe und Mystiker aus dem Jesuitenorden, Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955), der das Bekenntnis zum kosmischen Christus zeitgemäß erneuerte. Teilhard war einer der Ersten, der den christlichen Glauben innerhalb eines evolutiven Weltbildes neu formulierte. Seine wissenschaftliche Arbeit galt letztlich keinem anderen Ziel, als die Herztöne des Herzens Christi im Herzen der Materie zu vernehmen. Er überwand damit jeden Supranaturalismus, aber auch ein verkürztes Verständnis von Natur und Materie selbst. Das Evolutionsgeschehen lässt sich nach Teilhard nicht auf die Mechanismen von Zufallsmutation und Selektion reduzieren. In ihm lässt sich eine Richtung »nach vorne und oben« erkennen, Tendenzen zu immer mehr Komplexität, Innerlichkeit, Sich-Selbst-Gegebenheit, Personalisierung und Liebesfähigkeit. Christus kann er schließlich als den Konvergenzpunkt, als den »Punkt Omega«, identifizieren, im dem der Sinn und Grundimpuls des Evolutionsgeschehens offenbar wird. Eine seiner Kurzformeln des Glaubens lautet daher: »Ich glaube, das Universum ist eine Evolution. Ich glaube, die Evolution geht in Richtung des Geistes. Ich glaube, der Geist vollendet sich im Personalen. Ich glaube, das höchste Personale ist der Christus-Universalis.«

Teilhard de Chardin prägte den Ausdruck »christisch« im Unterschied zu »christlich«. Der Schöpfung und der Menschheit eignet eine christische Dimension. Sie ist ein objektiver Tatbestand, der eng verbunden ist mit dem Geheimnis der Schöpfung im Prozess der Evolution, der Ausdehnung und der Selbstschöpfung. Diese objektive Gegebenheit wird zu etwas Subjektivem, wenn sie im Menschen Jesus und seinen Jüngern und Jüngerinnen ins Stadium der Bewusstheit eintritt. Jüngerinnen und Jünger bildeten (und bilden weiterhin) eine Schicksalsgemeinschaft um diese neue Bewusstseinsstadium herum. Das »Christische« wird nun zum »Christlichen«.

Das heißt aber: Der historische Jesus schöpft nicht alle im Christischen enthaltenen Möglichkeiten aus. Das mit dem Geheimnis der Schöpfung verbundene Christische kann auch in anderen Gestalten zur Erscheinung kommen. In der Tat tritt es in jedem Menschen, in allen lebendigen Organismen, in jeder Seinsform des Universums, in der Materie, in der subatomaren Welt, in den Ursprungsenergien hervor. Das Christische ist an der Wurzel von von jenem Sein, das alles Seiende ins Dasein ruft. Achten wir auf die folgende Logik: Der Mensch Jesus wurde zu Christus, und Christus wurde zu Jesus von Nazaret. Jesus von Nazaret wurde so zur Offenbarung Christi, des Logos oder des Sohnes.

Erleuchtung und Inkarnation

Der Buddhismus kennt einen ähnlichen Weg. Zunächst existiert Siddhartha Gautama, die historische Gestalt, die sechshundert Jahre vor Christus lebte. Mittels eines Prozesses der Verinnerlichung und Askese gelangte er zur »Erleuchtung«, die ein radikales Eintauchen ins Sein bedeutet. Seither wurde er Buddha, »der Erleuchtete«, genannt. Doch diese Erleuchtung – das Buddha-Sein – ist nicht der Alleinbesitz von Siddharta Gautama. Sie wird allen angeboten. Es gibt also die »Buddhaschaft«, jene transzendente Wirklichkeit, die sich innerhalb der Geschichte der Menschen in verschiedener Gestalt selbst mitteilen kann. Der Buddha ist eine Erscheinungsweise der »Buddhaschaft«, die das reinste Licht, das göttliche Licht und das unnennbare Wesen darstellt.

So wird klar, dass der konkrete Inhalt von »Christus« und von »Buddha« auf dieselbe Wirklichkeit verweist. Beide offenbaren Gott. Siddhartha Gautama ist eine Erscheinungsweise des kosmischen Christus in ähnlicher Weise, wie dies auf seine Art Jesus von Nazaret ist. Und Jesus von Nazaret ist ein »Erleuchteter« wie Buddha. Beide waren für diese ihre Sendung »gesalbt«.

Besondere Erscheinungsweisen des Christischen und des kosmischen Christus oder der Erleuchtung beziehungsweise des Tao sind auf ihre jeweils eigene Weise Persönlihckeiten wie Krishna, Franziskus von Assisi, Mahatma Gandhi, Papst Johannes XXIII., Dom Hélder Câmara, Martin Luther King, Mutter Teresa von Kalkutta und viele andere. Sie schöpfen die Möglichkeiten dieser höchsten Wirklichkeit nicht aus, die in allen da ist. Doch in den Genannten erlangten sie eine solche Dichte, dass sie zu Bezugspunkten und Archetypen, zur Orientierung für zahlreiche Menschen wurden, welche sich selbst ebenfalls als Kinder Gottes und Träger von Erleuchtung und Tao entdecken. Der bekannte brasilianische Yoga-Meister Hermógenes fand hierfür die folgenden Worte:

Ich bat Krishna um seinen Segen,

und Christus segnete mich.

Ich betete zu Christus,

und Buddha war es, der mich erhört hat.

Ich rief Buddha an,

und es war Krishna, der mir antwortete.

Der Versuch, den christlichen Glauben in kosmischen Kategorien neu zu denken ist angesichts der ökologischen Katastrophe von ganz besonderer Relevanz. Heute kommt der Rede vom »kosmischen Christus« eine besondere Aktualität zu. Eine tragfähige Grundlage hat unser Engagement für ein solidarisches Zusammenleben in Harmonie mit der Natur nur dann, wenn dem Kosmos selbst Sinn eingestiftet ist, wenn er die Sinnstrukturen offenbart, die unser Handeln nicht zur Selbsttäuschung und Illusion werden lassen. So wie die Mythen der Völker einst eine kosmische Ordnung zum Ausdruck brachten, innerhalb derer der Einzelne geborgen war und Orientierung fand, so geht es auch heute darum, unseren eigenen Daseinsvollzug einzuordnen in ein umfassendes Verständnis der Wirklichkeit, das unser Bemühen um ein menschengerechtes Zusammenleben nicht scheitern lässt. Dem globalen Zerstörungsprozess liegt nicht zuletzt ein bestimmtes Wirklichkeitsverständnis, eine Kosmologie der Herrschaft, zugrunde. Diese prägt das Alltagsbewusstsein der Menschen. Sie ist verantwortlich für die gnadenlosen Ausbeutung der Natur. Sie macht den Einzelnen hierfür gefügig und sorgt dafür, dass er genau jene Verhaltensweisen verinnerlicht, die die kapitalistische Wachstumsmaschine weiter am Laufen halten. Die mit den heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr kompatible, wohl aber von vielen geteilten Auffassung einer »klötzchenhaft« gedachten Materie, von einem mechanisch funktionierenden Universum, dem keinerlei Sinn innewohnt, und von einem Evolutionsprozess, dessen bestimmende Faktoren lediglich Zufall und Konkurrenz sind, führt zur Verinnerlichung genau jener Verhaltensweisen und Gefühle, die wir am besten mit den Begriffen Sucht, Ohnmacht und Resignation beschreiben können. Diese tragen dazu bei, das System der Zerstörung und Selbstzerstörung aufrechtzuerhalten.

Kosmovision der Befreiung

Dieser Weltsicht, die mit der rücksichtslosen ökologischen Ausbeutung der Natur, mit einem »monokulturellen Denken«, mit Patriarchat und ökonomischem Nutzenkalkül korrespondiert, ist eine Kosmovision der Befreiung entgegenzusetzen, die in der Lage ist, dem Einsatz für die Erhaltung des Lebens eine tragfähige Grundlage zu geben: Anstelle eines fragmentierten Universums, das sich aus toten, miteinander nicht verbundenen Dingen zusammensetzt, legen die neue Kosmologie und die Quantenphysik nahe, dass wir es grundlegend mit einer Wirklichkeit dynamischer Beziehungen zu tun haben, innerhalb derer Raum, Zeit, Energie, Materie und Geist Teil eines größeren Zusammenhanges sind. Vor allem aber offenbart die Evolution des Kosmos als ganzen und der Erde im Besonderen einen allem zugrunde liegenden Sinn, eine Richtung hin zu größerer Vielfalt, Gemeinschaft und Interiorität.

So verstanden wird der »kosmische Christus« zu einer Bekenntnisformel dafür, dass die Reich-Gottes-Utopie des Nazareners in der Wirklichkeit des Kosmos selbst verankert ist, der in jener Fülle des Lebens mündet, die Gott selber ist.

Leonardo Boff, geboren 1938, ist einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie. Die Übersetzung und Zusammenstellung der wichtigsten Gedanken seiner kosmologischen Christologie übernahm Bruno Kern. Näher ausgeführt werden diese Gedanken in den Boffs Büchern »In ihm hat alles Bestand. Der kosmische Christus und die modernen Naturwissenschaften« (Kevelaer 2013) und in Mark Hathaway / Leonardo Boff, »Die Weisheit des Kosmos. Ein zukunftsweisendes Weltbild« (Münster 2021).

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