Der Big Player abwesend bei der COP26

                                                            Leonardo Boff                                         

Vom 31. Oktober bis zum 12. November findet in Glasgow, Schottland, die sechsundzwanzigste COP (Conference of the Parties) der UN statt. Laut dem jüngsten Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) sieht das Weltszenario düsterer aus als je zuvor. Wir haben nur ein Jahrzehnt Zeit, um die CO2-Emissionen um mindestens die Hälfte zu reduzieren, sonst werden wir eine Erwärmung von 1,5 Grad Celsius erreichen. Bei dieser Temperatur würde es zu einer ernsthaften Verwüstung der Natur kommen, da sich die meisten Lebewesen nicht anpassen könnten und aussterben würden; es würde auch die Menschheit dramatisch treffen, mit Millionen von Klimaflüchtlingen, weil ihre Regionen zu heiß zum Leben und Produzieren geworden sind; außerdem könnte es zum Eindringen einer breiten Palette von Viren kommen, die sicherlich eine unvorstellbare Anzahl von Menschenleben opfern würden, viel mehr als das derzeitige Covid-19.

Aufgrund dessen, was sich bereits in der Atmosphäre angesammelt hat, da CO2 dort 100 bis 120 Jahre lang verbleibt, werden die Veränderungen, die wir jetzt vornehmen, nichts an dem zunehmenden Verlauf von Extremereignissen ändern, die durch diese Anhäufung verursacht werden; im Gegenteil, sie werden eher noch schlimmer, wie wir bei den Überschwemmungen von New York City gesehen haben. Nicht einmal das von der Wissenschaft vorgeschlagene Geo-Engineering würde den Klimawandel aufhalten. Deshalb behaupten viele Klimaforscher, dass wir zu spät dran sind und es keinen Weg zurück gibt. Diese Erkenntnis hat viele Wissenschaftler zu Skeptikern und Techno-Fatalisten werden lassen. Sie behaupten jedoch, dass wir, wenn wir den Verlauf der zunehmenden Erwärmung nicht mehr ändern können, zumindest die verfügbare Wissenschaft und Technologie nutzen können, um ihre katastrophalen Auswirkungen zu minimieren. Das gegenwärtige Klima wird uns im Vergleich zu dem zukünftigen mild erscheinen.

Der IPCC-Bericht weist nachdrücklich darauf hin, dass diese Situation die absolut sichere Folge menschlicher Aktivitäten ist, die der Natur schaden (Abholzung der Wälder, übermäßige Nutzung fossiler Energien, Erosion der biologischen Vielfalt, zunehmende Wüstenbildung und schlechte Behandlung des Bodens usw.). Es muss unbedingt erkannt werden, dass diese klimatischen Umwälzungen wenig mit der großen Mehrheit der verarmten Menschheit zu tun haben, die Opfer des herrschenden Systems sind. Leider produziert dieses System eine doppelte Ungerechtigkeit: eine ökologische, indem es ganze Ökosysteme zerstört, und eine soziale, indem es Armut und Elend weltweit vergrößert. Die wahren Schuldigen sind die globalisierten industriellen und extraktivistischen Megakonzerne, die die Grenzen der Natur nicht respektieren und von der falschen Prämisse unbegrenzten Wachstums/Entwicklung ausgehen, weil die natürlichen Ressourcen ebenfalls unbegrenzt wären. Die Enzyklika Laudato Sí von Papst Franziskus erklärt diese Annahme zu einer Lüge (Nr. 106).

Was ist von der COP26 in Glasgow zu erwarten? Viele bezweifeln, dass es einen ausreichenden Konsens geben wird, um das Pariser Abkommen mit seiner Verpflichtung, die Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen bis 2050 auf null zu reduzieren, aufrechtzuerhalten. Wir wissen jedoch von den vorangegangenen COPs, dass die Agenda von den Vertretern der Megakonzerne kontrolliert wird, insbesondere von denen der Öl- und Lebensmittelindustrie. Sie neigen dazu, den für sie vorteilhaften Status quo aufrechtzuerhalten und widersetzen sich grundlegenden Veränderungen, die sie zwingen würden, auch ihre Produktionsweise zu ändern und ihre Gewinne zum Wohle des globalen Gemeinwohls zu reduzieren. Auf diese Weise schaffen sie Hindernisse für einen Konsens und bremsen drastischere Maßnahmen angesichts der offensichtlichen Verschlechterung des Klimagleichgewichts der Erde.

Um eine lange Diskussion zu vermeiden, möchte ich einfach sagen, was die Erd-Charta (2003) und die beiden Öko-Enzykliken von Papst Franziskus, Laudato Si: über die Sorge für das gemeinsame Haus (2015) und Fratelli tutti (2020), in voller Ernsthaftigkeit sagen: Wir müssen eine “tiefgreifende ökologische Umkehr” vollziehen, denn “wir sitzen alle im selben Boot; entweder wir retten uns alle oder niemand wird gerettet” (Erd-Charta, Präambel und Schluss: Fratelli Nr. 30.34). Es kommt vor, dass das Thema: Wie ist unsere Beziehung zur Natur, plündernd oder pflegend? Die Erhaltung ihrer Biokapazität oder die Erschöpfung ihrer für unser Leben und Überleben notwendigen Güter und Dienstleistungen? Da diese Frage nicht gestellt wird, wird sie auch nicht beachtet und beantwortet.

Die Erde und die Natur sind jedoch der Big Player. Von ihrer Erhaltung hängen alle anderen Projekte der Befürworter und die Zukunft unserer Zivilisation ab. Die Analyse der unbestreitbaren und weit verbreiteten Verschlechterung des Zustands der Erde wird auf den verschiedenen COPs nicht berücksichtigt. Im Mittelpunkt steht die vorherrschende politische Ökonomie, der dominierende Akteur, der die eigentliche Ursache für das Ungleichgewicht des Klimas ist. Sie wird nie in Frage gestellt.

Der eigentliche Retter ist die Natur, die Erd-Gaia, die aber in allen COPs völlig abwesend ist und es vermutlich auch in Glasgow sein wird. Aus der Sicht von Fratelli tutti: Entweder wir bewegen uns vom Dominus-Paradigma, bei dem der Mensch von der Natur abgekoppelt ist und sich als ihr Besitzer und Beherrscher sieht, zum Frater-Paradigma, bei dem sich der Mensch als Teil der Natur und als Bruder und Schwester mit den Menschen und allen anderen Naturwesen fühlt, oder wir gehen auf das Schlimmste zu. Dies ist die quaestio stantis et cadentis, d.h. die grundlegende Frage, ohne die alle anderen Fragen hinfällig sind.

Dieses Mal liegt die Zukunft in unseren Händen. Wie es am Ende der Erd-Charta heißt: “Wie nie zuvor in der Geschichte ruft uns unser gemeinsames Schicksal dazu auf, einen neuen Anfang zu suchen. Kehren wir zum alten, für den Großteil der Menschheit fürchterlichen Weg zurück, oder haben wir den Mut zu einem Neuanfang, im Gegensatz zum Great Reset der Milliardäre? Wir wollen einen echten “Neuanfang”, der der gesamten Lebensgemeinschaft zugute kommt, insbesondere dem Gemeinsamen Haus und uns, seinen Bewohnern, einschließlich der Natur. Das ist die Bedingung für unseren Fortbestand auf diesem kleinen und wunderbaren Planeten Erde.

Leonardo Boff ist Ökotheologe und Autor vonCaring for the Earth, protecting life: how to escape the end of the world, Record, Rio de Janeiro 2010; zusammen mit J. Moltmann, Is there hope for the threatened creation? Vozes, Petrópolis 2014.

Ubersezt von Bettina Goldhacker

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